BerlinDer vorerst letzte spektakuläre Deal eines Berliner Start-ups war Naren Sham im August gelungen. Der Gründer der Buchungsplattform Omio aus Mitte hatte bei Investoren 100 Millionen US-Dollar eingesammelt. Die Geldgeber kamen aus Singapur, dem Silicon Valley oder aus Schweden. Bereits vor zwei Jahren hatte das Start-up 150 Millionen Dollar nach Berlin geholt. Damals war auch der chinesische E-Commerce-Gigant Tencent mit von der Partie. Ungewöhnlich war bei der jüngsten Finanzierungsrunde, dass das Reiseunternehmen Omio sein Kapital ausgerechnet mitten in der Corona-Krise aufstocken konnte. Dass das Geld fast ausschließlich aus dem Ausland kam, ist dagegen der Normalfall.

Deutschland fällt weiter zurück

Das zeigt eine Studie, die jetzt von Wirtschaftsforschern der KfW veröffentlicht wurde. Darin belegen die Autoren, dass Wagniskapitalgeber aus Deutschland  hiesigen Start-ups vor allem in der Wachstumsphase nur selten die benötigten finanziellen Mittel zur Verfügung stellen können. Folge: Geht es um einen niedrigen zweistelligen Millionen-Betrag und mehr, sind an neun von zehn Finanzierungsrunden ausländische Investoren beteiligt. „Der deutsche Venture-Capital-Markt befindet sich zwar im Aufschwung“, sagt Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW. „Doch das Tempo ist zu langsam.“ Im internationalen Vergleich falle Deutschland weiter zurück.

Gemessen an der Wirtschaftskraft liegt das Investitionsvolumen in  Deutschland der Studie zufolge unter dem EU-Level. Vor allem in Großbritannien und Frankreich ist man demnach investitionsfreudiger. „Deutschland droht in wichtigen Technologiebereichen, für die Venture Capital eine große Rolle spielt, international den Anschluss zu verlieren“, sagt Köhler-Geib. Große Finanzierungsrunden müssten häufiger auch ohne ausländische Investoren möglich sein – auch, um „das Risiko für die Abwanderung von Unternehmen und Know-how zu verringern“.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: KfW

Bekanntermaßen haben Investoren vor allem Berliner Start-ups auf dem Radar. Von den 6,2 Milliarden Euro, die im vergangenen Jahr an deutsche  Jungunternehmen gingen, flossen 3,7 Milliarden Euro nach Berlin. Und Beispiele für internationale Beteiligungen gibt es reichlich. Der rund 100 Milliarden US-Dollar schwere Investitionsfonds „Visions“ des japanischen Softbank-Konzerns etwa hatte 2018 eine halbe Milliarde Dollar in das Berliner Unternehmen Auto1 gesteckt. Im vorigen Sommer sammelte die Buchungsplattform GetYourGuide.de ebenfalls bei Softbank sowie bei Singapurs Staatsfonds Temasek einen noch etwas größeren Betrag ein.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: EY

„Alle großen Berliner Start-ups in ausländischem Besitz“

Tencent aus China ist nicht nur an dem Reiseunternehmen Omio beteiligt, sondern hat auch Anteile an der Smartphone-Bank N26. Und Alibaba, das Amazon Chinas, übernahm das Berliner Start-up Data Artisans komplett und bekam mit dem Software-Unternehmen eine Technologie, mit der sehr große Datenmengen sehr schnell verarbeitet werden können. Es stellt sich also die Frage, wie sehr Berliner Start-ups als „wichtiger Jobmotor für die Stadt“ (Wirtschaftssenatorin Ramona Pop) von ausländischem Kapital abhängig sind?

Bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) ist Thomas Prüver der Start-up-Experte für den deutschsprachigen Raum. Er hat sein Büro unmittelbar am Bahnhof Friedrichstraße und kennt speziell auch die hauptstädtische Gründerszene. Nach seiner Schätzung kommen mehr als drei Viertel des Kapitals, das in Berliner Jungunternehmen steckt, aus dem Ausland. Vor allem bei der Wachstumsfinanzierung mit wenigstens 10 bis 15 Millionen Euro seien die Gründer auf das Geld großer Fonds aus Asien, Großbritannien und den USA angewiesen. Die Folge laut Prüver: „Alle großen Berliner Start-ups sind im Besitz ausländischer Investoren.“

Dem widerspricht Christian Miele nicht. „Würde kein Geld von außen fließen, hätten wir kaum Unicorns in der Stadt“, sagt der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Start-ups. Aus Sicht des Chef-Lobbyisten der Gründer wäre es aber ein weitaus größerer Nachteil, wenn gar kein Kapital in hiesige Start-ups fließen würde. Volkswirtschaftlich und politisch hält er die Situation aber durchaus für diskussionswürdig: Denn mit großen ausländischen Beteiligungen „fließen nicht nur Anteile, sondern auch Wertschöpfung, Mitsprache und geistiges Eigentum ab“. Zudem steige natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Start-up Teile des Managements, Entwicklung oder anderen Geschäftsbereichen in andere Regionen verlegt, wenn einer der Haupt-Investoren aus dieser Region kommt. Ein Exodus aller Unicorns, also von Start-ups mit einem Unternehmenswert von wenigstens einer Milliarde Euro, ist für Miele allerdings unwahrscheinlich.

Geld gibt es genug. Risikobereitschaft nötig

Die Autoren der KfW-Studie halten es dennoch für dringend geboten, den Start-ups mehr Wagniskapital zur Verfügung zu stellen. „Privates Kapital gibt es genug in diesem Land, es muss nur für den VC-Markt mobilisiert werden“, sagt KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib. Die jungen Unternehmen würden dabei helfen, neue Technologien markt- und gesellschaftsfähig zu machen oder zumindest verkrustete Wirtschaftsstrukturen aufzubrechen und somit letztlich zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen. Insofern, so die KfW-Bankerin, stehe viele auf dem Spiel. „Wenn wir von den möglichen Wachstumsimpulsen aus Digitalisierung und der Transformation zu Klimaneutralität profitieren wollen, brauchen wir einen anderen Umgang mit Risiko.“

Derweil sind ausländische Kapitalanleger weiter auf der Suche. Im Mai hatte sich der japanische Softbank-Ableger SBI mit dem Berliner Risikokapitalspezialisten Redstone zusammengetan, um in der Stadt seinen ersten europäischen Start-up-Fonds an den Start zu bringen. Von hier aus sollen hoffnungsvolle Jungfirmen insbesondere aus dem Bereich Industrie 4.0 gepusht werden. Die Japaner schätzen eigenen Angaben zufolge die Innovationskraft und technologische Expertise für zukunftsfähige Industrielösungen in Europa. Das wolle man nutzen. Der Berliner Partner Redstone solle helfen, „die vielversprechendsten Investitionsziele hier punktgenau und objektiv zu identifizieren“.