Nach dem Ende von Nord Stream: Kauft Europa jetzt mehr LNG aus Russland?

Russisches Pipelinegas hat in Europa an Bedeutung verloren. Doch einem russischen Unternehmen gelingt es, mehr LNG nach Europa zu exportieren. Wie geht das?

Ein LNG-Lagertankschiff
Ein LNG-Lagertankschiffdpa/Domenic Aquilina

Nord Stream 1 liegt zerstört auf dem Grund der Ostsee, Nord Stream 2 hatte nie eine echte Chance, in Betrieb zu gehen. Die mutmaßlichen Anschläge auf die Röhren haben die russischen Gaslieferungen durchs Meer, die Gazprom schon früher gestoppt hatte, wohl für immer beendet, wird berichtet. Allerdings ist das nur ein Teil der Wahrheit.

Noch fließen über die Ukraine rund 42 Millionen Kubikmeter Gas täglich in die osteuropäischen Länder, wenn auch nicht nach Deutschland. Die von der EU angestrebte Unabhängigkeit von Russland ist erreicht: Minus 55 Milliarden Kubikmeter russisches Pipelinegas von Januar bis September – das macht eine Reduzierung des russischen Anteils an EU-Importen auf neun Prozent aus, erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stolz im September. Ziel sei, russische Einnahmen zu kürzen, mit denen Putin „seinen grausamen Krieg in der Ukraine finanziert“.

Um russisches Pipelinegas zu ersetzen, haben die EU-Länder laut der Internationalen Energieagentur (IEA) im gleichen Zeitraum zusätzliche 50 Milliarden Kubikmeter LNG, oder Flüssigerdgas, importiert. 70 Prozent davon entfallen auf US-Lieferanten, doch woher kommt der Rest?

LNG-Exporte aus Russland steigen

Nicht zuletzt aus Russland. Das US-Magazin Politico berichtet etwa unter Berufung auf die internen Statistiken der EU-Kommission, dass der massive Rückgang russischer Pipelinegas-Lieferungen russische LNG-Exporte nach Europa angekurbelt hat. Diese sind demnach in den ersten neun Monaten diesen Jahres um 46 Prozent gestiegen – trotz der Bekenntnisse der Politiker, russische Gaslieferungen unbedingt zu reduzieren. Insgesamt hätten die Gasimporteure aus Frankreich, den Niederlanden, Spanien und Belgien dieses Jahr bis September 16,5 Milliarden Kubikmeter russisches LNG zum Marktpreis eingeführt, gegenüber 11,3 Milliarden Kubikmeter Gas im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Den Zuwachs belegen indirekt auch die öffentlichen Gasmarktberichte der EU-Kommission. Die IEA ist in ihren Schätzungen etwas vorsichtiger. Die russischen LNG-Importe nach Europa seien in den ersten zehn Monaten des Jahres 2022 im Jahresvergleich „um mehr als zehn Prozent gestiegen“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. Immerhin ein deutlicher Zuwachs.

Da der europäische Energiemarkt eng verflochten ist, ist nicht auszuschließen, dass einige Mengen davon auch nach Deutschland weiterverkauft werden. Doch wer verkauft den Europäern dieses LNG? Der größte Teil davon stammt offenbar vom zweitgrößten russischen Erdgasförderer Nowatek (Novatek). Der Konzern mit Sitz in Westsibirien und in Moskau ist, anders als der Staatskonzern Gazprom, der auch ein Monopol auf die Pipeline-Exporte hat, ein privates börsennotiertes Unternehmen.

Er betreibt das LNG-Terminal Jamal im Nordwesten Sibiriens, an dem neben dem französischen Minderheitsaktionär Total Energies auch chinesische Investoren zu 30 Prozent beteiligt sind. Das Terminal ist mit dem Gasfeld Süd-Tambejsk verbunden und liefert LNG nicht nur verstärkt an China, sondern offensichtlich auch in die EU.

Leonid Michelson, Vorsitzender und Hauptaktionär von Nowatek
Leonid Michelson, Vorsitzender und Hauptaktionär von Nowatekimago/Vladimir Smirnov

Nowatek-Chef: Ein unabhängiger Oligarch?

Dass Nowatek in Brüssel toleriert wird, zeigt auch der Umgang mit dessen Vorsitzendem und Hauptaktionär Leonid Michelson. Der 67-Jährige genießt dank eines geschätzten Vermögens von 22 Milliarden US-Dollar anders als der Gazprom-CEO Alexei Miller (60) ganz klar den Status eines Oligarchen und ist trotzdem nicht von der EU sanktioniert (von Polen aber schon). Michelson ist darüber hinaus Hauptaktionär von Sibur, des größten russischen Petrochemie-Konzerns. Das US-Magazin Forbes hatte ihn 2016 zum reichsten Russen erklärt.

An so viel Reichtum in der Gasindustrie, diesem Rückgrat der Wirtschaft des postsowjetischen Russlands, zu kommen und diesen über die Jahre zu vermehren, ist in Russland ohne ein gewisses Verhältnis zum Kreml unmöglich; auch wenn Michelson sich durch seine philanthropische Tätigkeit in Venedig oder etwa bei den Salzburger Festspielen als einen unabhängigen Geschäftsmann präsentiert. So war Wladimir Putin im Frühjahr 2021 Michelsons Bitte nachgekommen und hatte bewilligt, dass zwei Gasfelder von föderaler Bedeutung auf der Jamal-Halbinsel Nowatek zur Verfügung gestellt wurden. Ob Putin Michelson auch „empfehlen“ könnte und möchte, kein LNG mehr an Europa zu liefern?

Auch Gazprom hofft auf LNG-Exporte auf den Weltmarkt

Im Moment warten Dutzende LNG-Tanker vor der europäischen Küste auf die Löschung. Die Nachfrage nach LNG ist kurzfristig gesunken, weil die europäischen Gasspeicher gut gefüllt sind und milde Temperaturen den Gasverbrauch bisher nicht in die Höhe getrieben haben.

Die niedrigen Preise von rund 110 Euro pro Megawattstunde sind laut den deutschen Gasimporteuren allerdings nur eine Momentaufnahme, und man kann davon ausgehen, dass Gas am Spotmarkt bald wieder teurer wird. Das Abklingen der Epoche des Pipelinegases führt inzwischen dazu, dass selbst Gazprom verstärkt auf LNG setzt.

So hat Gazprom Anfang Oktober einen Komplex zur Produktion von LNG an der Messstation Portowaja bei Sankt Petersburg eröffnet – genau dort, wo die zerstörte Nord Stream 1 ihren Anfang nimmt. Es werden auch Exporte „auf den Weltmarkt“ geplant. Ob EU-Länder Gazprom-LNG kaufen werden, ist allerdings mehr als fraglich. Denn das Vertrauen ist zerstört. Der amerikanisch-deutsche Industriegaskonzern Linde, der Gazprom noch 2021 als einen Kunden „von sehr hoher Qualität“ betrachtete, hat sich kurz nach dem Beginn des Ukraine-Krieges aus dem LNG-Projekt in Portowaja zurückgezogen. Die russischen Firmen mussten die Inbetriebnahme des Komplexes alleine abschließen.

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