Berlin - Die Budenstadt sieht unspektakulär aus. Sieben 20-Fuß-Container wurden in der Straßenbahn-Wendeschleife am Mauerpark in Berlin aufgereiht. Dixi-Klos tragen zu dem provisorischen Eindruck bei. Trotzdem nahm sich Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Mittwoch Zeit für einen Besuch.

Denn das kleine Ensemble ist Schauplatz eines Modellprojekts, mit dem ausgelotet werden soll, ob sich innerstädtischer Lieferverkehr umwelt- und klimafreundlicher gestalten lässt. „Hier wollen wir zeigen, dass Paketlieferungen auf der letzten Meile zum Empfänger auch anders organisiert werden kann“, sagte sie.

Container als Mikrodepots

Die weiße Budenstadt ist ein Umschlagplatz der besonderen Art. Nicht mehr lange, dann werden hier Tag für Tag Lieferautos eintreffen, um Kuriersendungen, Briefe, Päckchen und kleine Pakete zu bringen. In den Containern, jeder 14 Quadratmeter groß und mit Regalen sowie Strom versehen, warten sie auf den Weitertransport.

Und da kommen sie auch schon um die Ecke, lautlos und abgasfrei: Zwölf Lastenräder sind auf dem 750-Quadratmeter-Grundstück, das der Bezirk Pankow gratis zur Verfügung gestellt hat, stationiert.

Von hier aus werden sie ausschwärmen, je nach Betreiber in einem Umkreis von drei bis fünf Kilometer. Die größten Paketdienstleister Deutschlands nutzen die Container als Mikrodepots: DHL, dpd, GLS, Hermes und UPS.

„In Berlin sind es pro Tag 215000 Sendungen“

Das Modellprojekt, zu dem das Umweltministerium 403.386 Euro beisteuert, heißt Komodo – kooperative Nutzung von Mikrodepots. „Dies hier ist noch nicht die finale Antwort auf die Probleme, die wir lösen wollen“, sagt Andreas Weber von der Logistikberatung LNC. „Aber es ist ein erster Gehversuch.“

Drei Buchstaben beschreiben, um welche Transportgüter es geht: KEP – Kurier, Express, Paket. Arzneimittel müssen zur Apotheke, Akten zum Steuerbüro, Autoteile zur Werkstatt befördert werden. Dann sind da die vielen Internetbestellungen, die zum Kunden gebracht und bei Nichtgefallen wieder abgeholt werden müssen.

„Allein 2016 wurden in Deutschland drei Milliarden Pakete ausgeliefert, im Durchschnitt mehr als zehn Millionen Sendungen pro Werktag“, so die Ministerin. „In Berlin sind es pro Tag 215000 Sendungen, 2500 Fahrzeuge sind im Einsatz“, berichtet Regine Günther, Berliner Umweltsenatorin.

Meist handelt sich sich um motorisierte Lieferfahrzeuge. Sie tragen nicht nur zum Stau bei. Weil die Zahl der legalen Stellplätze sinkt und Lieferzonen oft zugeparkt sinkt, parken sie oft in zweiter Reihe oder auf Radspuren.

Frankreich setzt Lastenräder seit 2001 ein

Umschlagplätze sind nichts Neues. In Frankreich setzt die Firma La Petite Reine seit 2001 elektrische Lastenräder ein, die bis zu 180 Kilo Waren befördern können. Jedes Jahr ersparen sie allein der Pariser Luft 203 Tonnen Kohlendioxid und 84 Tonnen Feinstaub.

In Deutschland ist Hamburg Vorreiter. Südlich der Binnenalster unterhält UPS vier kleine Umschlagplätze. Cargo Bikes und Zusteller, die zu Fuß unterwegs sind, ersetzen zwei Dutzend Lieferautos.

„Das Neue an dem Projekt in Berlin ist, dass hier die großen Paketdienstleister erstmals zusammen ein Grundstück nutzen“, so Andreas Weber. Das spart Platz und kann für andere dicht besiedelte Städte ein Vorbild sei. „Wir wollen hier auch testen, ob diese Art der Logistik zu wettbewerbsfähigen Kosten möglich ist“, sagte Lars Purkarthofer von UPS.

„Wir werden sehen, ob es sich lohnt“

Derzeit sind die Aufwendungen viel höher als wenn Lieferautos direkt zu den Empfängern fahren würden. Der Mikro-Depot-Einsatz verursacht Kosten, die anfangs zwei bis vier Mal höher sind, so der Bund. „Wir werden sehen, ob es sich lohnt“, so Marc Baumgarte von GLS.

Umschlagplätze seien nicht für alle Bereiche geeignet. Eine gewisse Bebauungsdichte werde benötigt, weil Räder einen kleineren Aktionsradius haben als Autos. Im Fünf-Kilometer-Umkreis um die Micro-Depots am Mauerpark leben 800.000 Menschen.