Es dauert nur ein paar Klicks und ein paar Minuten, und dann ist es fertig: das eigene Parfum, individuell zusammengestellt nach Laune, Anlass, Jahreszeit, Erlebnis, Erinnerung oder Träumerei. Von sportlich über extravagant und sinnlich bis modern elegant und natürlich lassen sich die verschiedenen Duftrichtungen und Noten individuell zusammenstellen.

Über zehn Millionen Kombinationen sind möglich. Zum Schluss ergibt sich die eine Note, die man sich selbst vorgestellt hat, ein hochwertiges Parfum, kein Billigprodukt – und vor allem der Duft, den sonst keiner trägt. Spätestens fünf Tage nach der Bestellung ist der Flakon mit der Duft-Kreation zu Hause.

„Kopf- Herz- und Basisnoten“

Nur: Ein Test vor dem Kauf, eine Riech-Probe wie in einer Parfümerie ist nicht möglich. Denn die Kreation erfolgt online, über myparfum.de. Eine vom System vorgegebene Vorauswahl stellt aber immerhin sicher, dass der Kunde mit seiner Kreation nicht völlig daneben liegen kann.

Seit vier Jahren gibt es das Berliner Unternehmen. Bei der Gründung noch wegen der angeblichen spleenigen Idee von Experten belächelt, hat das Start-up-Unternehmen inzwischen eine rasante Entwicklung hinter sich. „Wir haben in einem umfunktionierten Kinderzimmer zu dritt angefangen und jetzt sind wir 50 Mitarbeiter“, sagt Geschäftsführer Matti Niebelschütz und staunt selbst immer noch über diesen Aufstieg.

Der heute 27-Jährige gründete mit seinem Bruder und einem Freund die Firma und schob dafür sein Jura-Studium ein Jahr auf. Gerade erst vor ein paar Wochen ist die gesamte Mannschaft in die neuen großen Räume in Moabit umgezogen. Bisher haben über 50.000 Kunden bei myparfum.de ihr eigenes „duftendes Kunstwerk“ bestellt.

Zu viel auf einmal

Wenn Niebelschütz über „Kopf- Herz- und Basisnoten“ der Düfte spricht, über neue Kombinationen beispielsweise mit Pfeffer und Kaschmirholz, dann steckt er voller Begeisterung, die auch nicht von Rückschlägen in den vergangenen Jahren gemindert wurde. Denn natürlich hat er wie wahrscheinlich jedes andere Start-up gravierende Fehler gemacht. „Wir wollten zwischendurch zu viel auf einmal, wir hatten den Fokus verloren“, sagt er.

So hatte MyParfum neben den Düften auch eine Kosmetiksparte hochgezogen. „Das war auch eine super Sache, es waren tolle Produkte.“ Aber es fehlte an Kraft, zwei Felder gleichzeitig zu bespielen. Die Expansion ging schief. Die Existenz von MyParfum hing damals finanziell am seidenen Faden. „Da haben wir viel Geld verpulvert“, sagt er. „Danach haben wir fast noch mal von vorn angefangen“.

Zu den Fehleinschätzungen gehörte auch, dass es mit der Umsatzentwicklung der ersten Monate einfach so weitergehen würde. Aber das war das Weihnachtsgeschäft mit vielen Bestellungen – und im Januar fielen die Jung-Unternehmer plötzlich in ein großes Loch. „Eine bittere Lektion“, sagt er.

Business Angel

Aber solche Erfahrungen gehören zu einem Gründer-Leben. „Ich musste auch lernen, auf Dritte zu hören“. Vorher wisse man ja alles meistens selbst am besten. Aber 2011 holte sich Niebelschütz professionellen Rat hinzu, einen sogenannten Business Angel. Die helfen jungen Unternehmensgründern mit ihrem Know-how und mit ihren Kontakten, damit eben nicht jeder die gleichen Fehler machen muss, die tausend andere schon vor ihm gemacht haben.

Bei MyParfum half ein deutscher Manager, den Niebelschütz in Kalifornien, im Silicon Valley kennengelernt hatte. Und der gab mit seinem Einsatz genaue Ziele vor: Konzentration auf eine Sache, damit Umsatzverdopplung in einem Monat. „Wir haben nie im Leben geglaubt, dass wir das schaffen können“, sagt der Firmenchef. „Aber es hat geklappt: Wir haben den Umsatz verdoppelt.“ Natürlich auch nur mit einer Arbeitszeit von zehn bis 16 Stunden am Tag. Inzwischen hat MyParfum schon im Fernsehen Werbung betrieben.

MyParfum ist in den schwarzen Zahlen, sagt Matti Niebelschütz. Er war immer in der beneidenswerten Lage, sich von keinem Geldgeber abhängig machen zu müssen – von keiner Bank, von keinem Investor. Er kann von seinem Unternehmen leben. „Aber wir haben MyParfum nicht wegen des Geldes gegründet, nicht wegen einer Hoffnung, dass man damit einmal steinreich werden könnte.“ Es sei die Begeisterung entscheidend, die jeder Gründer haben müsse: „Entspricht das meiner Persönlichkeit, meinem Charakter, macht es mir Spaß?“. In der Duftwelt könne er seine Kreativität ausleben, und „das macht mir noch genauso viel Freude wie am ersten Tag“.

Überraschung für die Mitarbeiter

Auf Zusammenhalt in der Firma wie in einer großen Familie legt der Chef erheblichen Wert: Das gehört neben Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit zur Philosophie des Unternehmens. Was der Eigentümer Niebelschütz auch praktiziert: Alle Mitarbeiter, die mindestens 30 Tage im Unternehmen tätig sind oder auch waren, sind vor wenigen Tagen Miteigentümer geworden. Zehn Prozent der Geschäftsanteile gingen an 137 Berechtigte. Die Überraschung war groß.

Den Wert der Bezugsrechte beziffert MyParfum bei den meisten Begünstigten auf einige tausend bis zehntausend Euro. Man sei gemeinsam durch dick und dünn gegangen, sagt Niebelschütz: Jetzt sei es an der Zeit gewesen, nicht nur die Vision miteinander zu teilen, sondern auch die Ergebnisse der Arbeit.

An einen Börsengang denkt Niebelschütz nicht. „Für mich ist die Begeisterung der Kunden wichtig, wenn sie ein gutes, selbst kreiertes Produkt erhalten.“ MyParfum sei auf einem guten Niveau, „aber wir wollen exzellent“ werden. Wem übrigens sein Parfum nicht gefällt, der kann es kostenlos zurückgeben.

Expansion geplant

Besser zu sein als Chanel oder Dior, aber mit der Selbstverwirklichung der Kunden – das gibt er als sein Ziel aus. International will er seine Kreationen anbieten, die USA als großer Markt sind angepeilt. Eine Marke steht: „Wenn wir eine Million begeisterte Kunden haben, dann haben wir es wirklich geschafft.“