Berlin - An den meisten Verbraucherinnen und Verbrauchern dürfte sie Anfang dieser Woche maximal im Lautlos-Modus vorbeigezogen sein, die Berlin Fashion Week. Denn so, wie es in dieser neuen, Corona-geformten Welt eben ist, so kam auch das Event für die Branchenelite nicht umhin, sich der Pandemie zu beugen und das Sehen und Gesehen-Werden, die Shows und das Netzwerken ins Digitale zu verlegen.

Doch nicht nur Corona, auch die Tatsache, dass die Wirtschaftsweise, mit der die Industrien diesen Planeten und seine Bevölkerung beackern und ausbeuten, können weder Modebranche noch Politik weiterhin ausklammern, wenigstens symbolisch nicht.

Während Nichtregierungsorganisationen, Einzelpersonen und Bündnisse aus der Zivilgesellschaft seit Jahrzehnten fordern, dass Produktion und Lieferketten ökologisch sauberer und Arbeitsbedingungen sozialer werden müssen, so sind sowohl die etablierten Unternehmen, als auch die gesetzlichen Kontrollmechanismen in der Modewelt in Sachen Nachhaltigkeit weit zurück. Nur rund ein Prozent dessen, was die Bevölkerung in Deutschland für Bekleidung und Schuhe ausgibt, geht in zertifizierte Textilien. Zwar springen auch manche Marktriesen inzwischen auf den Öko-Trend auf, doch erfüllen deren Linien häufig nur Teile der Standards und so bleibt es eher bei Image-Kampagnen und einzelnen Kollektionen.

Zum ersten Mal findet in dieser Woche, angedockt an die Berlin Fashion Week, das Format „202030 - The Berlin Fashion Summit“ statt. Noch bis zum Sonntag diskutieren laut Homepage der Veranstaltung die „Avantgarde der Kreativen, kritische Aktivistinnen und Aktivisten und Industrielle“ zu verschiedenen Aspekten von Nachhaltigkeit.

„Der Summit arbeitet auf einer Meta-Ebene. Wir gucken mit einem systemischen Blick: Wie funktioniert das Modesystem, wie verändert es sich und wie wollen wir es haben?“, sagt Initiatorin Magdalena Schaffrin. Schaffrin hat vor zehn Jahren die nachhaltige Modemesse Neonyt mitgegründet, die im vergangenen Jahr von Berlin nach Frankfurt am Main gewandert ist, mit ihrer Agentur Studio MM04 berät sie Modeunternehmen.

Der „Mode-Gipfel“ findet nicht nur digital statt, er thematisiert auch das Digitale in der Branche. Schaffrin sieht in den virtuellen Sphären großes Potential für eine nachhaltige Mode. Wie in der Produktion von Schnitten, aber auch in der Kommunikation. „Viele Looks werden nur für ein Instagram-Bild bestellt. Wenn man sich dafür virtuell kleiden würde, wäre das eine enorme Ressourceneinsparung“. Stimmt sich da schonmal die Zukunftsmusik ein?

Etwas näher dran an den Verbraucherinnen ist Julia-Maria Blesin. Sie bloggt seit 2014 über Lifestyle-Fragen, ihre Texte suchen nach Lösungen, wie ein nachhaltiger Alltag aussehen kann. Ihr allererstes Nachhaltigkeits-Kriterium heißt: Transparenz. Denn sie promotet auch Marken. So möchte sie einen Beitrag leisten zur Aufklärung ihrer Leserinnen im Dschungel des Angebots. Denn: „Nachhaltigkeit ist kein geschützter Begriff“, sagt Blesin.

Ihr ist „Preisrealität“ wichtig, sie möchte weniger für die Marke denn für die faire Produktion zahlen. Im Mainstream seien diese Dinge über das Basic-Angebot hinaus noch kaum angekommen, sagt Blesin. Wer mehr will als ein einfarbiges T-Shirt, der muss suchen.

Oder warten. Das findet zumindest Ewa Herzog. Ihre gleichnamige Marke kreiert die Designerin in Wilmersdorf, gleich zu Beginn der Corona-Krise hat sie von Laden- auf Online-Vertrieb umgestellt. „Wenn alles wegbricht, muss man schnell reagieren“, sagt Herzog. „Ich habe mich gefragt: Was tragen Menschen Zuhause? Eher kein Spitzenkleid“. Deswegen gab es dann erstmal „gemütliche Sachen“.

Herzog bezieht nur einen Teil ihrer Stoffe von zertifizierten Herstellern. Nachhaltigkeit bedeutet für sie vor allem, Konsum insgesamt zu reduzieren. Keine überfüllten Warenlager, sondern hochwertige Einzelstücke auf Bestellung. „Man muss sich auch gedulden“, findet Herzog.

Darin besteht für sie ein Widerspruch zur Modewelt. Die lebt schließlich von Saisons und Trends. Ein Kleidungsstück mehrere Jahre zu tragen, ist im Konzept Fast-Fashion nicht vorgesehen.

Dennoch gibt es sie in Berlin, wenn auch in einer Blase, die kleinen Marken, die nach eigenen Konzepten arbeiten. Lisa Jaspers Label „folkdays“ etwa. Seit sieben Jahren kooperiert die Gründerin für ihre Produkte mit kunsthandwerklichen Betrieben in 20 Ländern des globalen Südens. Ein großer Teil der Wertschöpfung findet vor Ort statt. Die Produzentinnen erhalten etwa die Hälfte des Verkaufspreises abzüglich der Mehrwertsteuer.

„Der nachhaltige Sektor wird diverser“, sagt Jaspers. Sie legt Wert auf lokale Materialien. Die Siegel seien da nicht immer hilfreich. „Wenn wir in Kambodscha produzieren, nehmen wir die Baumwolle vor Ort, nicht die zertifizierte aus Indien“, sagt Jaspers. Außerdem sind ihre die Beziehungen zu den Herstellern wichtig. Mit einigen Partnern gibt es Ko-Kreationen, Jaspers möchte loskommen von eurozentrischer Arroganz.

Denn die befeuert besonders das, was im Bereich Arbeitsbedingungen schiefläuft, Menschenrechte gehen in den Image-gesteuerten Nachhaltigkeits-Linien unter. Jaspers Kampagne #fairbylaw und die Initiative Lieferkettengesetz bringen die Diskussion seit Jahren wieder und wieder auf die Tische der Regierenden. Das Bewusstsein ist da. Doch das rostige System entzieht sich der Aufgabe, große Unternehmen per Gesetz in die Pflicht zu mehr Transparenz zu nehmen. Währenddessen werden die Stimmen aus Experten-Kreisen lauter. In einem vergangene Woche erschienenen Aufruf verlangen 70 Ökonomen nach einer Einführung eines Gesetzes noch in dieser Legislaturperiode. Doch die jüngsten Verhandlungen scheiterten an einer Blockade durch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).