Das DHL-Frachtzentrum in Rüdersdorf ist eines der Herzen der modernen Einkaufswelt. Hier kommt an, was per Mausklick bestellt wurde, und geht zurück, was nicht gefiel oder nicht passte. Eine Pumpe an den Lebensadern der virtuellen Kaufhäuser von Amazon bis Zalando. An normalen Tagen passieren pro Stunde 25.000 Pakete den sieben Fußballfelder großen Posthafen östlich von Berlin.

Doch während des vierwöchigen Poststreiks, dem sich bundesweit rund 32.000 Postarbeiter angeschlossen hatten, lief auch die Rüdersdorfer Pumpe nur mit halber Kraft. Während in dem einen Schenkel des U-förmigen Gebäudes der Betrieb ruhte, dockten am gegenüberliegenden Trakt weiter die Transporter an, um Fracht zu liefern oder abzuholen. Der Postkonzern hat diesen Teil des Frachtzentrums bereits vor Monaten verschiedenen Zeitarbeitsfirmen per Werksvertrag überlassen. 80 Leiharbeiter sortieren dort, was kommt und geht.

„Genau das ist das Problem“, sagt Claudio Krüger, der eigentlich ganz anders heißt. Er arbeitet seit Jahren im Rüdersdorfer Frachtzentrum. „Wir haben einen Betrieb im Betrieb“, sagt er. Ein Geschwür, das von der Post gezüchtet wird. „Das ist krank.“

Die Kunden wurden sauer

Wie in Rüdersdorf lief es seit Jahresbeginn bundesweit in den Frachtzentren und Zustellbasen des Post-Konzerns, der inzwischen DHL heißt. Neue Firmen wurden geschaffen, sogenannte Regionalgesellschaften namens Delivery. Rekrutiert wurden die Mitarbeiter dafür zuerst aus dem Pool der befristet angestellten Postmitarbeiter, die nach eigenen Angaben meist gar keine Wahl hatten. Wer das Angebot ablehnen wollte, habe davon ausgehen müssen, dass er am Ende gar nichts hat, weil sein Postvertrag nicht verlängert worden wäre. „Meine Kollegen wurden gezwungen, für weniger Geld die gleiche Arbeit zu machen“, sagt Krüger.

Der Konzern hatte im Januar 49 solcher Delivery-Gesellschaften gegründet. Dort arbeiten inzwischen 6?500 Menschen. Sie bekommen für ihre Arbeit im Schnitt 20 Prozent weniger Lohn als ihre Kollegen. Mit dem Streik wollte die Stammbelegschaft diese Ausgliederungen rückgängig machen. Es war ein Solidaritätsstreik für die, die nicht streiken können. Denn wer heute bei Delivery arbeitet, ist noch mitten in der sechsmonatigen Probezeit und somit täglich zum Schichtende kündbar. In diesem Punkt aber war der Streik vergeblich: Die Gewerkschaft konnte sich in dem am Sonntag vereinbarten Tarifabschluss nicht damit durchsetzen, dass die Post die neu gegründeten Gesellschaften aufgibt.

Vier Wochen lang türmten sich bundesweit die Paket- und Briefhalden. Die Post verspricht nun nach dem Ende des Tarifstreits, schon bald alle liegen gebliebenen Sendungen auszuliefern. „In einigen wenigen Tagen soll wieder Normalbetrieb herrschen“, so ein Post-Sprecher am Montag. In den vom Streik besonders schwer getroffenen Regionen könne es indes etwas länger dauern, ehe alles wieder rund laufe, räumt er ein.

Personalvorstand Melanie Kreis hatte erklärt, trotz des Streiks seien 80 Prozent der Briefe und Pakete ausgeliefert worden. Gewerkschafter bestreiten das, schätzen die Ausfallrate eher auf 80 Prozent.

Aber selbst wenn die Zahlen der Post stimmen, sind damit täglich 13 Millionen Briefe und 700.000 Pakete auf der Strecke geblieben. Schwer vorstellbar, dass es der Post gelingt, einen solchen Megastau jetzt in kürzester Zeit abzubauen.

Einer während des Streiks durchgeführten Umfrage zufolge hatten 63 Prozent der Bundesbürger Verständnis für den Arbeitskampf. Nicht einmal jeder Dritte lehnte ihn ab. In der vierten Streikwoche wurde die Kundschaft allerdings allmählich sauer. Vor allem dann, wenn es um eilige Sendungen ging. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte etwa beklagte, dass Karten mit Blutproben von neugeborenen Kindern nicht rechtzeitig in den Laboren ankämen. Dadurch könne sich die Behandlung von zum Teil lebensbedrohenden Stoffwechselkrankheiten verzögern. Bewerbungen kamen nicht rechtzeitig an. Handwerksbetriebe befürchten verspätete Zahlungen, weil Rechnungen nicht zugestellt wurden, oder bei Ausschreibungen außen vor zu bleiben, weil ihr Angebot nicht rechtzeitig vorlag.

