Berlin - Jetzt ist also Fracking das nächste große Ding für Siemens. Der Münchner Konzern kauft das US-Unternehmen Dresser-Rand für 7,6 Milliarden Dollar (5,8 Milliarden Euro) in bar.

Dresser-Rand ist nicht irgendwer. Das Unternehmen kann die größte Zahl an aktuell eingesetzten Kompressoren in der Öl- und Gasförderindustrie vorweisen. Die Aggregate werden dafür benötigt, um fossile Energierohstoffe unter Einsatz von hohem Druck und giftigen Chemikalien aus tiefliegenden Gesteinsschichten zu fördern. In den USA erlebt das Fracking gerade einen Boom, was übrigens der Grund für die stabilen Spritpreise trotz globaler Krisen ist.

Der Boom ist genau das Problem. Schon wie seine Vorgänger agiert Siemens-Chef Joe Kaeser prozyklisch. Er  schaut nach dem, was gerade extrem angesagt ist, er will im Trend mitschwimmen. So etwas gefällt den Anlegern an der Börse und Analysten in den Banken. Siemens bietet eine Investment-Story, die unmittelbar einleuchtet und zumindest kurzfristig hohe Renditen verspricht. Doch darin liegt eine große Gefahr.

Siemens-Manager  sind mit ihrer Trend-Gläubigkeit schon mehrfach auf die Nase gefallen. So baute der Konzern sein Geschäft mit Offshore-Windanlagen zu dem Zeitpunkt aus, als allenthalben die enormen Chancen der Windmühlen im Meer gefeiert wurden.  Bald stellte sich heraus, dass die Erwartungen total überzogen waren. Siemens musste seine Gewinnprognosen korrigieren.

Auf Fracking in Nordamerika zu setzen, ist ebenfalls eine riskante Sache. Um im Bieterwettstreit Konkurrenten auszustechen, muss Siemens zunächst einmal einen extrem hohen Preis für Dresser-Rand zahlen. Zudem kostet die Integration der neuen Sparte  Zeit und noch einmal viel Geld.

Und es fragt sich, ob das Unternehmen tatsächlich den enormen, vor allem finanziellen  Aufwand  wert. Denn Experten erwarten, dass schon 2015 das Fördermaximum beim Fracking erreicht sein könnte, dass es in den nächsten Jahren schon wieder  bergab geht – die Fracking-Quellen versiegen schnell. Das heißt, schon bald könnte die Nachfrage nach Kompressoren und anderen Ausrüstungsgegenständen für die Öl- und Gasbohrer nachlassen – das Windmühlen-Desaster würde sich wiederholen.

Stattdessen verabschiedet sich Siemens aus dem letzten Geschäftsbereich mit Konsumgütern: Die Münchner verkaufen ihren 50-Prozent-Anteil am Hausgerätehersteller BSH an den bisherigen Partner Bosch für drei Milliarden Euro. Backöfen, Dunstabzugshauben und Geschirrspüler sind eben nicht  so trendy wie Fracking, zumal das Geschäft mit den Apparaturen für die Küche  kurzfristig  geringere Renditen abwirft.

Gleichwohl macht Boch mit der Komplettübernahme einen klugen Schachzug. Wen es die Manager des Stuttgarter Mischkonzerns klug angehen, kann diese Sparte langsam aber stetig wachsen. Hausgeräte werden vernetzt und intelligenter und damit technisch anspruchsvoller und teurer. Allerdings vollzieht sich dieser Prozess beinahe in Zeitlupe, da festinstallierte Hausgeräte in der Regel nach frühestens zehn Jahren ausgetauscht werden. Bosch macht das wenig aus. Die Manager haben bewiesen, dass sie einen langen Atem haben. Schließlich müssen sie nicht wie Siemens kurzfristig hohe Renditen erwirtschaften – Bosch ist nicht an der Börse notiert.