Bei vielen hat ihre Entscheidung für Überraschung und Ärger gesorgt: Yahoo-Chefin Marissa Mayer holt ihre Mitarbeiter aus den heimischen Büros zurück in den Konzern. „Geschwindigkeit und Qualität leiden oftmals, wenn wir von Zuhause aus arbeiten“, begründete Mayer die neue Richtlinie. „Einige der besten Entscheidungen und Erkenntnisse erwachsen aus Gesprächen auf dem Flur oder in der Cafeteria“. Hat die oft gepriesene Heimarbeit etwa ausgedient?

„Nicht für jedes Jobprofil ist das Home-Office geeignet“, weiß Heiko Pobbig, Berater und Partner der IT-Unternehmensberatung IndiTango AG in Hamburg. Auch könne nicht jeder Beschäftigte mit dem hohen Freiheitsgrad umgehen, den die Heimarbeit mit sich bringt. „Trotzdem hat das Modell viele Vorteile.“

Pobbig kennt sich mit der Materie bestens aus: Seine Firma initiiert den jährlichen Home-Office Day in Deutschland. Für ihn ist klar: „Ein Unternehmen sollte klare Richtlinien für die Arbeit zu Hause vorgeben.“ Dazu gehöre auch ein regelmäßiger Austausch im Team, etwa per Telefon- oder Web- bzw. Videokonferenz. Wichtig ist ein gutes Mischverhältnis zwischen Heimarbeit und Büro vor Ort: „Sonst geht die Bindung an den Arbeitgeber verloren“, erklärt Pobbig. Vermutlich war dies auch ein Grund für die Entscheidung von Yahoo.

Kampf gegen die Klischees

In vielen Köpfen spukt das Klischee vom Mitarbeiter, der sich daheim einen faulen Lenz macht und kaum kontrolliert wird. Dabei ist fürs Home-Office ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Zeitmanagement nötig. Der Unternehmensberater hält deshalb ein Umdenken für wichtig: „Weg von der starren Anwesenheitspflicht - was zählt, ist das Ergebnis, nicht der Ort“, sagt Pobbig.

„Grundsätzlich ist eine Mischung aus beiden Arbeitsformen optimal“, sagt der Coach, Trainer und Buchautor Christian Müller. „Denn auf Dauer kann die Arbeit im Home-Office aufgrund des fehlenden sozialen Kontaktes auch zu einem Problem werden.“

Fest steht: Die Hälfte der Beschäftigten wünscht sich Arbeitstage zu Hause, und auch Unternehmen profitieren von einer besseren Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter. Wie eine Umfrage des Softwareherstellers TeamViewer aus 2012 zeigt, sind Arbeitnehmer im heimischen Büro deutlich zufriedener und motivierter. Demnach arbeitet bereits jeder Dritte ganz oder teilweise im Home-Office, längst nicht mehr nur in den klassischen Berufen wie Programmierer, Kundenbetreuer oder Texter.

Gerade bei jungen und hoch qualifizierten Mitarbeitern ist das Büro daheim zunehmend beliebt. Eltern können auf diese Weise Beruf und Familie besser miteinander verbinden - „und auch für Arbeitnehmer mit pflegebedürftigen Angehörigen ist es eine gute Lösung“, sagt Berater Pobbig. Beide Seiten profitierten vom Modell: Arbeitgeber werden attraktiver und könnten Fachkräfte besser ans Unternehmen binden.

Arbeitsrechtler und Gewerkschafter raten, die Konditionen im Vertrag genau auszuhandeln - von der Kostenübernahme für das Arbeitszimmer über die Versicherung des Equipments bis hin zur persönlichen Erreichbarkeit. Auch die Datensicherheit darf dabei nicht vernachlässigt werden.

Deutschland hinkt hinterher

Im Vergleich mit den EU-Nachbarn liegt Deutschland bei der Heimarbeit noch zurück. Das bestätigte die europaweite Studie „Lost in Translation“ (2011) der IT-Firma Plantronics. Unternehmen erkennen demnach zwar die Vorteile, werden aber von den Hürden bei der Umsetzung abgeschreckt. Nur 12 Prozent der deutschen Firmen ermöglichen bisher Home-Office, so Pobbig.

Dabei könnten sie auch ein Zeichen für mehr Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung setzen: „Berufspendler brauchen im Schnitt täglich insgesamt 90 Minuten. Schon ein Home-Office-Tag die Woche kann den CO2-Ausstoß senken“, sagt der Unternehmensberater.

Coach Christian Müller hält die Entwicklung bei Yahoo jedenfalls für einen falschen Anreiz: „Die passende Reaktion bestünde eher darin, die Regelungen für die Arbeit im Home-Office neu zu fassen und konsequent durchzusetzen, statt komplett auf diese Option zu verzichten.“ Er rät Marissa Mayer, nach einer gewissen Phase die Heimarbeit unter neuen, verschärften Auflagen Schritt für Schritt wieder einzuführen.