Maren Hellwig, die bei Haldensleben in Sachsen-Anhalt einen Blumenversand betreibt, nutzte zuletzt den Dienst DHL Express, der nicht bestreikt wurde, aber zehn Euro extra kostet. „Jede Woche gingen Pakete verloren“, sagt sie und dass sie ihren Kunden dann den kompletten Rechnungsbetrag erstattet hat. Am Ende versandten viele Kunden gar keine Blumen mehr. Tatsächlich haftet die Post in den wenigsten Fällen. Der Versender trägt die Verantwortung.

Auch die Zustellbasis in der Reinickendorfer Innungsstraße wurde tagelang bestreikt. Was vom DHL-Frachtzentrum Berlin-Nord in Nauen-Börnicke hier ankommt, wird sortiert und dann in die umliegenden Haushalte gebracht. Doch das war zuletzt Theorie. Zwar wurde versucht, den Betrieb mit Delivery-Mitarbeitern und Aushilfen am Laufen zu halten, doch immer wieder kamen Lastwagen an, fuhren auf den Hof und nach kurzer Zeit vollbeladen wieder ab, weil sie ihre Pakete nicht loswurden. Die Stammbelegschaft streikte nahezu komplett, 35 Kollegen waren es. Mitte vergangener Woche hatte der Chef des Betriebs einzelne Kollegen direkt angerufen, um sie zur Rückkehr an die Arbeit zu bewegen. Drohanrufe seien das gewesen, heißt es bei den Streikenden. Einer ging ihnen danach von der Fahne. Der Rest blieb standhaft.

So hart der Streik für die Kunden war, die Post dürfte keinen großen Schaden davongetragen haben. Denn der Konzern strotzt vor Kraft: Er ist schwerprofitabel, längst transportiert er nicht mehr nur Briefe durchs Land. Die seit dem Jahr 2000 börsennotierte DHL ist heute ein globaler Player, der Formel-1-Autos an die Rennstrecken bringt und die erste chinesische Fußball-Liga sponsert. 2014 erfreute der Dax-Konzern, der noch immer zu einem Fünftel dem Staat gehört, seine Aktionäre mit einem Gewinn von fast drei Milliarden Euro.

Das Geschäft boomt

Rund 171.000 Menschen haben hierzulande dafür gesorgt, von denen knapp jeder vierte Beamter ist. In diesem Jahr will die Post 3,2 Milliarden Euro verdienen, 3,7 Milliarden im nächsten. Spätestens zum Ende des Jahrzehnts will Postchef Appel die Fünf-Milliarden-Marke geknackt haben. Auch die Aktionäre erwarten pünktliche Lieferung. Zuletzt gestanden sie dem Chef übrigens ein Jahresgehalt von 9,6 Millionen Euro zu. Nur in den Teppichetagen von VW und Daimler wurde mehr verdient.

Wenngleich das Geschäft mit dem Brief immer kleiner wird, vom boomenden Pakettransport profitiert die Post wie kein zweiter Logistiker. Dort ist DHL der unangefochtene Marktführer und dominiert vor allem das Privatkundengeschäft, das weiter wachsen wird. Schon heute kaufen 50 Millionen Deutsche online ein und werden immer aktiver. In der Branche wird erwartet, dass sich die jährliche Zahl der Paketsendungen hierzulande in den nächsten zehn Jahren von 1,2 auf 2,5 Milliarden Paketen verdoppeln wird. Es geht um Milliarden-Umsätze, die verteilt werden wollen. Dafür will sich die Post fit machen, deshalb Delivery. „Das ist nicht gierig, sondern erforderlich, um das Unternehmen auch im Interesse der Mitarbeiter nachhaltig aufzustellen“, hatte der Postchef kürzlich erklärt.

Dennoch darf die Ausgliederung zumindest als einfallslos gelten, weil die Kosten gekürzt statt Einnahmen erhöht werden sollen, wofür es durchaus Gelegenheit gäbe. Denn die Post hat sich ihre Marktführerschaft teuer erkauft. Für Amazon und Zalando ist DHL zwar die erste Adresse, doch verdient die Post kaum an den Paketen. Denn während ein Privatkunde wenigstens vier Euro für eine Paketlieferung der Post zahlen muss, wird der Preis für Amazon in der Branche auf etwa 1,80 Euro taxiert, was bestenfalls die Kosten deckt. Beim Post-Konkurrenten DPD ist somit zu erfahren, dass man gar nicht scharf darauf war, während des Streiks als Lieferant einzuspringen. „Wir sind an der Übernahme einer größeren Paketmenge von DHL nicht interessiert, da das dort vorherrschende Preisniveau für DPD nicht attraktiv ist“, hieß es dort.

Bis Ende des Jahres soll die Zahl der Delivery-Zusteller auf insgesamt etwa 8?500 aufgestockt werden. Auch in der Reinickendorfer Zustellbasis in der Innungsstraße soll es dann keinen Postler mit Haustarifvertrag mehr geben.