Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin - Messen werden abgesagt, Hotelzimmer storniert, Unternehmen lassen Überstunden abbummeln oder stellen auf Homeoffice um. Neben dem Gesundheitssektor trifft das Coronavirus vor allem die Wirtschaft hart, die Langzeitfolgen sind noch vollkommen unklar. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) rechnet bereits jetzt auch fest mit gravierenden Folgen für den Landeshaushalt und die öffentlichen Kassen: „Wir erwarten erhebliche finanzielle Folgen“, sagte er am Dienstag.

Es sei mit „erheblichen Steuerausfällen“ durch Einbußen zum Beispiel im Tourismus, der Hotellerie und Gastronomie zu rechnen, so Müller. „Das muss allen bewusst sein, dass das auch in den nächsten Jahren bezahlt werden muss.“ Der Handelsverband Berlin-Brandenburg rechnete am Dienstag nach ersten Schätzungen alleine durch die Absage der Internationalen Tourismusbörse (ITB) für Unternehmen in der Region mit Verlusten mindestens im zwei- vielleicht sogar im dreistelligen Millionenbereich.

In Deutschland bislang nur zweiseitiger Leitfaden

Fragen, die sich in ganz Europa zurzeit stellen: Wie weit will die Politik beim präventiven Bevölkerungsschutz gehen? Wie sehr will sie das öffentliche Leben und damit auch die Wirtschaft lahm legen? Andere Länder haben Großveranstaltungen abgesagt, um der Verbreitung des Virus Einhalt zu gebieten. In Frankreich wurden alle Veranstaltungen mit mehr als 5000 Besuchern, in der Schweiz mit mehr als 1000 Besuchern gestrichen. Darunter fallen auch Fußballspiele der ersten Liga.

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In Deutschland gibt es bisher nur einen eher zweiseitigen Leitfaden des Robert-Koch-Instituts zur „Risikoeinschätzung und Handlungsempfehlung für Großveranstaltungen“. Müller will es dabei belassen: Er sagte am Dienstag, dass jeder Veranstalter nach einer sorgfältigen Risikoeinschätzung selbst abwägen müsse, ob er eine Veranstaltung absage oder nicht – und jeder Bürger eigenverantwortlich entscheiden müsse, ob er hingehe. Man habe es mit einer sehr ernsten Situation zu tun. „Aber letztendlich kann nicht ein allgemeiner Schutz für alle organisiert werden“, so Müller. „Man würde eine Sicherheit suggerieren, die man nicht geben kann.“

Fraglich ist allerdings, ob die Ausrichter von Großevents bereit sein werden, ihre Profite im Zweifelsfall dem Bevölkerungsschutz unterzuordnen. Bisher ist die Internationale Tourismusbörse (ITB) die einzige Großveranstaltung, die wegen Corona in Berlin abgesagt wurde. Und das maßgeblich, weil das zuständige Gesundheitsamt die Auflagen so weit erhöhte, dass sie nach Einschätzung der Messe Berlin insgesamt nicht mehr umsetzbar waren.

CTS Eventim, einer der größten Ticketanbieter europaweit, teilte der Berliner Zeitung am Dienstag auf Nachfrage mit, dass man wegen des Coronavirus bisher nicht eine Absage von Konzerten oder anderen Kulturveranstaltungen in Berlin verbuche. Anders als in Italien und der Schweiz – wo es wegen behördlicher Vorgaben reihenweise Absagen hagelt, die sogar den Aktienkurs von CTS Eventim gerade in die Tiefe reißen.

Wegen Ausfällen „Schmalspurproduktion“ in Firmen

Bei der Einschätzung der Folgen und Bezifferung der Verluste halten sich alle Handelsverbände noch zurück. Es sei schlicht nicht absehbar, wie lange Corona mit solcher Vehemenz grassiere und wie teuer das Virus letztendlich zu Buche schlage. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sagte am Dienstag, dass es durchaus sein könne, dass „wir mehrere Jahre mit diesem Virus leben und damit umgehen lernen müssen“.

Neben der zurzeit von Absagen besonders stark betroffenen Gastronomie und Hotellerie macht sich Corona auch schon deutlich in Fabriken und anderen Unternehmen bemerkbar. Von einer „Schmalspurproduktion“ in vielen Firmen spricht die Industrie- und Handelskammer schon jetzt – weil den Firmen Teile aus China, einer der wichtigsten Produktionsstätten weltweit, fehlten. Oft ließen diese Unternehmen jetzt Überstunden abbauen. „Die Entwicklung betrachten wir mit Sorge, auch negative Auswirkungen für das Wirtschaftswachstum sind zu befürchten“, sagte Henrik Vagt, Geschäftsführer der IHK Berlin.

Allerdings gelte noch: „Gesamtwirtschaftlich sind wir weit von einem Krisenszenario wie 2008 entfernt.“ Zurzeit halte die IHK ein Konjunkturprogramm für verfrüht. Doch die Lage sei dynamisch und müsse permanent neu bewertet werden. „Schon in einer Woche kann sich die Situation für die Berliner Wirtschaft anders darstellen.“

Kommt Senat für Ausfälle kleinerer Unternehmen auf?

Die Politik denkt schon jetzt über Entschädigungen und Unterstützung für betroffene Unternehmen nach. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop setzte sich am Dienstag mit den wichtigen Handelsverbänden an einen Tisch und diskutierte bis in den frühen Abenden Notwendigkeiten und Hilfen.

Michael Müller teilte mit, dass die Absage der ITB „große Folgen, auch beim Jahresabschluss“ für die Messe Berlin haben, so Müller. Die Messe als großes Unternehmen könne das verkraften. Bei mittelständigen Unternehmen aber werde die Politik diskutieren müssen, „inwiefern man zahlt“, so Müller.

Immerhin: Bei weitem nicht jedem Unternehmen bringt Corona miese Zahlen. Hamsterkäufe haben in den Supermärkten in Berlin und Brandenburg laut Handelsverband Berlin-Brandenburg dafür gesorgt, dass der Umsatz in dieser Woche gestiegen ist – um 30 bis 40 Prozent.