Berlin wächst und wächst. Die Stadt wird immer größer, vielversprechender und auch herausfordernder. 2030 werden vier Millionen Menschen in Berlin leben. Was das mit sich bringt, lesen Sie in unserer Serie „4 Millionen, die wachsende Stadt, Berlin 2030“. 

Den Auftakt macht der folgende Essay von Harald Jähner.

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Nach Dekaden des Schrumpfens macht Berlin wieder das, was es zuvor eigentlich immer gemacht hat: Es wächst. Eigentlich müsste die Stadt das Wachsen gewohnt sein; über Jahrhunderte war sie zum Wachstum geradezu verurteilt. Dass die Stadtverwalter die vielen aktuellen Miseren und Pannen mit dem angeblich unerwartbaren Zuwachs erklären, ist, aus historischer Distanz betrachtet, ein ganz schlechter Witz.

In den neunzig Jahren von 1820 bis 1910 zum Beispiel verzehnfachte sich die Berliner Bevölkerung von rund 200.000 auf etwa zwei Millionen Menschen. Deshalb gleich von einer „Explosion“ zu sprechen, wie es sich die Geschichtsschreibung der Stadt seit langem angewöhnt hat, ist allerdings auch stark übertrieben. Wenn das schon eine Explosion sein soll, was müssten da erst die Bewohner von Shenzhen sagen?

Wachstum ist eine relative Größe

Shenzhen, die Stadt am chinesischen Perlflussdelta, hatte 1979 gerade mal 30.000 Einwohner. Heute, knapp 40 Jahre später, leben dort zwölf Millionen. Die in hiesigen Verhältnissen unvorstellbare Aufgabe, mit solchem Wachstum fertig zu werden, hat die Bewohner von Shenzhen überaus findig gemacht. Von ihrem Innovationsgeist profitiert die ganze Welt; dort wird fieberhaft an der Verbesserung unserer Apparate gearbeitet, zur Zeit am knickbaren Handydisplay.

Die Sonderwirtschaftszone ist Chinas Silicon Valley und Shenzhen die reichste Stadt des Landes. Allein in der sogenannten iPod-City in Shenzhen arbeiten für den Konzern Foxconn inzwischen 300.000 Einwohner, die meisten Frauen. Schäbige, gerade mal zwanzig Jahre alte Hochhäuser werden schon wieder abgerissen, um schickeren Platz zu machen, umsäumt von eleganten Parks, durch die lautlos Elektrobusse kurven.

Berlin ist dagegen eine im Schneckentempo wachsende Stadt, die so gemächlich reifen könnte wie der Whisky in den Fässern von Tennessee. Aber das Wachstum ist eine relative Größe. Was der einen Gesellschaft als Schildkrötentempo erscheint, gilt der anderen schon als atemberaubend. Städtisches Wachstum verläuft niemals ohne gelegentliche Überbeanspruchung der urbanen und sozialen Gelenke. Eine Stadt ganz ohne Stau wäre ein Orwell'scher Albtraum; der tägliche Minikollaps gehört zur gesunden Stadt, weil er ihre Bewohner daran erinnert, dass Dynamik Grenzen hat.

Wachstum erzeugt Euphorien und Phobien, beider Höhepunkte erlebte in inflationärem Wachstum das Berlin der Weimarer Republik. Schon in den Jahrzehnten zuvor, seit der Gründerzeit, hatten sich die Mietskasernen unaufhörlich ins Umland gefressen, nun beschleunigte die Stadt auch ihr inneres Tempo. In der Selbstwahrnehmung und -inszenierung der Stadt sollte alles wirbeln und rasen und war doch immer noch nicht schnell genug.

Baudirektor Martin Wagner sah die Stadt als „Maschine für Arbeit und Wohlleben“, bestimmt vom Verkehr, von den Prioritäten „Beschleunigung, Stockungslosigkeit, Übersichtlichkeit“. Ihre Glieder sollten laufen wie geschmiert und ihre Adern den schnellsten Durchlass gewähren. Stattdessen stockte es überall, weshalb in einem fort abgerissen und kahl saniert wurde wie gehetzt. Noch abends beim Tanzen kultivierten die Berliner einen wirbelnden Charleston-Stil, der das Tempo des Tages feierte und die Nacht auf Trab bringen sollte.

