Berlin - Für Gorillas lief es genau ein Jahr lang großartig. Mit dem Push von Corona und dem Slogan „Faster than you“ versorgte das Berliner Start-up den besser gestellten Großstädter in seiner City-Wohnung zuverlässig mit den dringend benötigten Zutaten für eine Sauce Bolognese, Klopapier oder Futter für die Katze. Keine Viertelstunde nach der Bestellung stand der Bote auf der Schwelle. Doch als Anfang Juni jene Kuriere mit einer schon verkümmert geglaubten Arbeitersolidarität gegen die Entlassung eines Kollegen protestierten, erfuhr die Öffentlichkeit auch von der Welt hinter dem Hype um die Lonesome Rider mit ihren schwarzen Rucksäcken.

Die Angestellten blockierten Depots und streikten wild für bessere Arbeitsbedingungen, pünktliche Bezahlung und unbefristete Anstellung. Seitdem flammen die Proteste immer wieder auf, und es sieht nicht danach aus, dass es bald wieder ruhig wird um Gorillas. Auffällig ruhig ist es dagegen bei der Konkurrenz, die mit identischem Geschäftsmodell unterwegs ist. Gibt es dort keinen Grund zur Klage?

Das 2013 gegründete US-Unternehmen Gopuff als Vorbild

Bei den etablierten Gewerkschaften ist man dazu überraschend kenntnisfrei. Tatsächlich waren Verdi und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten zunächst über Monate damit beschäftigt, die Verantwortlichkeit für die fahrenden Einzelhändler untereinander zu klären. Seit drei Wochen ist das entschieden und Verdi demnach zuständig. Doch ist das Interesse an der weit zerstreuten Branche mit wohl geringer Aussicht auf zahlende Mitglieder dort offenbar nicht sonderlich groß.

Aber auch bei der nach eigenen Angaben „anarcho-syndikalistischen Gewerkschaftsföderation“ FAU, die bereits seit 1977 besteht und sich in der Vergangenheit immer wieder auch für Fahrradkuriere etwa von Lieferando einsetzte, hat man nichts von schwelendem Unmut bei der Gorillas-Konkurrenz gehört.

Der unmittelbarste Wettbewerber von Gorillas ist das Start-up Flink. Erst im Dezember vergangenen Jahres wurde es unter anderem von dem Ex-Home24-Chef Christoph Cordes und dem Foodora-Gründer Julian Dames angeschoben. Flink ist gewissermaßen ein Klon von Gorillas, wie Gorillas eine Kopie des bereits seit 2013 existierenden US-Unternehmens Gopuff ist. Sie alle betreiben in ihrem Geschäftsgebiet kleine Depots, von denen aus sie per App bestellte Waren liefern. Auch Flink verspricht die Lieferung innerhalb von zehn Minuten.

Die Zentrale des Unternehmens befindet sich in der Kreuzberger Lobeckstraße. Von dort aus werden die Geschäfte in mittlerweile 25 Städten geführt. Obwohl das Unternehmen erst sechs Monate besteht, beschäftigt es bereits mehr als 1000 Mitarbeiter.

Flink-Sprecher: „Wir haben definitiv profitiert“

Auf die Frage nach Arbeitsbedingungen, Pausenräumen oder Mitbestimmung verweist man bei Flink darauf, dass das Unternehmen noch jung sei. „Die meisten unserer Mitarbeiter sind noch in der Probezeit“, sagt Boris Radke, der schon die Kommunikationsbereiche bei Zalando und dem milliardenschweren Berliner Reise-Start-up Omio geleitet hat. Jetzt berät er einen Schnell-Lieferservice, der von Investoren bislang mit 290 Millionen Dollar ausgestattet wurde.

Passend zur neuen Aufgabe lässt Radke schon mal wissen, dass er seit drei Monaten keinen Supermarkt mehr betreten habe, sich dafür regelmäßig beliefern lasse. Hat Flink von den Protesten bei Gorillas profitiert? „Definitiv“, sagt Radke. Aus Solidarität habe bestimmt der eine oder andere Kunde den Anbieter gewechselt. Belegen kann er es nicht. Sicher ist indes, dass Gorillas bereits versucht, Stammkunden mit Rabatten bei der Stange zu halten.

In Berlin beschäftigt Flink derzeit etwa 100 Fahrer und Picker, die in den aktuell zehn Depots die Lieferungen zusammenstellen. Die Liefergebühr ist mit 1,90 Euro zehn Cent teurer als bei Gorillas. Tatsächlich sind die meisten Arbeitsverträge der Fahrer und Picker auch bei Flink befristet. Aber immerhin beträgt die Laufzeit zwei Jahre – doppelt so lange wie bei Gorillas.

