Die Energiewende hat viele Probleme. Eins der größeren ist der Rückstand beim Stromnetzausbau: Das Höchstspannungsnetz muss schnell erweitert werden, um Wind- und Solarenergie in die Industriezentren zu bringen. Doch bislang sind selbst von den 1855 Kilometern Leitung, die bereits 2009 als nötig beschlossen wurden, nur 15 Prozent fertig. Neuartige Strommasten sollen nun Schwung in den Netzausbau bringen. Allerdings ist auch das nicht so einfach. Warum so viel Hoffnung gerade auf neuen Masten liegt, ist schnell erklärt. Als Ursache für allzu lange Planfeststellungsverfahren gelten auch Konflikte mit Anwohnern und Naturschutz. Auslöser sind meist die riesigen, 40 bis 60 Meter hohen Strommasten und die für sie nötigen kilometerbreiten Trassen durch die Natur.

Geringere Eingriffe in die Natur

Dabei gibt es längst Alternativen: Sogenannte Kompaktmasten sind schlanker, ähneln eher Windradmasten. Zudem sind sie niedriger und schmaler, brauchen weniger Baumaterial und weniger Sicherheitsabstand. Statt bisher rund 90 Meter könnte weniger als die Hälfte ausreichen. Also könnte auch die Trasse schmaler sein. Laut Hersteller erzeugen sie sogar geringere elektromagnetische Felder. Doch während die Masten anderswo in Europa auch für Höchstspannung üblich sind, werden sie hierzulande allein für Niedrigspannung genutzt.

Das soll sich nun ändern. In einem gemeinsamen Schreiben an die grüne Bundestagsfraktion, stellen die vier deutschen Stromnetzbetreiber ihre Projekte zur Erprobung von Kompaktmasten vor. So lässt Amprion, Betreiber des Netzes im Westen und Südwesten, die Trasse zwischen Holland und Niederrhein mit Kompaktmasten der bayrischen Firma Europoles ausrüsten. Die niederländische Tennet, die den breiten Streifen von Bayern bis Bremen versorgt, will sie in Schleswig-Holstein testen. Die in Berlin ansässige 50-Hertz, zuständig für Ostdeutschland, betreibt ein Entwicklungsprojekt zu „raumoptimierten Freileitungen“, inklusive Versuchsanlage. Und in Baden-Württemberg arbeitet die Netztochter des Energieversorgers EnBW, Transnet, an „Show-Vollwandmasten“, die die Bürger mit dem neuen Leitungsträger bekanntmachen soll.

Bisher ist jedoch keines der Pilotprojekte in der Bauphase. Erst 2014 wird Amprion mit konkreten Arbeiten beginnen, was von manchem Beobachter beklagt wird. „Damit der Netzausbau vorangeht, müssen sich alle Beteiligten für neue und innovative Technologien wie Kompaktmasten öffnen“, sagte Oliver Krischer, grüner Energiepolitiker im Bundestag. Die Bundesnetzagentur müsse die Genehmigungsverfahren für Kompaktmasten erleichtern.

Mit einem Gutachten eines Schweriner Umweltplanungsbüros warb der Grüne bei Netzbetreibern und der Bundesnetzagentur, die politisch für die Beschleunigung des Trassenausbaus verantwortlich ist, für mehr Kompaktmasten. „Insbesondere in waldreichen Landschaften ergeben sich deutliche Vorteile aufgrund der geringen Schutzstreifenbreite und der damit verbundenen minimierten Eingriffe in Waldbiotope“, heißt es darin. Dadurch würden die Ausgleichsmaßnahmen für die Natur ein knappes Drittel geringer.

Zweifel an der Studie

In ihrer Antwort melden die Netzbetreiber zwar Zweifel an der Studie an. Sie vergleiche kleinere Kompakt- mit größeren Standardmasten. Dass die schmaleren Kompaktmasten ästhetischer seien, relativieren sie: Durch Stahlgittermasten könne man hindurchschauen, was manchem „besser gefällt“. Und die Anwohner, berichtet Amprion-Sprecher Andreas Preuß aus Bürgersprechstunden, seien skeptisch gegenüber jedem Typ Strommast. Tatsächlich wünschen sich drei Viertel unterirdische Kabel.

Dennoch bekennen sich die Netzbetreiber in dem Schreiben dazu, mehr Erfahrungen über Akzeptanz, Kosten und Technik der Kompaktmasten sammeln zu wollen. Bei Erfolg sei man bereit, auf neue Modelle umzustellen. „Gerade im Hinblick auf die Akzeptanz der Bevölkerung“, betont auch der Präsident der Bundesnetzagentur, Jürgen Homann, müsse „der Netzausbau eine Chance für neue technologische Innovationen bieten“.

Dass das bisher so zögerlich geschehe, begründen beide mit der langen Erfahrung mit Gittermasten. Noch seien die Kompaktmodelle bis zu dreifach so teuer. Auch die Genehmigungsbehörden sind wohl skeptisch. Der Verzug liege auch daran, so die Netzbetreiber, dass „für Raumordnungsverfahren, Bundesfachplanung und Planfeststellung immer mehr aufwendige Untersuchungen und Gutachten erforderlich sind“. Sogar die Netzagentur begründet die „bislang eher zögerlichen Entwicklung in Deutschland mit technischen sowie genehmigungsrechtlichen Schwierigkeiten beim Einsatz von Kompaktmasten“.

Im Ausland erprobt

Ihre Leitungen seien beweglich angebracht, was an Straßen, Wegen und Bebauungen nicht erlaubt sei. Immerhin arbeitet Europoles an Lösungen dafür. Ein anderes Problem sei, dass Kompaktmasten wegen ihrer Bauweise zur Wartung abgeschaltet werden müssen – Standardmasten nicht. „Würden alle Leitungen als Kompaktleitungen ausgeführt, würde man also mehr Leitungen benötigen“, heißt es.

Die Hersteller seien daher im Dilemma, klagt Europoles-Produktmanager Alexander Braun: Einerseits stoße man auf Skepsis, weil die Masten nicht erprobt seien, andererseits könne man sie kaum erproben, weil die Bauanträge auf so viel Skepsis stießen. Dabei würden die Masten im Ausland zu Tausenden aufgestellt. In Dänemark und Holland direkt bis zur deutschen Grenze.