Nach der Air Berlin und Monarch Pleite: Hohe Wahrscheinlichkeit erneuter Insolvenzen

Berlin - Pleiten und Pannen häufen sich in der europäischen Luftfahrt. Jetzt hat es die britische Airline Monarch erwischt. Wir erläutern, warum mit großer Wahrscheinlichkeit demnächst weitere Insolvenz in der Branche folgen könnten.

Was ist bei Monarch passiert?

Das Unternehmen hat von einem Tag auf den anderen den Flugbetrieb wegen Zahlungsunfähigkeit eingestellt. Etwa 110.000 Kunden sitzen an ihren Urlaubsorten fest. Die Insolvenzverwalter und die britische Regierung haben eine Rückholaktion gestartet, unter anderem wurden Maschinen von Qatar Airways gechartert. Es handele sich um das größte derartige Vorhaben in Großbritannien in Friedenszeiten, teilte das Verkehrsministerium mit.

Was wird aus Monarch?

Monarch musste am Montag sofort seine Lizenz für den Flugbetrieb abgeben. Es besteht also auch keine Chance mehr, dass einer der 36 Jets noch einmal abhebt. Das bedeutet auch, dass rund 300.000 bereits verkaufte und bezahlte Tickets verfallen. Die British-Airways-Mutter IAG hat bereits Interesse an der Übernahme von Maschinen und Crews von Monarch signalisiert. Das Unternehmen wird also mit großer Wahrscheinlichkeit liquidiert. Von den Erlösen werden dann die Forderungen der Gläubiger bedient. Dazu zählen auch die Kunden, die bereits Tickets gekauft haben. Doch die Chance Geld zurück zu bekommen sind gering. Da die Forderungen etwa der Belegschaft Priorität haben.

Kommt die Pleite überraschend?

Nein. Monarch hat seit vielen Monaten mit heftigen Turbulenzen zu kämpfen. Es gab erfolglose Verhandlungen für eine Übernahme unter anderem mit Easyjet, Norwegian und Wizz Air. Firmenchef Andrew Swaffield teilte am Montag per E-Mail mit, seit 2015 habe man mit negativen Entwicklungen von außen zu kämpfen, die man nicht beeinflussen könne. Die Fluggesellschaft hat sich auf Ferienflüge von Großbritannien in die Mittelmeerregion spezialisiert. Die Türkei, Tunesien und Ägypten waren Schwerpunkte. In diesen islamischen Ländern ist das Tourismusgeschäft in den vergangenen zwei Jahren wegen einer schwierigen Sicherheitslage und wegen politischer Verwerfungen eingebrochen. Das hat bei Monarch zu massiven Umsatzeinbußen geführt.

Welche Rolle spielt der Preiskampf der Billigflieger?

Eine entscheidende. Es gibt gerade in der Ferienfliegerei massive Überkapazitäten, insbesondere zu Ferienzielen in Spanien, Portugal und Griechenland, die wegen der Rückgänge bei Destinationen in islamische Länder einen Boom erleben. Seit 2015 hätten sich Flugtickets um ein Viertel verbilligt, betonte Swaffield. In Europa kämpfen noch gut drei Dutzend Billiganbieter vor allem um Urlauber, die nach Südeuropa wollen.

Ist es ein Zufall, dass der Zusammenbruch gerade jetzt kommt?

Nein. Die finanzielle Lage von Monarch hatte sich in den vergangenen Wochen massiv verschlechtert. Das hat unter anderem damit zu tun, dass zum harten Preiskampf das nahende Ende der Reisesaison kommt. Das macht es schwieriger, die Maschinen auszulasten. Leere Sitze bei Monarch bedeutete, dass immer mehr Flüge defizitär waren. Hinzu kam, dass Treibstoff in den vergangenen Wochen wieder teurer geworden ist.

Ist eine ähnliche Katastrophe in Deutschland denkbar?

