Bärbel Kofler ist Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung und war kürzlich in Katar.
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BerlinSeit vier Jahren ist Bärbel Kofler Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Die SPD-Politikerin setzt bei ihrer Arbeit den Fokus auf die Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Erst kürzlich besuchte sie Stadionbaustellen in Katar, wo 2022 die Fußballweltmeisterschaft stattfinden wird.

Frau Kofler, werden Sie guten Gewissens WM schauen?

Um diese Fußballweltmeisterschaft mit gutem Gewissen schauen zu können, müssten wir mehr über die Hintergründe ihrer Vergabe an Katar wissen. Es besteht der Verdacht der Korruption. Von den Arbeitsbedingungen habe ich mir am Bau des Stadions, in dem das Eröffnungsspiel stattfinden wird, ein Bild gemacht.

Ihr Eindruck?

Eine gut organisierte Baustelle mit vertretbaren Arbeitsstandards. Die beteiligten internationalen Konsortien sind um ihren guten Ruf bemüht. Aber von den Standards auf der Stadionbaustelle sind andere Baustellen – und am Golf wird sehr viel gebaut – weit entfernt. Jetzt kommt es darauf an, die bei den Stadionbauten eingeforderten Standards auf die gesamte Bauwirtschaft zu übertragen. Da geht es um den Einsatz bei Hitze, um Entlohnung, Unterbringung und rechtliche Abhängigkeiten vom Arbeitgeber. Auch nach der WM sollten wir da genau hinschauen.

Die Staaten am Golf werben um deutsche Touristen. Muss man bei der Urlaubsplanung die Menschenrechtslage im Gastland berücksichtigen?

Wer einen Urlaub bucht, sollte sich über die Menschenrechtslage vor Ort erkundigen. Schon aus Selbstschutz: In einigen Ländern kann es passieren, dass man zur Polizei geht, um eine Vergewaltigung anzuzeigen – und plötzlich selbst des Straftatbestands einer außerehelichen Beziehung bezichtigt wird. Urlaub soll der Entspannung dienen – ich halte es aber für angebracht, sich zu fragen, wie es um die Arbeits- und Lebensbedingungen des Kellners oder des Zimmermädchens steht und ob das im Einklang mit unserem Verständnis von menschenwürdiger Arbeit steht. Aber auch Tourismusunternehmen stehen in der Verantwortung, ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht gerecht zu werden und dies zu dokumentieren.

In China ist das Spannungsverhältnis zwischen Menschenrechten und Wirtschaftsinteressen besonders ausgeprägt. Mehr als eine Million Uiguren sind in der Provinz Xinjiang in Umerziehungslagern eingesperrt. Trotzdem lassen deutsche Konzerne wie VW und BASF in der Region fertigen. Ist das richtig?

Die Internierungslager in Xinjiang sind schon lange bekannt. Ich fand erschreckend, dass VW-Chef Herbert Diess noch im April dieses Jahres auf der Automesse Shanghai erklärte, nichts darüber zu wissen. Die Wirtschaft darf sich nicht wegducken. Sämtliche in China tätige Unternehmen müssen wissen, wen sie in ihren Werken beschäftigen, ob darunter Zwangsarbeiter sind oder nicht.

Welche Konsequenzen fordern Sie?

Ich halte EU-weite Einreisebeschränkungen für chinesische Funktionäre, die Zwangsarbeit anordnen, sowie Importverbote für Unternehmen, die Zwangsarbeiter beschäftigen oder davon profitieren, für angebracht.

Auch Europa missachtet in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln Menschenrechte. Muss das sein, um abzuschrecken?

Nein. Die griechische Regierung schlägt Alarm, die Flüchtlingszahlen auf den Inseln steigen. Das zeigt doch: Die katastrophalen Zustände in den Lagern halten Menschen nicht von der Flucht ab. Was sie zur Flucht bewegt, ist schlimmer als das, was sie in den Lagern erdulden müssen. Wir dürfen Griechenland nicht allein lassen. Die neue EU-Kommission muss schnell einen neuen Anlauf zu einer fairen Verteilung der Geflüchteten auf die EU-Staaten unternehmen. Wünschenswert wäre auch ein neues Schutzprogramm für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.