"Supergeil" sind die Lebensmittel-Preise nur für Schnäppchenjäger: Landwirte protestieren gegen billige Lebensmittel.
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BerlinMan könnte sagen, dass es nicht zuletzt auch die jüngste Werbekampagne war, die den Verantwortlichen von Edeka eine Vorladung ins Kanzleramt eingetragen hat. „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“, stand vor einiger Zeit auf Plakaten in Niedersachsen zu lesen. Und obwohl dazu noch Otto Waalkes abgebildet war und Edeka meinte, das Ganze sei ein Missverständnis, fanden die dortigen Bauern das alles gar nicht lustig und blockierten mit ihren Traktoren kurzerhand ein Edeka-Auslieferungslager in Oldenburg.

Am Montag ging es nun im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (beide CDU) um „Fragen der fairen Ausgestaltung der Wertschöpfungskette für landwirtschaftliche Erzeugnisse“.

Rewe-Chef verteidigt Preisgestaltung

Rewe-Chef Lionel Souque, der ebenfalls eingeladen war, hatte vor dem Gespräch die Praxis der Preisgestaltung verteidigt. Man sei auch den Millionen Menschen in Deutschland verpflichtet, die in Armut oder an der Armutsgrenze leben, erklärte er vor dem Treffen, das für anderthalb Stunden angesetzt war. Er fand es aber richtig, über mehr Wertschätzung von Lebensmitteln zu reden. „Da gibt es in Deutschland sicherlich Nachholbedarf.“

Das sahen offenbar auch die anderen Gesprächsteilnehmer so, denn nun soll es eine „Kommunikationsallianz“ von Landwirten und Handel zur Wertschätzung von Lebensmitteln geben. Das teilte Julia Klöckner nach dem Termin mit. Sie werde nun den Handel und die Landwirtschaft zu einem gemeinsamen Treffen einladen, sagte sie und kündigte zudem an, eine europäische Richtlinie zu unfairen Handelspraktiken schnell umzusetzen. Wer diese nicht einhalte, müsse mit Bußgeldern rechnen: „Wir stehen an der Seite derer, die gute Lebensmittel produzieren.“ Es müsse aber gerecht zugehen. Es gebe eine große Liste von unfairen Handelspraktiken.

Kanzlerin Angela Merkel hatte zuvor betont, dass die Politik nicht auf staatlich diktierte Mindestpreise hinarbeite, es müsse aber „faire Beziehungen“ der Akteure am Markt geben. Dabei sei der Handel allerdings selten direkt mit den Landwirten verbunden. Dazwischen lägen Ernährungswirtschaft, Großabnehmer, Molkereien oder Fleischverarbeiter, mit denen ebenfalls ein weiterer Dialog nötig sei. „Wir haben ein gemeinsames Interesse an einer starken regionalen Versorgung.“ Es gehe um die Frage, wie diejenigen, die Lebensmittel erzeugen, überleben könnten angesichts der gestiegenen Sensibilität für Qualität und Umweltauflagen.

Viele Verbraucher greifen zu Billigfleisch

Eine Mehrheit der Verbraucher gibt bei Umfragen regelmäßig an, dass man bereit wäre, für ökologische oder tierwohlfreundliche Lebensmittel auch mehr Geld zu bezahlen. Die meisten greifen im Supermarkt dann aber doch zum Billigfleisch das lässt sich klar aus den Absatzstatistiken herauslesen.

Für Anne Markwardt, Leiterin des Teams Lebensmittel beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, ist das nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. „Wir leben in einem Markt, in dem die Verbraucher Qualität wegen mangelnder Kennzeichnung kaum verlässlich erkennen können“, sagte sie der Berliner Zeitung. Sie bedauerte es, dass die Verbraucherverbände nicht zum Gespräch ins Kanzleramt eingeladen waren. Dabei werde den Verbrauchern oft einseitig der schwarze Peter zugeschoben, weil es immer heiße, dass sie es seien, die keine höheren Preise zahlen wollten. „Viele fragen sich aber zu recht, ob der höhere Preis eines Lebensmittel vor allem an seinem Marketing liegt“, sagte sie.

Fördermittel nicht ans Tierwohl gekoppelt

Scharfe Kritik übte Markwardt an der Landwirtschaftspolitik, die Fördermittel nicht ans Tierwohl koppelt. Für einige Tierarten in Deutschland gebe überhaupt keine gesetzlichen Standard für die Haltung, so die Verbraucherexpertin.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nannte die „Einbestellung“ der Branche bei Merkel ein wichtiges Zeichen. Wer Marktmacht ausnutze und sich beim Verbraucher mit Billigangeboten anbiedere, stehe einer Agrarwende im Weg. SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch forderte eine neue EU-Agrarpolitik, die Qualität und nicht Masse fördere.

Grünen-Agrarexperte Friedrich Ostendorff kritisierte, zur Umsetzung der EU-Richtlinie sei die Bundesregierung ohnehin verpflichtet. Sie nutze Spielräume nicht, sondern setze weiter auf freiwillige Selbstverpflichtungen. Der FDP-Fachpolitiker Gero Hocker warb dafür, Zusammenschlüsse von Landwirten zu stärken, um ein Gegengewicht zum Handel zu bilden. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel wandte sich gegen staatliche Eingriffe, bei denen die Verbraucher vom Schnitzel über Käse bis zur Wurst tiefer in die Tasche greifen müssten.