Berlin - Wer bei Gründern nach Arbeitnehmervertretungen in Start-ups fragt, löst meist Erstaunen aus und erhält dann die Standardantwort, dass von den Mitarbeitern noch niemand nach einem Betriebsrat gefragt habe. Klar: Wer in einem Start-up arbeitet, schätzt flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten und die Gelegenheit, zwischen Tischkicker und Gratisobst an der Revolutionierung einer Branche mitzuarbeiten, während die Definition der Selbstausbeutung verschwimmt. 50- bis 60-Stunden-Wochen bei geringer Bezahlung sind eher die Regel als die Ausnahme.

Während es laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in nur neun Prozent aller Unternehmen in der Bundesrepublik einen Betriebsrat gibt, schätzt man beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) den Betriebsrats-Anteil unter Berliner Start-ups auf „vielleicht fünf Prozent“.

Zalando etwa, das zum Großunternehmen gewachsene Berliner Vorzeige-Start-up, wählte erst Ende vorigen Jahres seinen ersten Betriebsrat – zwölf Jahre nach Gründung. Bei der Smartphonebank N26 mussten Aktivisten lange gegen die Widerstände aus dem Management ankämpfen. Dennoch wurde im November 2020 eine Arbeitnehmervertretung gewählt. Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass etwa jede sechste Neugründung von Betriebsräten in Deutschland behindert wird.

Sebastian Riesner, Regional-Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, weiß, dass sich die Methoden dabei von Unternehmen zu Unternehmen kaum unterscheiden. Sie reichten von Einschüchterungen bis zu Drohungen. Mit Initiatoren einer Betriebsratswahl würde plötzlich niemand mehr reden, so Riesner. Sie würden mit Arbeiten beauftragt, die nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehören, oder ihnen werde eindeutig gedroht, sich ihre Karriere zu verbauen. 

Auch im Charlottenburger Depot des Liefer-Start-ups Flaschenpost läuft derzeit der Kampf um einen Betriebsrat. Das junge Unternehmen wurde von Dr. Oetker für eine Milliarde Euro gekauft. „Die Wahl wurde von Anfang an systematisch behindert“, sagt Gewerkschafter Riesner. Dann habe das Management plötzlich Unterstützung zugesagt. Nachdem im Mai aber der Betriebsrat gewählt wurde, hätten die Anwälte des Unternehmens gegen die Wahl geklagt, um deren Unwirksamkeit zu erreichen. Das Verfahren läuft.