Dieser „Duft von Freiheit und Benzin“, wie die Schriftstellerin Gabriele Tergit das nannte, zog lebenshungrige Menschen aus allen Provinzen an, hier ihr Glück zu versuchen. Brave Mädchen kamen aus den Kleinstädten und Dörfern und suchten einen Platz in den neuen Berufszweigen der Stadt – in den Telegrafenämtern, Zeitungen, Büros und Warenhäusern. Nach Monaten kehrten sie verwandelt auf Besuch in die Provinz zurück: Selbstbewusst, schick, schlagfertig und vorlaut verstörten sie ihre Familien und besänftigten die besorgten Väter damit, dass sie die leere Familienkasse großspurig mit zehn Reichsmark füllten. Heinrich Mann sprach von Berlin als einer Menschenwerkstatt.

Neues Bewusstsein

Die innere Urbanisierung schuf neue Sozialcharaktere, deutlich sichtbarer bei den Frauen als bei den Männern. Der Schriftsteller Franz Hessel schrieb in der deutschen Vogue 1929 eine Liebeserklärung „An die Berlinerin“: „Mit der Geschwindigkeit, in der Deine Stadt aus klobiger Kleinstadt sich ins Weltstädtische mausert, hast Du Fleißige schöne Beine und die nötige Mischung von Zuverlässigkeit und Leichtsinn, von Verschwommenheit und Umriss, von Güte und Kühle gewonnen.“ Nur ein bisschen sentimentaler wünschte er sie sich, vor allem in Liebesdingen.

Die Stadt veränderte das Bewusstsein bis tief hinein ins Innere des Wahrnehmungsapparates, löste die Menschen aus ihren traditionellen Verhaltensmustern und führte sie frisch zurechtgemacht auf das Parkett der Cabarets und die Flure der Arbeitsämter. Nicht wenige aber spie sie verarmt und verbittert wieder aus.

Vom Moloch Berlin sprach man, von der menschenverschlingenden Hure Babylon, von der gefräßigen Stadtmaschine, vom Großstadtdschungel und seinem Pesthauch. Die panischen Metaphern hatten ihren Grund nur zur Hälfte in der Realität; die darüber hinausschießende Fantasie rührte aus dem Umstand, dass niemand wissen konnte, wohin das Wachstum der Stadt noch führen würde. Wie viele Menschen würde Berlin noch verschleißen? Wie viel Dreck, Abgase, Keime und Fäulnis würden den überfüllten Quartieren noch zusetzen? Wie viel Hetze den Herzklappen? Wie viel Arbeitslose den öffentlichen Kassen? Das Berlin der Zwanzigerjahre löste trotz seines Glanzes, an dem die meisten ohnehin nicht teilhaben konnten, wuchernde Zukunftsängste aus, von denen vor allem die Nazis profitierten. Die Stadtfeindschaft, der Hass auf die „Asphaltkultur“ und die sexuelle Libertinage gehörten zum Standardrepertoire ihrer Agitation.

Heute wissen wir, dass das Wachstum der Stadt limitiert war; die Jahre nach dem Krieg waren durch Fortzüge, die folgenden durch Stillstand gekennzeichnet im Wechsel mit immer weiteren Abgängen. Es ist nur ein paar Jahre her, da riss man in Berlin sogar die Obergeschosse der Plattenbauten ab, um Leerstand zu vermeiden – ein heute grotesk anmutender Planungsirrtum, allerdings ein entschuldbarer. Denn nicht nur in Berlin, auch in vielen anderen Ländern Europas liefen den Städten die Einwohner davon.

In den Achtzigerjahren schien sie der technische Fortschritt entbehrlich zu machen. Die Städte wurden gewissermaßen arbeitslos, denn die Digitalisierung stellte die Stadt als Produktionsstandort der Zukunft gründlich in Frage. Damit änderte sich unser Blick auf die Großstadt fundamental. Moderne Fabriken wurden auf der grünen Wiese errichtet, Einkaufscenter vor die Tore der Stadt verlegt, Bürohochhäuser in Vorstädten errichtet. Das Internet machte logistische Zusammenarbeit von räumlicher Nähe unabhängig; heute ist man auf der Hallig Hooge ja potenziell nicht weniger vernetzt als in Berlin-Mitte.

