Nach der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin findet auch die Internationale Handwerksmesse in München nicht statt.
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MünchenHolger Schwannecke ist sauer. „Dieses Gespräch hätte stattfinden müssen, um positive Signale zu senden für das Zusammenstehen von Politik und Wirtschaft“, murrt der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Er spricht vom traditionellen Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft am Rande der Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München.

Die Messe, die kommende Woche hätte beginnen sollen, ist dem Coronavirus zum Opfer gefallen und abgesagt worden. Warum Merkel aber vor dem Spitzengespräch gekniffen hat, verstehen die Spitzen des Handwerks bis heute nicht.

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Unterbrochene Lieferketten

„Es geht nicht nur um Gesundheitsschutz, sondern auch darum, das soziale Leben nicht zum Erliegen kommen zu lassen und unsere Probleme zu besprechen“, erklärt Schwannecke seinen Gesprächsbedarf. Diese Probleme sind coronabedingt groß. Bislang sind Handwerksbetriebe zwar direkt etwa durch Quarantäneanordnungen noch nicht betroffen. Industrienahe Handwerker leiden aber bereits mit, wenn etwa Maschinenbauer oder die Automobilbranche über Zulieferketten vom Virus getroffen werden.  

Das Drohpotenzial für das Handwerk zeigt sich an der ersten IHM-Absage seit 72 Jahren. „Es gibt Aussteller, die ein Fünftel oder ein Viertel ihres Jahresumsatzes aus der Messe ziehen“, erklärt Messechef Dieter Dohr. 2019 hätten Handwerker auf der Leitmesse mit ihren über 110.000 Besuchern und rund 1000 Ausstellern binnen fünf Tagen 42 Millionen Euro umgesetzt und darüber hinaus viele Aufträge eingesammelt. Das falle dieses Jahr absagebedingt flach. Das gibt einen Vorgeschmack darauf, was Handwerkern noch drohen könnte.

Politische Hilfe für Handwerksbetriebe

Der ZDH und andere Teile der deutschen Wirtschaft wollen von der Bundeskanzlerin wissen, wie sie im Falle eines weiteren Umsichgreifens des Virus politisch zu helfen gedenke. Im Gegensatz zu Industriebetrieben haben Handwerksbetriebe oft nur eine dünne Kapitaldecke. Stünde ein Betrieb über Monate still, weil Behörden eine Quarantäne über ihn verhängen, sei schnell die Existenz bedroht, warnt der ZDH.  

Mit Merkel hätte man deshalb dringend über Liquiditätshilfen und Steuerstundungen sprechen wollen oder darüber, wie das Instrument Kurzarbeit entbürokratisiert und damit rascher wirksam gemacht werden kann. Auch ein Belastungsmoratorium fordert das Handwerk. Darunter versteht der ZDH ein Aussetzen aller Maßnahmen, die Sozialabgaben und Steuern erhöhen oder Regularien verschärfen. Es brauche politische Zusagen, die sicherstellen, dass Betriebe bis zum Auslaufen der Corona-Bedrohung durchhalten können.  

Teil der Daseinsvorsorge

Auch gesellschaftlich hätten beruhigende Worte der Kanzlerin im Schulterschluss mit Handwerk und Wirtschaft segensreich sein können, finden Schwannecke und Dohr. Schließlich seien Handwerksbetriebe nahe am Bürger und oft ein Teil der Daseinsfürsorge.  

Die IHM abzusagen, sei nicht leicht gefallen, betonte Dohr. Aber man habe nicht bei allen Besuchern und Ausstellern die Herkunft und deren Gesundheitsstatus kontrollieren können, wie es Behörden virusbedingt verlangen. Wer jetzt auf den Kosten für die kurzfristig abgesagte Messe sitzen bleibt, sei noch offen. Messegesellschaft und Aussteller werden sie sich in irgendeiner Form teilen müssen.  

Handwerk hierzulande stabil

Von den 185 internationalen Messen in Deutschland in diesem Jahr sind bislang rund 30 abgesagt oder verschoben worden, sagt ein Sprecher des Verbands der Deutschen Messewirtschaft. Vor allem der März und April seien bislang betroffen. Gegen Ausfall versichert ist offenbar keine Messe, weil existierende Policen entweder das Risiko Pandemie ausschließen oder bei Einschluss unbezahlbar teuer sind. Auch die IHM ist nicht versichert.  

Grundsätzlich sei das Handwerk hierzulande in einer guten Lage und stabil, versicherte Schwannecke. Prognosen, wonach der Branchenumsatz 2020 um weitere drei Prozent zulegt, nachdem er 2019 um vier Prozent auf 637 Milliarden Euro geklettert war, will er vorerst nicht korrigieren. Das geschehe aber vor allem wegen fehlender aktueller Daten sowie der ungewissen Lage und weniger aus der Zuversicht, dass das Coronavirus am Handwerk spurlos vorbeigeht.