Berlin - Mobilität steht nicht nur für Aktivität und Veränderungswillen einer Gesellschaft, sondern auch für Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe. Der Satz stammt von Dieter Sarreither, der seit dem 2. Oktober Präsident des Statistischen Bundesamts ist und als solcher am Mittwoch das Statistische Jahrbuch 2015 vorgestellt hat. Das fast 700 Seiten starke Werk enthält Daten zu praktisch allem, was sich in Zahlen fassen lässt: Von der Länge deutscher Wasserstraßen über das Alter gebärender Mütter bis zur Höhe der durchschnittlichen Bruttoverdienste nach Bundesländern.

Es enthält aber auch jede Menge Angaben zur Mobilität, die die Statistiker diesmal als Schwerpunktthema ausgewählt haben: Pendler, Verkehrstote, entzogene Führerscheine, zugelassene Autos in Zahlen, Tabellen und Grafiken, mal unterhaltsam, mal staubtrocken – und mitunter richtig spannend. Denn viele Daten zur Mobilität geben Auskunft über die soziale und wirtschaftliche Situation der Menschen in Deutschland. Zumal es nicht allein um räumliche, sondern auch um soziale Mobilität geht, also etwa die Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs.

Monatlich rund 330 Euro für Mobilität

Beispiel Auto: 77 Prozent der deutschen Haushalte verfügen über mindestens ein Auto. Zwei Drittel der Berufspendler nutzen das eigene Fahrzeug für den Weg zur Arbeit. Auf 1000 Einwohner kommen bei uns 530 PKW. Deutschland ist ein Land der Autofahrer. Bis auf jene sieben Prozent der Haushalte, die sich aus finanziellen Gründen kein Auto leisten können und damit von vielen Einkaufsmöglichkeiten, kulturellen Angeboten, beruflichen Tätigkeiten und Freizeitvergnügungen ausgeschlossen bleiben.

Das gilt auch für den Urlaub. Reiseweltmeister seien die Deutschen, heißt es oft. Für 24 Prozent der Haushalte aber gilt dies nicht. Sie haben nicht genug Geld, um auch nur einmal im Jahr für wenigstens sieben Tage in die Ferien zu fahren. Unter Alleinerziehenden liegt der Anteil sogar bei 48 Prozent. Auch jedes fünfte Elternpaar mit Kindern muss auf Urlaubsreisen aus finanziellen Gründen komplett verzichten. Mobilität ist eben nicht kostenlos, man muss sie sich leisten können. Im Durchschnitt gab jeder Privathaushalt in Deutschland 2012 monatlich rund 330 Euro für Fahrzeugkäufe und Reparaturen, Bustickets und Benzin, Reisen und Umzüge aus. Wer das Geld nicht hat, bleibt, wo er ist, nämlich zurück.

Beruflicher Erfolg hängt vom Elternhaus ab

In übertragenem Sinne trifft das ebenso auf die Chancen zu sozialem Aufstieg zu. Bildung wird vererbt in Deutschland, Unbildung auch. Nur sechs Prozent der Gymnasiasten kommen aus Familien, in denen die Eltern keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können. Auf der anderen Seite haben rund 56 Prozent der Abiturienten Eltern mit Universitäts- oder Fachhochschulabschluss.

Dass die Aussichten auf beruflichen Erfolg, gesellschaftliche Anerkennung und auskömmliche Arbeitseinkommen in Deutschland stärker vom Elternhaus abhängen als in den allermeisten anderen entwickelten Ländern, zeigen internationale Untersuchungen wie die PISA-Studie seit langem. Geändert habe sich daran in den vergangenen Jahren nichts, so die Statistiker. Hier müsse die Politik aktiv werden, findet Sarreither. Damit Mobilität tatsächlich auch für soziale Gerechtigkeit und Teilhabe steht.