„Du kommst nie zur Ruhe“, sagt einer der Mitarbeiter in Leipzig. Insgesamt hat Amazon in Deutschland 13 Logistikzentren; in Leipzig arbeiten insgesamt 1500 Leute. 
Foto: Imago

BerlinWo Amazon ist, gibt es Kameras. Sie hängen an allen Standorten, in den Lagern, zur Diebstahlprävention, manche mit 360-Grad-Blick, andere überwachen die Arbeitsabläufe und registrieren, wenn die Prozesse an den Fließbändern ins Stocken geraten oder irgendwo Pakete im Weg liegen. Seit einigen Tagen haben einige von ihnen noch eine neue Funktion; dazu wurde eine zusätzliche Software aufgespielt: Sie können damit überwachen, ob sich die Mitarbeiter an die Abstandsregeln halten.

Davon erfuhr die Berliner Zeitung in Gesprächen mit Amazon-Mitarbeitern, -Betriebsräten und Gewerkschaftlern. Der Konzern bestätigt die Berichte: „Die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter hat für uns höchste Priorität“, teilt Amazon in Bezug auf die neue Kamera-Software mit. „Aus diesem Grund haben wir einige unserer besten Experten für maschinelles Lernen damit beauftragt, Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung der Sicherheitsabstände in unseren Gebäuden zu prüfen.“

Die Personen sind angeblich anonymisiert. Trotzdem bleibt bei so manchem ein Unwohlsein: „Man weiß, man wird beobachtet“, sagt eine Mitarbeiterin aus dem Standort Winsen. „Ich bin immer froh, wenn ich an einer Station bin, wo es keine Kameras gibt.“ Ein Mitarbeiter aus Leipzig sagt, er fühle sich wie unter einem Überwachungsregime: „Es sind Zustände wie in der DDR.“

Amazon zählt zu den großen Gewinnern der Coronakrise. Während die Pandemie den stationären Einzelhandel praktisch lahmgelegt hat, boomen die Geschäfte des Tech-Riesen. In Deutschland betreibt der Konzern 13 Logistikzentren mit  13.000 festangestellten Mitarbeitern; hinzu kommen die befristet Beschäftigten, deren Zahl das Unternehmen nicht nennt. Für sie bedeutet die Coronakrise vor allem Unsicherheit und eine höhere Belastung.  

„Im Kleinen gibt es täglich Veränderungen und immer neue Regelungen, auf die wir uns einstellen müssen“, sagt Stephan Ahlers, Lagerarbeiter in Leipzig. „Im Moment wird bei uns zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung über eine Maskenpflicht diskutiert.“

Alle Beschäftigten, mit denen die Berliner Zeitung sprach, wollen anonym bleiben, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten; ihre Namen sind daher geändert. Der Berliner Zeitung liegen Belege vor, dass sie tatsächlich für Amazon arbeiten. Die Situation, die sie beschreiben, ist  zwiespältig: Zum einen kritisieren sie die Schutzvorkehrungen in den Logistikzentren als lückenhaft und inkonsequent.

Zum anderen stelle die ständig wachsende Zahl der zum Teil rigorosen Maßnahmen einen gravierenden Einschnitt in ihren Arbeitsalltag dar; viele fühlen sich ausgelaugt. „Du wirst immer wieder mit dem Thema Corona konfrontiert“, sagt Hanno Gehrke, der ebenfalls in Leipzig arbeitet. „Du kommst nie zur Ruhe.“

Wir wissen, dass es nicht klappt mit den Schutzmaßnahmen. Sonst hätten wir nicht all diese Coronafälle. Eigentlich müsste das Werk jetzt geschlossen und komplett desinfiziert werden.

Melanie Kraus, Amazon-Mitarbeiterin

Gleichzeitig bleibt unklar, wie viele Mitarbeiter sich bereits  mit Covid-19 angesteckt haben, und welche Standorte betroffen sind. Das Manager Magazin berichtete vor wenigen Tagen über 68 bestätigte Fälle am Logistikzentrum Winsen – bei 1800 Mitarbeitern wäre dies eine enorm hohe Quote.

Der Konzern schweigt dazu; die Frage der Berliner Zeitung nach den Infektionen bleibt unbeantwortet. Melanie Kraus, Mitarbeiterin in Winsen, hat diese Zahl aus der Presse erfahren. Sie macht ihr Angst; keiner von Amazon habe darüber mit dem Personal geredet. Zuletzt hätten vor einigen Wochen Informationsblätter in der Kantine ausgelegen; darauf sei von 33 erkrankten Mitarbeitern die Rede gewesen. „Wir wissen, dass es nicht klappt mit den Schutzmaßnahmen, sonst hätten wir nicht alle diese Fälle“, so ihre Schlussfolgerung. „Eigentlich müsste das Werk jetzt geschlossen und komplett desinfiziert werden.“

Melanie Kraus sagt, die Einhaltung der Abstandsregeln werde mal vehement kontrolliert, dann wiederum kaum beachtet; in den Toilettenräumen hapere es an der Hygiene. Tatsächlich liegen der Berliner Zeitung rund 20 Fotos aus Winsen vor, die deutlich verschmutzte Sanitäranlagen zeigen, Flecken auf Klobrillen und Waschbecken, benutztes, nasses Klopapier neben den Mülleimern.

