Berlin - Seit Monaten werden Pleitewellen prognostiziert, weil in vielen Branchen die Umsätze unaufholbar eingebrochen sind und Geschäftsmodelle ihre Grundlage verloren haben. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Trotz drastisch geschrumpfter Wirtschaftsleistung gibt es im Land so wenige Unternehmensinsolvenzen wie seit Jahren nicht. Laut Prognose der Wirtschaftsauskunftei Creditreform werden am Jahresende bei den Gerichten insgesamt 16.300 Firmenpleiten angezeigt worden sein.

Das sind nicht nur 2500 Insolvenzen weniger als 2019, als die bundesdeutsche Wirtschaftsleistung noch um 0,6 Prozent gestiegen war, sondern markiert den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. „Im laufenden Jahr hat sich das Insolvenzgeschehen als Seismograph für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung vom wirklichen Zustand der deutschen Unternehmen entkoppelt“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Chef der Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Tatsächlich ist der offenkundige Widerspruch erklärbar. Die Bundesregierung hatte zur Abfederung der Folgen der Corona-Pandemie zahlreiche Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft beschlossen. Darüber hinaus wurde die Insolvenzantragspflicht bereits im März ausgesetzt. Waren Unternehmen also zahlungsunfähig oder überschuldet, so verpflichtete sie kein Gesetz mehr, Insolvenz anzumelden. Für Überschuldung gilt das auch noch bis Jahresende.

Bei Creditreform geht man davon aus, dass sich durch die Staatshilfen sehr viele Unternehmen am Markt gehalten haben, die unabhängig von der Corona-Krise eigentlich nicht mehr überlebensfähig waren. Insbesondere bei Kleinbetrieben gab es durch die Aussetzung spürbar weniger Insolvenzmeldungen.

Unter Großunternehmen hat die Corona-Krise die Zahl der Insolvenzen indes bereits in diesem Jahr steigen lassen. Die Pleiten des Warenhaus-Konzerns Galeria Karstadt Kaufhof, der Friseurkette Klier sowie von Unternehmen des Modeeinzelhandels wie Esprit, Hallhuber oder Bonita sind die bekanntesten. Eine Folge: Es gab zwar insgesamt weniger Firmenpleiten, dennoch waren die Auswirkungen bereits in diesem Jahr gravierender als zuvor. Denn während 2019 noch insgesamt 218.000 Beschäftigte in Deutschland von einer Insolvenz betroffen waren, stieg dieses Zahl inzwischen auf rund 332.000.

Zugleich haben sich die Schäden für die Gläubiger von insolventen Unternehmen gegenüber dem Vorjahr von 23,5 Milliarden Euro auf schätzungsweise 34  Milliarden Euro summiert. Das ist ein Plus von 45 Prozent. Bei Creditreform rechnet man nun damit, dass pro Insolvenzfall voraussichtlich die Rekordsumme von durchschnittlich mehr als zwei Millionen Euro an Forderungsverlusten abgeschrieben werden muss.

Laut Wirtschaftsforscher Patrik-Ludwig Hantzsch werde die „künstliche Ruhe“ allerdings schon bald nach dem Jahreswechsel beendet sein. Insbesondere für Gastronomie, Einzelhandel oder die Messe-, Reise- und Veranstaltungsbranche habe die Rezession massive Auswirkungen auf die Liquiditäts- und Finanzlage. Hantzsch rechnet für 2021 mit bundesweit 24.000 Unternehmensinsolvenzen und bezeichnet selbst diese Zunahme um fast 50 Prozent noch als „konservativ gerechnet“. In jedem Fall sagt der Wirtschaftsforscher auch für die Jahre 2022 und 2023 anhaltende hohe Insolvenzzahlen voraus.

Die Insolvenzquote in Berlin ist überdurchschnittlich hoch

In Berlin, wo die Unternehmenspleiten in diesem Jahr laut Creditreform ebenfalls um zehn Prozent auf 1250 Insolvenzen zurückgehen werden, dürfte der Anstieg im nächsten Jahr noch stärker ausfallen. Dafür sprechen laut Creditreform zum einen die dienstleistungsgeprägte Wirtschaftsstruktur sowie andererseits das ohnehin vitale Gründungsgeschehen in der Hauptstadt. Denn tatsächlich ist die sogenannte Insolvenzquote in Berlin überdurchschnittlich hoch. Mit 78 Pleiten pro 10.000 Unternehmen rangiert die Stadt auf dem zweitschlechtesten Platz vor Bremen. Zwar lag diese Quote 2019 in Berlin noch bei 92, aber in Thüringen etwa beträgt sie 30.

Wie sehr Berliner Unternehmen von Insolvenzen betroffen sein werden, wird vor allem von weiteren Hilfen abhängen. Die lange versprochenen „Novemberhilfen“ werden voraussichtlich erst im Januar ausgezahlt. Aber immerhin fließen wenigstens Abschlagszahlungen. Laut Investitionsbank Berlin (IBB) sind bisher insgesamt 10.963 Abschlags- oder beschleunigte Auszahlungen in Höhe von 29,2 Millionen Euro geleistet worden. Die IBB weist zugleich darauf hin, dass die Abschläge nach einer durch den Bund automatisierten technischen Prüfung direkt über die Bundeskasse ausgezahlt werden. Die IBB selbst sei an diesem Verfahren nicht beteiligt.