Athen - Es gab Begleitschutz für Angela Merkel, gleich von Anfang an und von höchstem Rang. Bereits am Flughafen von Athen empfing der griechische Premier Antonis Samaras die Bundeskanzlerin. Er hatte einige Minister mitgebracht, einen roten Teppich und eine Militärkapelle in weißen Uniformen. Nur der Wind wehte frisurunfreundlich. Aber sonst war das Zeichen: Willkommen.

Auf den Straßen der griechischen Hauptstadt hatte es in den vergangenen Monaten und Tagen selten Merkel-freundlich ausgesehen. Auf Plakaten wurde Merkel in Nazi-Uniform gezeigt. Der Kanzlerin wird vorgeworfen, Griechenland einen zu strengen Sparkurs aufgezwungen zu haben, verantwortlich zu sein für gekürzte Renten, hohe Arbeitslosigkeit und wenig Zukunftshoffnung.

Empfang mit Hakenkreuzfahnen

Und nun war dieses Feindbild also nach Athen gereist, zum ersten Mal seit Beginn der Krise, für ein paar Stunden nur. Am Morgen hin, am Abend zurück. Zehntausende Demonstranten versammelten sich auf dem Platz vor dem Parlament. „Merkel raus, Griechenland ist keine Kolonie“, stand auf Plakaten oder „Das ist nicht die EU, sondern Sklaverei“. Auch Hakenkreuzfahnen waren wieder zu sehen.

Merkel hat von diesen Protesten kaum etwas mitbekommen – außer vielleicht übers Internet oder übers Fernsehen. Ihr Tross wurde streng abgeschirmt. Mehr als 7 000 Polizisten waren im Einsatz, Scharfschützen waren in der Stadt postiert. Die Innenstadt war streng abgeriegelt, Parks gesperrt, einige Schulen und mehrere U-Bahn-Stationen wurden geschlossen.

Kein leichter Rahmen also für einen Besuch. Merkel und Samaras gaben sich umso freundschaftlicher. Ihr Treffen sei von Ehrlichkeit und Solidarität geprägt gewesen, verkündete der sonst ernste Samaras geradezu schwärmerisch auf der gemeinsamen Pressekonferenz. Er sprach vom Verständnis der Kanzlerin für die Lage Griechenlands und davon, dass Merkel helfen wolle. Sie sei ein Freund Griechenlands. „Unser gemeinsamer Feind ist die Krise“, sagte Samaras. Und Merkel gab zurück: „Wir sind Partner. Wir sind Freunde. Wir versuchen, Probleme gemeinschaftlich zu lösen.“

Verständnisvoller Ton

Demonstrativ verbreiteten beide Zuversicht – an einem Tag, an dem der Internationale Währungsfonds (IWF) Griechenland gerade bescheinigt hatte, beim Sanierungsplan hinter den Vorgaben zurückzubleiben. An einem Tag, an dem die EU-Finanzminister dem Land gerade eine neue Frist von wenigen Tagen gesetzt haben.

„Es ist ein großes Stück des Weges zurückgelegt“, sagte Merkel deutlich freundlicher gestimmt in Athen. Primär- und Außenhandelsdefizit und Lohnstückkosten seien bereits beachtlich gesunken. Es bleibe noch einiges zu tun, aber das könne bewältigt werden. Deutschland werde bei der Verbesserung des Gesundheitswesens helfen und bei der Modernisierung der regionalen Verwaltung – 30 Millionen Euro stellt die EU dafür zur Verfügung.

Sie erinnerte daran, dass auch Deutschland Erfahrung habe damit, wie lange Reformen dauerten, bis sie Wirkung zeigten. Dass Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung finanzielle Unterstützung benötigt habe und auch Hilfe beim Aufbau einer neuen Verwaltung. „Es ist ein neues Denken, das Platz greifen muss“, sagte Merkel. Das gehe nun mal nicht mit einem Paukenschlag.

Es war der verständnisvolle Ton, den Merkel seit nun seit einigen Wochen anschlägt. Sie hat kein Interesse daran, dass auch diese griechische Regierung wieder scheitert. Samaras, der Merkel erst Ende August in Berlin besuchte, erklärte, es werde nun ein neues Kapitel aufgeschlagen bei der Bewältigung der Krise. „Alle, die gegen Griechenland gewettet haben, werden ihre Wette verlieren“, sagte er.

Griechenland werde in der Euro-Zone bleiben. Und eigens wies er darauf hin, dass auch die Griechen Stolz und Ehrgefühl besäßen. Draußen wurde derweil weiter demonstriert. Es gab Steinwürfe, die Polizei setzte Tränengas ein. Bis zum frühen Abend wurden nach Agenturberichten mehrere Dutzend Demonstranten festgenommen.

Aus Deutschland nahm Linken-Chef Bernd Riexinger an der Demonstration teil, zu der Gewerkschaften und linke Parteien aufgerufen hatten. Er hätte Merkel gerne gesehen, nicht gerade an seiner Seite, aber als Rednerin vor den Demonstranten: „Merkel hätte sich den verzweifelten  Menschen in Athen stellen sollen, anstatt sich nur mit Beamten, Ministern und Unternehmern zu treffen", sagte er dieser Zeitung.

Im Übrigen habe er „für die Interessen der deutschen Steuerzahler“ demonstriert. Merkel habe „die Steuer-Euros  im europäischen Bankensumpf versenkt, nicht wir“, so Riexinger. „Jetzt müssen wir alle miteinander in Europa einen Weg finden, die Karre aus dem Dreck zu ziehen“. Denn niemand könne ein Interesse daran haben, dass es in Griechenland zu einer sozialen Katastrophe  komme.

„Wenn Griechenland keinen Weg der wirtschaftlichen Erholung findet, dann ist das Geld weg.“ Der Linksparteichef monierte, Merkel beharre auf einer Politik des Abwürgens wirtschaftlicher Potenziale. „Damit schadet sie auch den deutschen Steuerzahlern. Aufschwung in Europa geht anders.“

Merkel bietet Unterstützung an

Merkel zog die Pressekonferenz als Bühne vor: „Ich bin hier nicht als Lehrerin oder Notengeberin hergekommen, sondern um Unterstützung auf einem sehr schwierigen Weg zu leisten“, versicherte sie dort. Es sei ein harter Weg, den Griechenland noch vor sich habe, „aber er wird sich für Griechenland lohnen“.

Nach einem Gespräch mit dem Staatspräsidenten und Wirtschaftsvertretern war der Rückflug angesetzt. Nun geht das Warten auf den Bericht der Troika aus Internationalem Währungsfonds, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank weiter. Der Bericht ist entscheidend dafür, ob Griechenland weiter mit internationaler Unterstützung rechnen kann.

In der Regierungskoalition in Berlin unken manche, man versuche, sich die Lage möglichst schönzurechnen. Merkel begründete die Verzögerung anders: Gründlichkeit gehe eben vor Schnelligkeit. Aber lange habe man nicht mehr Zeit. Samaras habe klargemacht, dass Griechenland die nächste Kredittranche dringend brauche. (mit mdc.)

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