BLZ/Galanty
Quelle: Verdi

Amazon weist die Kritik an den Vorkehrungen und Hygienezuständen zurück: „In Winsen (Luhe) werden alle sanitären Einrichtungen drei Mal am Tag gereinigt“, teilt ein Sprecher mit, pro Schicht stünden alleine zehn bis zwölf Reinigungskräfte zur Verfügung, die mit der Reinigung der sanitären Anlagen betraut sind.“ Generell arbeite Amazon eng mit „lokalen und internationalen Gesundheitsbehörden zusammen“ und verweist auf 150 Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter.

Dazu gehören ein neues Wegekonzept mit Einbahnstraßen an den Engstellen, Abstandsmarkierungen auf dem Fußboden, verstärkte Reinigungen an allen Standorten und die regelmäßige Desinfektion von Türgriffen, Touchscreens, Scannern. Auch wurden viele Meetings abgesagt und die Schichten entzerrt, so dass sich die Mitarbeiter beim Kommen und Gehen nicht begegnen.

Die Mitarbeiter bestreiten nicht, dass Amazon inzwischen viel tut, um die Übertragungsrisiken zu senken; der Konzern will unbedingt verhindern, dass das Virus in den Lagern um sich greift. Aber viele der Beschäftigten klingen bitter: „All diese Maßnahmen hat Amazon nicht getroffen, weil es sich um unsere Gesundheit sorgt“, so die Auffassung von Stephan Ahlers in Leipzig, „sondern weil es um jeden Preis verhindern will, dass auch nur ein Werk dicht gemacht wird aus Mangel an Schutzvorkehrungen.“

Disziplinarmaßnahmen bei Verstößen

In den USA hat der Konzern angekündigt, Beschäftigten bei Verstößen gegen die Corona-Vorschriften fristlos zu kündigen. In Deutschland wäre dies nicht möglich, aber auch in Leipzig, sagt Mitarbeiter Hanno Gehrke, seien den Mitarbeitern „arbeitsrechtliche Konsequenzen“ angedroht worden. Melanie Kraus in Winsen bestätigt dies: Vor einigen Tagen habe sie die Frage einer Kollegin beantwortet, mit zwei Metern Abstand, da habe ihr Teamlead sie angeherrscht: „Abstand halten, sonst gibt’s eine Gesprächsnotiz.“ Das ist eine Verwarnung, eine Stufe vor der Abmahnung.

Amazon teilt dazu mit: „Wir führen täglich Audits durch, um sicherzustellen, dass unsere Teams die von uns ergriffenen Maßnahmen umsetzen.“ Zudem appelliere das Unternehmen an die Eigenverantwortung der Mitarbeiter, das funktioniere meist gut. Aber die Regelungen bringen  zusätzlichen Druck mit sich, zumal es im Alltag gar nicht immer möglich sei, zwei Meter Abstand zu allen anderen zu halten, sagen die Mitarbeiter. „Man möchte schon gar nicht mehr zur Arbeit kommen“, sagt Melanie Kraus, „es ist einfach nur Stress.“

Für Amazon steht dieser Tage viel auf dem Spiel. Die Coronakrise hat dem Tech-Giganten neue Umsatzrekorde beschwert; in den USA hat er bereits 100.000 neue Mitarbeiter eingestellt, um den Bestellungen überhaupt noch nachzukommen. Jetzt sollen noch einmal 75.000 dazu kommen.

BLZ/Galanty
Quelle: Amazon, GoogleFinance, AFP

Mechthild Middeke, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi Nordhessen und Arbeitnehmer-Mitglied im Aufsichtsrat am Standort Bad Hersfeld, zweifelt daran, dass sich dieses Wachstum mit den erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen vereinbaren lässt: „Ich telefoniere oft mit Kollegen, die zu einer Risikogruppe gehören, und sie sagen: ‚Ich kann mich anstellen wie ich will – ich komme immer mit anderen in Kontakt‘“, erzählt sie. Auch in Bad Hersfeld seien neue Einstellungen geplant, und „je mehr Mitarbeiter, umso schwieriger wird es an den neuralgischen Punkten, Ansammlungen zu vermeiden.“

Amazon wirbt seit Beginn der Corona-Krise damit, dass er vor allem lebensnotwendige Produkte  bereitstellt, also Nahrungsmittel oder Hygieneartikel. „Während der Covid-19 Pandemie leisten Amazon und die Partner einen wichtigen Beitrag für die Menschen vor Ort“, teilt der Konzern mit. Aber von den Kunden nachgefragt ist dieser Tage auch vieles andere. Wie Stefan Ahlers in Leipzig sagt, sieht er im Warenausgang nun auch häufig Gartenmöbel, Trampoline, Waschmaschinen, Kärchergeräte: „Wir merken, wie wir für den Konzern Marktanteile erobern. Der Konzern ist jetzt in der Lage, das Kaufverhalten der Kunden für die nächsten Jahre zu verändern.“

Thermalbildkameras und zwei Euro Corona-Zuschlag

Aber mit den Rekordumsätzen kann es auch schnell vorbei sein, falls das Virus sich in den Logistikzentren des Konzerns ausbreitet. An mehreren Standorten in den USA, in Spanien und Italien kam es in den vergangenen Wochen bereits zu spontanen Streiks und Protesten von Mitarbeitern, die dem Konzern mangelhaften Infektionsschutz vorwerfen.