Deutschland hat mit der Pleite von Air Berlin Mitte August einen noch viel schlimmeren Zusammenbruch gesehen. Es gab aber keine gestrandeten Passagiere, da die Bunderegierung einen Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro zur Verfügung stellte. Die Urlauber konnten so nach Hause geholt werden. Gleichwohl bekommen rund 100.000 Air-Berlin-Kunden das Geld für schon bezahlte Tickets erst einmal nicht zurück. Der Hauptstadt-Fluglinie geht langsam das Geld aus. Betroffen sind vor allem Urlauber, die Fernziele gebucht haben. Denn Air Berlin stellt seine Interkontinentalflüge bis Mitte Oktober ein. Wer vor dem 15. August, dem Tage der Insolvenzerklärung, Tickets gebucht und bezahlt hat, wird damit zum Gläubiger von Air Berlin. Die Chance Geld zurück zu bekommen, sind äußerst gering.

Welche Rolle spielt Ryanair?

Ryanair ist der Motor der gesamten Entwicklung. Die Iren haben mit ihrem extrem aggressiven Expansionskurs die Preiskämpfe auf allen europäischen Märkten angeheizt. Doch nun geraten auch bei der nach Passagieren größten europäischen Airline die Dinge außer Kontrolle. Ryanair hatte zunächst 2000 Flüge bis Ende Oktober gestrichen. 18000 weitere Verbindungen sollen bis Ende März wegfallen. Ryanair begründet dies hartnäckig mit Fehlern bei der Urlaubsplanung. Analysten vermuten, dass das Unternehmen mit massiv steigenden Kosten für Piloten und Flugbegleiter zu tun hat. Norwegian hat den Iren Piloten in großer Zahl abgeworben. Außerdem hat der Europäische Gerichtshof Tricksereien bei der Bezahlung von Flugzeugführern untersagt. 

Wie wird es weitergehen?

Gut möglich, dass die europäische Luftfahrtbranche vor einem sehr turbulenten Winterhalbjahr steht – mit weiteren Pleiten und zahlreichen gestrichenen Flügen. Insider sprechen bereits von selbstzerstörerischen Tendenzen in der Branche. Als sicher gilt, dass sich die Zahl der Airlines in den nächsten Jahren deutlich reduzieren dürfte. 

Was können die Kunden tun?

Sich genau anschauen, bei wem sie buchen. Zwar gibt es ein umfangreiches Paragrafenwerk mit Passagierrechten. Doch sie sind schwer durchzusetzen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte bei den großen, etablierten Airlines buchen. Man muss immer bedenken: Wer ein billiges Ticket kauft, das sofort bezahlt werden muss, gewährt im Prinzip der Airline ein kurzfristiges zinsloses Darlehen, das bei einer Insolvenz nicht abgesichert ist.             

Was kann die Politik tun?

Verantwortlich ist vor allem die EU-Kommission. Die hat über Jahre Airlines im Allgemeinen und Billigflieger im Besonderen direkt und indirekt gehätschelt. So sind Passagierrechte lax formuliert, und es fehlt an Sanktionen, wenn dagegen verstoßen wird. So konnte Ryanair es sich erlauben, bislang ungestraft seine geprellten Kunden nur äußerst unzulänglich über ihre Rechte informieren. Wichtig wäre deshalb aus Sicht von Verbraucherschützern, die Fluggastrechte zu stärken und ihre Einhaltung strikter zu kontrollieren. Bei Zuwiderhandlungen müsste es hohe Bußgelder geben.

Wie kann man gestrandete Passagiere vermeiden?

Klaus Müller, Chef des Dachverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV), und andere Verbraucherschützer machen sich erneut dafür stark, dass Fluggesellschaften eine Insolvenzversicherung abschließen müssen, wie das bei Reiseveranstaltern schon lange der Fall ist. Wer eine Pauschalreise bucht, erhält einen sogenannten Sicherungsschein. Dieser stellt sicher, dass eine Versicherung dafür gerade steht, dass gebuchte Dienstleistungen (Rückflüge) erbracht werden, dass beziehungsweise im Voraus gezahltes Geld zurückerstattet wird, wenn eine Airline abstürzt. Fluggesellschaften haben bislang solche Versicherungen wegen angeblich hohen Kosten abgelehnt.