Wo produziert, gelernt und entworfen wurde: Neue Bahnhofstraße 11–17. 
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Friedrichshain - Neue Bahnhofstraße: In dem langgestreckten roten Backsteinbau auf der Ostseite der Straße kurz vor Ostkreuz steckt über ein Jahrhundert Industriegeschichte. Es gibt nicht viele Gebäude in dieser Stadt, in denen sich der wirtschaftliche Wandel Berlins so deutlich ablesen lässt. Vor mehr als 100 Jahren wurde an diesem Ort tatsächlich ein Teil der Berliner Industrie geboren. Der Ingenieur Georg Knorr gründete in der Neuen Bahnhofstraße die Knorr-Bremse GmbH.

Knorr hatte 1900 eine neuartige Bremse für Eisenbahnzüge entwickelt, die sich schnell bei den deutschen Bahnen durchsetzte und bald als Einheitsbremse bei allen europäischen Bahnen eingeführt wurde. Die Produktion dafür begann 1905 in der Neuen Bahnhofstraße. Knorr gründete sein Unternehmen und erweiterte die Fertigung in den Jahren 1913 bis 1916 um eben jenes heute noch existierende Fabrikgebäude.

Nach dem zweiten Weltkrieg zog Knorr nach München

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte Knorr seinen Sitz nach München. Aus der Berliner Produktionsstätte wurde der VEB Berliner Bremsenwerk. Später bezog der VEB Messelektronik Berlin das Gebäude in der Neuen Bahnhofstraße.

Als nach der Wende der Zusammenbruch der Industrie vor allem Ost-Berlins begann und binnen eines Jahrzehnts 540 Berliner Industriebetriebe dicht machten, wurde auch in der Neuen Bahnhofstraße nicht mehr produziert. In der Folgezeit wechselten die Mieter. Theoretiker statt Praktiker. Die Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht gehörte dazu, bis sie 2012 ausziehen musste.

Seinerzeit hatte die Berggruen Holding des Immobilienunternehmers Nicolas Berggruen das ehemalige Knorr-Gebäude bei einer Zwangsversteigerung erstanden. Berggruen kaufte den Bau für 16 Millionen Euro, modernisierte und vermietete ihn komplett an Zalando.

Erst Zalando, jetzt der US-Büroanbieter Wework

Danach ging es erstmals seit vielen Jahren wieder um Produkte. Diesmal waren es nicht Bremsen, sondern Kleider. Genäht wurde an der Neuen Bahnhofstraße allerdings nicht. Der Onlinemodehändler bündelte dort seinen Modebereich, ließ Schuhe, Kleider und Blusen aber nicht nur ein- und weiterverkaufen, sondern auch kreieren. Modedesigner entwarfen dort Kleidung für die seinerzeit 17 Eigenmarken Zalandos. Die Datenbank des Onlinehändlers verriet, was gefragt und beliebt ist. Das Haus in der Neuen Bahnhofstraße galt seinerzeit als das größte Modeatelier der Stadt. Produziert wurde im Ausland.

Inzwischen ist auch Zalando dort wieder ausgezogen. Hauptmieter ist nun der US-amerikanische Büroanbieter Wework, der an der Neuen Bahnhofstraße ein Coworking-Space mit 13 500 Quadratmetern einrichten will. Ende offen. Denn Wework strauchelt mit Milliardenverlusten. Die Rückkehr von Produktion bleibt dennoch unwahrscheinlich.