In Frankreich hat ein Gericht den Konzern dazu verpflichtet, seine Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern; bis dahin muss er sein Angebot stark einschränken. Daraufhin hat Amazon vorerst alle Logistikzentren in Frankreich geschlossen.

Die Vorkehrungen weichen von Standort zu Standort ab. In Winsen ist jetzt das Tragen von Mundschutzmasken Pflicht. In Bad Hersfeld muss jeder bei Ankunft die Körpertemperatur kontrollieren lassen, sagt Thomas Ziegler, der dort in der Retourenabteilung arbeitet.

Anderswo sind Thermalbildkameras im Einsatz, mit denen fiebernde Mitarbeiter identifiziert werden können. „Das ist reiner Aktionismus, weil man ja weiß, dass viele Infizierte gar kein Fieber haben“, sagt Ziegler. Doch auch er sieht, dass der Konzern sich seit einigen Wochen bemüht, den Schutz der Mitarbeiter zu verbessern. „Ich glaube, ihnen liegt in erster Linie am Herzen, dass der Laden läuft – und dass es nicht zu so einem Worst-Case-Szenario wie in Frankreich kommt.“

Allerdings sagt auch er, dass sich im Arbeitsalltag nicht alle Übertragungsrisiken ausschließen lassen. Beim Kommen und Gehen der Schichtarbeiter komme es auch jetzt noch zu Staus. „Meiner Meinung nach kann man einen Betrieb so nicht am Laufen halten“, sagt er. „Man müsste die Schichten reduzieren. Wo ist denn der Bedarf, jetzt Klamotten zu verschicken?“

Amazon hat seit Anfang des Jahres Milliarden verdient; Mitte April erreichte die Aktie ein neues Allzeithoch von rund 2200 Euro. Das Vermögen von Konzern-Chef Jeff Bezos liegt laut dem Bloomberg Billionaires Index derzeit bei 140 Milliarden US-Dollar. In einem Brief an die Aktionäre schrieb Bezos vor wenigen Wochen: „Die Amazonianer arbeiten rund um die Uhr, um die notwendigen Güter direkt bis an die Haustür der Leute zu bringen, die sie brauchen.“

BLZ/Galanty
Quelle: Onvista

Seit März zahlt der Konzern allen Beschäftigten zwei Euro pro Stunde extra. Das soll sie für die zusätzliche Belastung entschädigen. Die Stundenlöhne fangen in den Logistikzentren von Amazon bei 11,10 Euro an; die Corona-Aufschläge können im Monat leicht 200, 300 Euro ausmachen.

Verdi kritisiert, dass der Konzern damit falsche Anreize setzt, weil der Bonus Mitarbeiter verleiten kann, auch krank zur Arbeit zu kommen. Hanno Gehrke in Leipzig bestätigt das: Eine Kollegin habe sich neulich mit Fieber und Schüttelfrost zur Schicht geschleppt und einige Stunden gearbeitet, ehe sie nach Hause geschickt wurde. In Leipzig gibt es bislang keine systematischen Messungen. Sein Kollege Stephan Ahlers sagt: „Ich sehe praktisch jeden Tag jemanden, der sich ständig räuspert oder seinen Husten unterdrückt.“

In Leipzig gibt es bislang keine systematischen Messungen, weil der Betriebsrat dem noch nicht zugestimmt habe, teilt Amazon mit, man befinde sich aber weiter in Gesprächen. Außerdem gebe es die klare Anweisung, dass Mitarbeiter mit Symptomen zu Hause bleiben müssen.

Indessen steigt die Zahl der neuen Regelungen an den  Standorten ständig weiter an. Kaum jemand geht davon aus, dass der Arbeitsalltag bald wieder einfacher wird. „Machen wir uns mal nichts vor“, sagt Stephan Ahlers. „Jeder für sich hier im Werk stellt sich mit jeder Woche auf diese Perspektive ein:  Bis es vielleicht im nächsten Frühjahr einen Impfstoff gibt, wird sich hier im Großen und Ganzen nichts mehr ändern.“


In dieser Fassung wurde die Zahl der befristet beschäftigten Mitarbeiter entfernt, da der Konzern darüber keine Auskunft erteilt; die ursprüngliche Version enthielt eine irrtümliche Angabe. Außerdem wurde die Fassung um Stellungnahmen des Konzerns zur Reinigung der Toiletten am Standort Winsen sowie zu den bisher nicht erfolgenden Fiebermessungen in Leipzig ergänzt.