Berlin - Ein Backsteingebäude auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks Mariendorf, ein Hinterhof in Kreuzberg: Es sind über hundert Jahre alte Gebäude Berlins, in denen an der Zukunft der Industrie gearbeitet wird, der additiven Fertigung. Das ist eine sich schnell entwickelnde Technologie, bei der Produkte nicht mehr gegossen, geschmiedet oder gedreht werden, sondern Kunststoff oder Metall mikrometerdünn aufeinandergeschichtet wird. Addition in der dritten Dimension.

Berlin spielt eine Vorreiterrolle in der industriellen Anwendung des 3D-Drucks. Beim ersten Forum „Additive Manufacturing“ 2017 in Berlin wurden 454 Teilnehmer gezählt, 2018 waren es bereits 608. Das 3. Forum, das derzeit im Neuköllner Hotel Estrel stattfindet, hat 856 Teilnehmer.

Warum die Deutsche Bahn 2015 mit 3D-Experimenten begann

Im einstigen Gaswerk Mariendorf arbeitet Stefanie Brickwede, Geschäftsführerin des Vereins „Mobility goes Additive“ (MgA), in dem mittlerweile 90 Firmen und Institutionen bundesweit organisiert sind. Die Mitglieder des größten 3D-Netzwerks Europas rekrutieren sich aus Druckmaschinen-Herstellern, IT-Unternehmen, Dienstleistern, Forschungsinstituten und Universitäten.

Brickwede, Ökonomin bei der Deutschen Bahn, erklärt anhand eines banal klingenden Beispiels, warum die Bahn 2015 mit 3D-Experimenten begann: „In ICs gibt es Kopfstützen aus Kunststoff. Die gehen auch mal entzwei und sind selten wie Goldstaub.“ Ersatzteile für die Jahrzehnte alten Waggons gebe es kaum noch. Die Beschaffung kleiner Mengen aus herkömmlicher Fabrikation dauere manchmal Jahre. Da bot sich der schnelle Druck als Lösung an. Inzwischen werden sogar Ersatzteile wie metallene Radsatzlager-Deckel gedruckt. Fehlen sie, fährt der Zug nicht. Brickwede: „Bei 40 Jahren Zuglebensdauer kann man den Ersatzbedarf nicht planen.“ Man hatte solche Teile zwar auf Lager, aber nicht ausreichend viele.

Das sind die Vorteile der 3D-Technologie

Aus anfänglicher Unerfahrenheit heraus habe man dann 2016 das Netzwerk MgA gegründet, um Erfahrungen zu sammeln und selber Teile herstellen zu können, was inzwischen in Berlin geschieht. Rund 20 Technologien stehen für den 3D-Druck zur Verfügung, der 1984 von einem US-Forscher erfunden wurde. Laut einer Studie wären 2040 die Hälfte aller Produkte druckbar, wenn sich die Investitionen wie bisher alle fünf Jahre verdoppeln.

Szenenwechsel. Ein Gewerbehof an der Kreuzberger Gneisenaustraße. Dort war Geschäftsführer Stephan Beyer von Anfang an dabei, als sich das Unternehmen BigRep 2014 gründete. Heute fertigen hier 70 Menschen die weltweit größten in Serie hergestellten 3D-Drucker für die Industrie.

Beyer nennt die Vorteile der 3D-Technologie: Im Grunde könne jeder, der einen Laptop hat, etwas konstruieren und es dann drucken lassen. Dafür muss er nicht in der Nähe des Druckers sein, sondern könne die Daten an Maschinen weltweit verschicken. Jüngste Innovation der Firma ist ein gedruckter Greifer, dessen drei Finger Sensoren haben. Er erkennt, wann er einen Gegenstand fest im Griff hat. Herkömmliche Roboter müssen kompliziert programmiert werden, um Gegenstände weder fallen zu lassen noch zu zerdrücken.

Berliner Firmen hoffen, dass 3D-Druck mehr Industrie in der Stadt ermöglicht

Unterdessen setzen viele Firmen in Berlin 3D-Druck ein. Gillette will zum Beispiel Ersatzteile für Maschinen in Tempelhof selbst herstellen. Die Industrie im Ganzen erwartet, dass es die Herstellung kleiner Serien und die kundenbezogene Anpassung von Serienprodukten möglich machen, auf wenig Fläche mit geringen Emissionen zu produzieren. So sei mehr Industrie in der Stadt möglich. Tiefgreifende Änderungen dürfte es für die Logistik-Branche geben. Lässt zum Beispiel BMW von Spandau aus eine Kardan-Welle in Italien drucken, muss sie weder vorgehalten noch weit transportiert werden.

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) konstatieren, Berlin sei wegen der Nähe zu Forschungseinrichtungen im Vorteil. So werde am Produktionstechnischen Zentrum und im Fraunhofer Institut geforscht. Die Technische Universität hat ein eigenes 3D-Netzwerk aufgebaut. Die UVB beobachten, dass die Digitalisierung in den Unternehmen – und damit auch der 3D-Druck – an Fahrt gewinne.

Fehlende Qualifizierung und Ausbildungsmöglichkeiten könnten in Berlin zum Problem werden

Tatsächlich wollen immer mehr Betriebe in der Region Digitalisierungsvorhaben umsetzen. Allerdings sind Druckmaschinen teuer. Kleine und mittlere Firmen schrecken vor dem Kauf zurück. Um dennoch mit 3D-Druck arbeiten zu können, bietet sich die Nutzung von 3D-Druckstudios an, in denen eine Firma drucken lässt. Um solche Entwicklungen zu fördern, soll 2019 in Mariendorf ein Campus entstehen, auf dem Möglichkeiten des 3D-Drucks präsentiert, Kooperationen in die Wege geleitet werden.

Eine Engstelle sehen Fachleute bei der Qualifizierung der Mitarbeiter. Stephan Beyer: „In den USA ist das Verfahren bereits Teil des Maschinenbaustudiums.“ Bei BigRep hat er Mitarbeiter aus 19 Nationen. Immerhin: An der TU will der Senat zwei Professuren einrichten. In der Metall- und Elektroindustrie haben Arbeitgeberverband und Gewerkschaften bundesweit neue Ausbildungsinhalte vereinbart.

Berliner Experten machen sich keine Sorgen um die Entwicklung des 3D-Drucks

Die UVB halten es für entscheidend, Mitarbeiter weiterzubilden. Birgit Dietze von der IG Metall verlangt mehr Anstrengungen bei Aus- und Weiterbildung, macht sich ansonsten wegen der Entwicklung des 3D-Drucks keine großen Sorgen: „Bisher sehen wir aufgrund der Technologiereife nicht, dass dies an anderer Stelle in nennenswertem Umfang Produktion wegfallen lässt.“ 

Stephan Beyer jedenfalls sieht in der Technologie Chancen für die Facharbeiterschaft. Sorgen müsste sich nur machen, wer Produkte in Millionenzahl herstellt. „Das sind die Chinesen, aber die wissen das auch.“