Berlin - Auf dem Arbeitsmarkt haben Menschen mit Migrationshintergrund weniger Chancen als die Konkurrenz ohne ausländische Wurzeln – das ist bekannt. Die Wahrscheinlichkeit, den begehrten Job zu bekommen, hängt jedoch auch davon ab, welche Wurzeln man hat. Das zeigt eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Menschen mit europäischem oder ostasiatischem Migrationshintergrund haben demnach kaum Nachteile. Dagegen sind Bewerberinnen und Bewerber mit Wurzeln in Afrika oder muslimischen Ländern – also auch viele Flüchtlinge – erheblicher Arbeitsmarktdiskriminierung ausgesetzt. Den Grund für die Diskriminierung glauben die Forscher des WZB in der kulturellen Distanz gefunden zu haben.

6000 erfundene Bewerbungen verschickt

Zwei Jahre lang hat das Team mehr als 6000 erfundene Bewerbungen auf reale Stellenausschreibungen für Ausbildungsplätze verschickt. Die fiktiven Bewerberinnen und Bewerber gaben darin unter anderem Auskunft über das Herkunftsland ihrer Eltern, zur Wahl stand Deutschland oder eines von 34 anderen Ländern.#

Weil jeder Bewerbung ein Foto beigelegt worden war, enthielt sie auch Angaben zum phänotypischen Erscheinungsbild – also zur Frage, ob die Bewerberin oder der Bewerber weiß, dunkelhäutig oder asiatisch ist. Die möglichen Religionszugehörigkeiten waren christlich, muslimisch, buddhistisch/hinduistisch oder konfessionslos. Daneben wurden weitere Merkmale wie Noten oder Referenzschreiben durch Zufall vergeben.

Menschen mit Migrationshintergrund werden diskriminiert

Im Ergebnis erhielten 60 Prozent aller Bewerberinnen und Bewerber ohne Migrationshintergrund eine positive Rückmeldung – bei Menschen mit Migrationshintergrund war das trotz gleicher Qualifikation nur bei 51 Prozent der Fall. „Die Ergebnisse unserer Studien zeigen eindeutig, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland bei der Suche nach einem Arbeitsplatz diskriminiert werden“, schreibt das Autorenteam in seiner Studie.

Diese Diskriminierung unterscheide sich jedoch stark zwischen Herkunftsländern, der Religionszugehörigkeit und dem Phänotyp. So würden vor allem Muslime und Menschen mit schwarzer Hautfarbe diskriminiert.

Arbeitgeber bevorzugen laut der Studie die Bewerber, die ihnen am ähnlichsten sind, also ähnliche Werte teilen wie die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland. Bei der Definition von Werten und kultureller Nähe oder Distanz orientieren sich die Studienautoren am World Value Survey. Der Index erhebt und vergleicht weltweit die Haltung der Menschen gegenüber Werten wie Gleichberechtigung von Männern und Frauen oder Toleranz gegenüber Scheidung und Abtreibung.

„Wertedistanz“ in Osteuropa niedrig

Bewerber mit Migrationshintergrund werden den Studienautoren zufolge dann benachteiligt, wenn die Werte der Menschen im Herkunftsland stark von denen der Deutschen abweichen. Das erkläre, warum insbesondere Menschen mit Wurzeln in west- und südeuropäischen, aber auch osteuropäischen Ländern so hohe positive Rückmelderaten hätten: „Hier ist die Wertedistanz zu Deutschland besonders niedrig. Für Bewerber mit Ursprüngen in afrikanischen und überwiegend muslimisch geprägten Ländern, die wiederum eine sehr hohe Wertedistanz zu Deutschland aufweisen, spiegelt sich diese Distanz auch in den besonders niedrigen Rückmelderaten wieder.“

„Unsere Befunde zeigen, dass es vor allem die kulturelle Dimension der Einwanderung ist, die Ungleichheiten erzeugt“, erklärten die Forscher. Insbesondere in Zeiten des demografischen Wandels sollte es aber im Interesse aller sein, das Potenzial an qualifizierten Bewerbern in Deutschland voll auszuschöpfen – „unabhängig davon, welchen Namen sie tragen und ob ihre Eltern einst aus einem anderen Land zugewandert sind.“