Das leere Messegelände in Berlin.
Foto: dpa/Frank May

BerlinAm Donnerstag geht für Rüdiger Koch eine neue Zeitrechnung los. Seine Firma lief gut, ein Spezialunternehmen für Möbelbau, Design, Setbau und Veranstaltungsorganisation. Die Umsätze lagen im Millionenbereich und sicherten das Einkommen von 80 Mitarbeitern. Bis Corona kam. Es gibt nichts mehr zu tun. Am Donnerstag gehen alle in die Kurzarbeit – und damit haben das Unternehmen und die Beschäftigten wenigstens eine Chance, die Pandemie-Zeit zu überstehen.

„Wir machen derzeit genau null Euro Umsatz“

Die Firma Kaluza und Schmid hat sich spezialisiert auf die Ausstattung großer, teurer Veranstaltungen. Dazu zählen Bundespresseball, der Ball der Wirtschaft, der VIP-Bereich des jährlichen Formel-E-Rennens in Berlin und etliche Sommerfeste der Landesvertretungen. Das Unternehmen baut Bars, Büffets, Bühnen, selbst Pools. Hochwertige Dinge, alles aus einer Hand, mit sehr hohem Gestaltungsanspruch. „Wir machen das höfische Fest des 21. Jahrhunderts“, scherzt Koch.

Anfangs hatte ich den Eindruck, dass viele Gesprächspartner noch gar nicht wirklich verstanden haben, wovon ich eigentlich rede.

Rüdiger Koch, Veranstaltungsausstatter und Messebauer

Doch diese Feste findet nun nicht mehr statt. Und auch kein anderes. „Wir machen derzeit genau null Euro Umsatz. Deshalb machen wir jetzt den Schnitt“, sagt Koch. Normalerweise macht seine Firma rund zehn Millionen Euro Umsatz im Jahr. Dieses Jahr wird’s deutlich weniger.

Hier lesen Sie: Automobilindustrie: BMW stoppt Betrieb in europäischen Werken >>

Rüdiger Koch war nicht untätig, seit alle Zusagen und Buchungen plötzlich nichts mehr Wert waren. Die gesamte Belegschaft kam gerade aus einem „fürchterlichen Februar“, wie er es nennt. Es habe so viel Arbeit gegeben, dass sie nicht mehr zu bewältigen war. Hinzu kam ein Todesfall in der Firma. Eine 22-Jährige wurde in Friedenau von einem zivilen Polizeiauto umgefahren und starb. Ein Riesenschock für alle Kollegen. Hinzu kam die Unruhe durch den Umzug der Firma von Reinickendorf ins Umland nach Mühlenbeck. Und dann kam Corona.

Koch ist froh über neue Regelungen zur Kurzarbeit

Jetzt putzt Koch Klinken. Er war bei der Senatswirtschaftsverwaltung und bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), um Alarm zu schlagen für eine ganze Branche, die die Auswirkungen der Pandemie als erste zu spüren bekam. „Anfangs hatte ich noch den Eindruck, dass viele Gesprächspartner gar nicht wirklich verstanden haben, wovon ich rede“, sagt Koch. Dabei hat der Senat Ende Februar die Tourismusbörse ITB abgesagt. Doch die Auswirkungen dieser sowie der noch folgenden Absagen wollten viele zunächst gar nicht wahrhaben, so war Kochs Eindruck. Das hat sich inzwischen geändert.

Koch ist froh darüber, dass die Bundesregierung vorige Woche die Regeln für das Kurzarbeitergeld geändert hat. Das bedeutet, er kann seine Leute jetzt einigermaßen guten Gewissens nach Hause schicken. Sie bekommen dann 70 Prozent ihres Gehalts, und er muss niemanden entlassen. „Ich sage allen: Geht zum Jobcenter. Vielleicht können einige ja aufstocken.“

Für die Angestellten scheint es also eine Lösung zu geben. Doch in der Veranstaltungsbranche arbeiten bekanntlich viele Freie, Künstler, Kleinst-Selbstständige. Sie alle stehen vor einem schwarzen Loch.

Die Branche hofft auf Geld von der Bundesregierung

Entsprechend groß sind die Sorgen von Jan Kalbfleisch, dem Geschäftsführer des Messeausstatter-Branchenverbandes Famab. Er hält die Kurzarbeiterregelung auch für bei Weitem nicht ausreichend. Ähnliches gilt für den Liquiditätsfonds über demnächst 300 Millionen Euro, den Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) dieser Tage angekündigt hat. „Da gibt es Kredite mit Zinsen von bis zu sieben Prozent“, sagt der Messeausstatter. „Das hilft aktuell vielen Firmen und ihren Mitarbeitern nicht“. Kalbfleisch fordert von der Bundesregierung stattdessen Geld, sofort auszahlbar, am besten natürlich zinslos.

Davon träumt auch Rüdiger Koch. Einen Trost hat er darüber hinas noch. Für sich und seine Branche: Es wird wieder aufwärts gehen, und dann gewaltig, denn: „Der Mensch ist ein soziales Wesen, der will feiern.“ Und dafür braucht er Bars und Tresen.