Den gezahlten Stundenlohn – bei Gorillas liegt er bei 10,50 Euro – beziffert man bei Flink auf „knapp elf Euro“. Man orientiere sich am Einstiegslohn des Berliner Einzelhandelstarifs, heißt es. Doch liegt der aktuell bei 12,35 Euro. Die Wochenarbeitszeit liege bei 36 Stunden. Überstunden würden bezahlt, moderne E-Bikes, wetterfeste Arbeitskleidung und Helme natürlich zur Verfügung gestellt, sagt Firmensprecher Simon Birkenfeld.

Das türkische Unternehmen Getir (zu Deutsch: bring) versucht indes, den Konflikt bei Gorillas offensive für die eigene Positionierung zu nutzen. Das seit sechs Jahren bestehende Unternehmen ging in Berlin genau eine Woche nach den ersten Gorillas-Streiks an den Start. „Wir behandeln unsere Kuriere anders als andere Unternehmen. Und ich glaube, dass das einen Unterschied machen wird“, sagte Firmenchef und Gründer Nazim Salur kürzlich in der FAZ.

Wie auf Nachfrage zu erfahren war, sind die Getir-Kuriere mit entsprechend ausgestatteten E-Bikes oder E-Mopeds unterwegs. Keiner der Kuriere müsse einen Rücksack tragen. Zudem seien die Arbeitsverträge unbefristet, der Stundenlohn von 10,50 Euro wird ausdrücklich als Einstiegslohn bezeichnet. Aber auch Radke kündigt an, dass Flink von der Vertragspraxis abrücken werde. „Der Wettbewerb um Fahrer ist hart. Da kann sich keiner leisten, nur befristete Verträge anzubieten.“

Markus Grabka glaubt jedoch nicht, dass unbefristete Verträge genügen werden. „Die Leute werden mehr Geld verlangen, und sie werden es können“, sagt Grabka, der am sozioökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin speziell auf dem Gebiet der Einkommensverteilung forscht. Den Grund dafür sieht der Soziologe in der Entwicklung des Niedriglohnsektors in Deutschland, in dem ein Beschäftigter weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns aller bekommt, aktuell höchstens 11,05 Euro die Stunde.

Wolt
Liefert neuerdings auch für Einzelhändler: Wolt in Berlin.

Dieser Bereich schrumpfe seit etwa vier Jahren stetig, so der Wirtschaftsforscher, und werde mutmaßlich weiter schrumpfen. Denn Arbeitskräfte würden wegen des demographischen Wandels überall knapp und daher immer kostbarer. Zugleich erkennt Grabka unter Beschäftigten ein neues Selbstbewusstsein. „Auf Dauer werden sich die Unternehmen was einfallen lassen müssen, um Leute zu bekommen. Einfach nur einen Job anzubieten, reicht nicht mehr“, sagt Grabka.

Ein Trend, der sich in der Gastronomie bereits bestätigt. Auch in Berlin haben Tausende die Branche wegen vergleichsweise schlechter Bezahlung verlassen. Für das hierzulande neue Geschäftsmodell der schnellen Lieferung sind niedrige Löhne allerdings die Basis, um das kostenintensive Konstrukt zum Laufen zu bringen. Geld verdient hier noch niemand, aber es fließen zu bis dreistellige Millionenbeträge in der Hoffnung, dass das gepushte Unternehmen die Nummer eins am Markt wird und dessen Schnell-Liefer-App bestenfalls die einzige ist auf den Handys der potenziellen Kundschaft. Negative Schlagzeilen wie solche über Gorillas liest dabei kein Investor gern.

In Berlin konkurriert mittlerweile gut ein halbes Dutzend großer Anbieter um die Poleposition für das große Rennen. Der finnische Restaurant-Bringdienst Wolt hat gerade erst angekündigt, sein Liefergeschäft auf Waren aus dem Supermarktsortiment auszudehnen und dafür allein in Berlin angestellte 2300 Fahrer zur Verfügung. Sie arbeiten auf Basis von Sechs-Monats-Verträgen und Grundlöhnen von zehn Euro pro Stunde, wobei Lieferungen und Kilometer extra bezahlt werden. „Im Schnitt verdienen die Kuriere in Berlin zwischen zwölf und 15 Euro plus Kilometerpauschale“, sagt Fabio Adlassnigg von Wolt. Aufträge vorausgesetzt. Der Konkurrenzkampf tobt.