Kreditklemme? War da was? Nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers 2008 war der Begriff in aller Munde. Denn die Geldhäuser wurden verpflichtet, mehr Eigenkapital vorzuhalten, damit ein Desaster wie mit Lehman nicht noch einmal passiert. Die Folge: Die Banken fingen an, ihren Kunden den Geldhahn abzudrehen, denn jeder vergebene Kredit belastete ihr Eigenkapital.

Doch fünf Jahre nach Lehman ist davon zumindest in Deutschland nichts mehr zu spüren: „Mehr als 80 Prozent der deutschen Mittelständler haben momentan keine Schwierigkeit beim Zugang zu Bankkrediten“, so der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Und was ist mit den restlichen 20 Prozent? Ohoven sagt es nicht explizit, doch klar ist: Es handelt sich um Firmen, deren Kreditwürdigkeit nicht zum Besten bestellt ist. Sie tun sich immer schwer damit, einen Kredit zu bekommen, weil den Banken das Ausfallrisiko zu hoch ist.

Um gesunde Unternehmen aber buhlen die Banken derzeit. Und dank des günstigen Zinsniveaus können sie ihnen im Moment sehr attraktive Konditionen anbieten. Das Problem liegt ganz woanders: „Es sind die Unternehmen, die derzeit sehr vorsichtig mit neuen Investitionen sind und deshalb gar nicht so viele Kredite beantragen, wie wir Geldhäuser gerne vergeben würden“, sagt Peter Jülich, der bei der Berliner Sparkasse das gehobene Mittelstandsgeschäft leitet. Und das werde sich auch so bald nicht ändern: „Aus Umfragen geht zwar ganz klar hervor, dass die meisten Unternehmen künftig wieder mehr investieren wollen, doch sie wollen das vor allem über Eigenkapital tun. Denn ihre Verschuldung möchten sie möglichst abbauen. Der Bedarf an Fremdkapital – also an Krediten – sinkt weiter“, so Jülich.

Auch Jörg Frischholz, der bei der Commerzbank im Raum Berlin für das Mittelstandsgeschäft verantwortlich ist, spürt aktuell einen relativ geringen Kreditbedarf bei den Unternehmen: „Das Investitionsniveau ist derzeit nicht besonders hoch.“ Für den Zustand der Wirtschaft sei das aber eher ein positives Zeichen, sagt er: „In schlechten Zeiten muss man investieren, in guten Zeiten ist dafür keine Zeit, so sehen es viele Kunden.“ Dennoch seien natürlich auch die unklaren konjunkturellen Aussichten sowie die politischen Unsicherheiten angesichts des Regierungswechsels in Berlin für viele derzeit ein Investitionshemmnis.

Frischholz hat Verständnis dafür, dass die Firmen derzeit in erster Linie auf eine starke Eigenkapitalausstattung achten. Hier hätten die Berliner Firmen noch Nachholbedarf: Ihr Eigenkapital-Anteil liegt mit im Schnitt knapp 25 Prozent deutlich unter dem gesamtdeutschen Wert von rund 30 Prozent. Eine elegante Lösung sei hier die Mezzanine-Finanzierung, eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital. Dabei wird dem Unternehmen Eigenkapital zugeführt, ohne den Kapitalgebern Stimm- oder Einflussnahme zu gewähren. Der Unternehmer behält also das Sagen.

Auch Heinz-Joachim Mogge, Bereichsleiter Wirtschaftsförderung bei der Investitionsbank Berlin (IBB), der Förderbank des Landes Berlin, bezeichnet die Finanzierungssituation für mittelständische Unternehmen derzeit als entspannt. So setze der Berliner Mittelstand bei der Finanzierung zuallererst auf Einnahmen aus dem laufenden Geschäft sowie auf Gewinnrücklagen. Weniger als die Hälfte der Firmen hat dagegen in den vergangenen Jahren einen Bankkredit in Anspruch genommen. Öffentliche Fördermittel – wie sie etwa die IBB vergibt – nutzt etwa jeder fünfte Unternehmer zur Finanzierung.

Firmen, die einen Kredit aufnehmen, empfiehlt Mogge langfristige Laufzeiten zu vereinbaren, um sich die aktuell niedrigen Zinsen über einen langen Zeitraum zu sichern. Für größere Projekte wie den Bau eines Werks könnten Unternehmen sich auch Geld über den Kapitalmarkt besorgen – etwa über sogenannte Schuldscheindarlehen (für Finanzierungen bis zu rund 75 Millionen Euro) oder Mittelstandsanleihen für noch höhere Beträge. „Und dann gibt es natürlich noch die Finanzierungsmöglichkeiten durch Förderbanken wie durch uns“, sagt Mogge. „Den Unternehmen bietet sich ein breiter Strauß an Instrumenten an.“

Der Mittelstand gilt als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Seine Lage beleuchtet die Berliner Zeitung in einer Serie. Der erste Teil, der am 14. November erschienen ist, ging der Frage nach, was mittelständische Firmen auszeichnet. Im nächsten Beitrag geht es um Schutz vor Wirtschaftsspionage.