Allwissenheit der Clouds

In der Folge begannen viele Städte zu veröden. Plötzlich kämpften sie nicht mit zu viel Urbanität, sondern mit zu wenig. Die Städte wurden nicht mehr mit Enge assoziiert, sondern mit Weite, vor allem Berlin, die Stadt der Brachen. Zur gleichen Zeit wanderten die sozialen Ängste aus der Stadt hinaus – ins Internet. In prekärer Dichte vergesellschaftet fühlte man sich nicht länger durch die Stadt, sondern durch das digitale Netz.

Dessen Unsichtbarkeit steigerte die mit der Erfassung und Verstrickung unserer sozialen Existenz zuvor schon verbundenen Ängste ins Paranoide. Nicht das „Räderwerk“ der Stadt oder ihre Phantasmagorien als Dschungel und Moloch lösen heute das bedrohliche Gefühl gesellschaftlicher Allmacht aus, sondern die banale Allwissenheit der Clouds und Server, die uns über unsere Handys beständig absaugen und triggern. Seitdem erscheint uns die Stadt nicht mehr als das Medium der Vergesellschaftung, sondern als ihr nostalgisches Abbild, als eine Art Realmetapher, ein Idyll. Was früher Ängste auslöste, wirkt nun geradezu beruhigend auf die Sinne. Man steht am Strand des Menschenmeeres und fischt schöne Eindrücke heraus. Mit einem Mal wirkt die Dichte einer Stadt beruhigend, weil sie der abstrakten digitalen Vernetzung ein sinnliches Gegenbild gibt.

Seit den frühen Neunzigerjahren suchen die Menschen deshalb verstärkt wieder Nähe. Drangvolle städtische Szenen wie an der Warschauer Brücke oder dem Schlesischen Tor werden genossen, nicht gemieden. Die breiten Schneisen zwischen den Häusern, die man in den Sechzigerjahren ließ, um die Menschen durchatmen zu lassen und ihnen Luft, Licht und Sonne zu geben, wirken jetzt öde und bedrückend; umgekehrt erscheint die Enge, die man früher als bedrohlich und ungesund empfand, nun anheimelnd, angenehm und entspannend. Schon aus ästhetischen Gründen setzen die Städte seitdem auf Verdichtung aller Art. Stadtmarathons, Weihnachtsmärkte, Flohmärkte, Fanmeilen, Public Viewing – Zusammenballungen aller Art wurden inszeniert, um die urbane Dichte im Stadtevent noch zu intensivieren.

Heute wächst Berlin wieder, und alte Freuden und Ängste kehren in neuem Gewand zurück. Die Digitalisierung hat inzwischen viele Schrecken verloren, aber wohl auch ihre größten Triumphe hinter sich. Nach der euphorischen Flucht auf die grünen Wiesen kehrt die Wirtschaft in die Städte zurück, zuletzt der Planung nach ausgerechnet der Hightech-Riese Siemens, ein Sieg der analogen Welt. Die sinnliche Nähe anonymer Menschen und die Fülle von Kunst und Kultur haben sich für das Wachhalten von Kreativität als unabdingbar erwiesen. Wir brauchen einander live, mit Haut und Haar. Deshalb strömen die Leute wieder in die Stadt, pro Jahr wächst Berlin um die Größe einer Kleinstadt. Unablässig verwandelt sich hier Fremdes in Bekanntes und umgekehrt.

Die Schule der Integration

Die Stadt ist eine bewährte Schule der Integration, ihre Bewohner sind deshalb weniger ängstlich. Und doch braucht man hier neuen Mut, so viel hat der Terror inzwischen erreicht. Zur früheren Unbeschwertheit muss man sich bei Massenveranstaltungen geradezu ermannen, um nicht das schale Gefühl zu empfinden, die Freiheit längst verloren zu haben. Städtische Dichte gerät allmählich wieder in Misskredit. Der ökonomisch irrsinnige Widerstand gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes ist ein deutliches Signal.

Die größte Gefahr für die Stadt aber droht im Schutz falscher Gesetze. Habgier und Egoismus drosseln die Freude am neuen Wachstum, die Spekulation mit dem Wohnraum lässt ihre Bewohner verzweifeln und sortiert die Stadt nach Einkommensklassen um. Wird die Segregation nicht gebremst, verödet Berlin aufs Neue. Mit der heute so innig verehrten Mietskaserne erfand die vom Wachstum der Gründerzeit geforderte Stadt geniale Strategien und Gehäuse des Wachstums, die sich bis heute bewähren. Von so viel Klugheit sind wir weit entfernt.