BMW-Werk in Berlin-Spandau.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinAuf dem Motorradmarkt ist die Lage nicht weniger dramatisch als im Neuwagengeschäft. Bereits im März waren die Gesamtzulassungen in den fünf größten Motorradmärkten Europas um 39,6 Prozent im Vergleich zum gleichen Vorjahresmonat eingebrochen. Dann gingen die Verkaufszahlen in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien im April sogar um durchschnittlich 74,9 Prozent zurück.

Im Mai gab es zumindest aus Deutschland jedoch die Andeutung einer Trendwende. Während die Verkaufszahlen im Pkw-Handel laut Kraftfahrt-Bundesamt im Mai um 50 Prozent unter denen des Vorjahresmonats lagen, waren die  Zulassungszahlen für Motorräder bereits wieder um 23 Prozent gestiegen.  Insgesamt wurden im Mai in Deutschland knapp 25.000 Motorräder verkauft.

Damit hat sich allem Anschein nach die Entscheidung von BMW, das Motorrad-Werk in Spandau als erstes seiner Fertigungsstätten weltweit wieder hochzufahren, als richtig erwiesen. Nachdem BMW Mitte März seine Werke geschlossen hatte, begann man Anfang Mai in Berlin mit dem Restart. Zunächst wurden drei von vier Montagebänder in Betrieb genommen, die Motorenmontage zu einem Viertel.

„Seit Mitte Mai läuft das Werk wieder in Normalbetrieb“, sagt BMW-Sprecher Julian Friedrich. Dabei müssen Abstandsregeln eingehalten und in den meisten Bereichen Mund-Nase-Masken getragen werden. Die Maßnahmen waren offenbar erfolgreich. Es habe seit dem Restart keinen Corona-Infektionsfall gegeben, sagt Friedrich.

Tatsächlich bleibt das Werk aber noch unterhalb der vollen Auslastung. Die 800 Fahrzeuge, die in Spandau vor der Corona-Krise täglich produziert wurden, sind noch nicht erreicht. „Derzeit liegen wir bei 600 Motorrädern am Tag“, sagt Friedrich und weiß, dass man die Verluste aus dem sechswöchigen Stillstand nicht aufholen wird. Nun hofft man auf eine schnelle Rückkehr der Nachfrage in den Exportmärkten, wo BMW gut 80 Prozent seiner Motorräder verkauft.

Der überraschende Aufschwung auf dem deutschen Motorradmarkt im Mai taugt allerdings kaum als verlässliches Indiz für wachsende Nachfrage. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass Fahrzeuge vom Handel mit fetten Rabatten oder per Tageszulassung in den Markt gedrückt wurden. Der Grund dafür: Motorräder mit der Abgasnorm EU4 dürfen nur noch bis Jahresende verkauft werden, bevor ab 1. Januar 2021 die höhere Abgasstufe für Neufahrzeuge zur Pflicht wird.

Händler hatten dieses Frühjahr fest dafür eingeplant, ihren Bestand an EU4-Fahrzeugen zur neuen Saison zu verkaufen, bevor sie unverkäuflich werden. Dann aber kam Corona, und nun drängt die Zeit. Denn das Frühjahrsgeschäft ist entscheidend in der Motorrad-Branche. Im vergangenen Jahr wurden 43 Prozent aller in Deutschland verkauften Motorräder in den drei Frühlingsmonaten zugelassen.

Für BMW sind alte Bestände nach eigenen Angaben kein Problem. Zwar wurde EU4-Maschinen in Spandau noch bis Mitte vergangenen Jahres gefertigt, doch belaufe sich der Bestand im Handel auf eine „überschaubarer Größenordnung“. „Wir kamen bislang mit der Nachfrage nicht nach“, heißt es bei BMW.