Das Hauptgebäude von Wirecard.
dpa

London/Aschheim – Nach Bekanntwerden des Bilanzskandals beim Zahlungsdienstleister Wirecard hat es nach Angaben der Ermittlungsbehörden eine weitere Festnahme gegeben. Am Montagmorgen sei der Geschäftsführer der in Dubai ansässigen Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East FZ-LLC als Beschuldigter vernommen und aufgrund eines bereits zuvor beantragten Haftbefehls festgenommen worden, teilte die Staatsanwaltschaft München I mit.

Der Haftrichter ordnete demnach am Montagnachmittag wegen möglicher Flucht- und Verdunkelungsgefahr die Haftfortdauer an. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war der Beschuldigte aus Dubai angereist und stellte sich dem Verfahren. Der Haftbefehl stützt sich demnach unter anderem auf "den dringenden Tatverdacht des gemeinschaftlichen Betrugs und versuchten gemeinschaftlichen Betrugs jeweils im besonders schweren Fall sowie den Verdacht der Beihilfe zu anderen Straftaten".

Im Bilanz-Skandal des Zahlungsdienstleisters Wircard sind neue Details bekanntgeworden. Demnach sollen die vermuteten Luftbuchungen beim insolventen Unternehmen wohl auch auflaufende Verluste im eigenen Kerngeschäft kaschieren. In Europa und Amerika hätten die direkt unter Wirecard-Kontrolle stehenden Gesellschaften seit Jahren rote Zahlen eingefahren, berichtete die „Financial Times“ (FT) am Sonntag unter Berufung auf nicht veröffentlichte Anhänge zur Sonderbuchprüfung durch das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG.

Wirecard hat eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Der Börsenkurs des Dax-Konzerns stürzte ab, das Unternehmen meldete Insolvenz an. Ex-Wirecard-Chef Markus Braun hat sich inzwischen der Justiz gestellt. Der Aufenthaltsort des ehemaligen Wirecard-Vorstands Jan Marsalek ist hingegen weiterhin unbekannt. Er hatte über seinen Anwalt erklären lassen, sich nicht der Justiz stellen zu wollen.

Außerdem soll der Wirecard-Manager Oliver Bellenhaus, der die dubiose Gesellschaft in Dubai geleitet hat, am Sonntag von Dubai nach München gereist sein. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen mehrere Personen, möchte sich aber „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht dazu äußern, welche Manager in ihrem Visier stehen. Bellenhaus soll das Dubai-Büro aus einem privaten Appartement geleitet haben. Die Wirtschaftswoche hatte bereits im Jahr 2019 berichtet, dass aus Anlass eines Besuchs der Wirtschaftsprüfer von EY offenbar nicht mit dem Geschäft vertraute Personen in dem kleinen und normalerweise ruhigen Appartement anwesend waren. EY sieht sich als Opfer eines Betrugs. Beobachter sagten der Berliner Zeitung, dass es für einen Wirtschaftsprüfer unmöglich sei, tätig zu werden, wenn ein Unternehmen seine Geschäfte tatsächlich in betrügerischer Absicht gestaltet.

Auch die in die Kritik geratene Aufsichtsbehörde Bafin verweist auf die Betrugsabsicht, die für eine Behörde schwer zu durchschauen sei. Bafin-Chef Felix Hufeld sagte der „Zeit“: „Wir hätten die Einstufung als Finanzholding schneller zu Ende bringen müssen. Auch wenn dies mit ziemlicher Sicherheit nichts gegen Bilanzbetrug und Täuschungen mit hoher krimineller Energie hätte ausrichten können.“ Hufeld nennt die Vorgänge eine „Schande“ – und äußert sich selbstkritisch zur Rolle der Aufsicht: „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert.“ Er wiederholte jedoch die grundsätzliche Position seiner Behörde im Fall Wirecard: Seine Behörde sei formal nur für die Wirecard Bank AG zuständig – der Gesamtkonzern Wirecard sei im Einvernehmen diverser Aufsichtsbehörden als Technologieunternehmen eingestuft worden. Das Bundesfinanzministerium, das als übergeordnete Aufsicht über die Bafin ebenfalls in die Kritik geraten ist, prüft laut Bundesfinanzminister Olaf Scholz eine Neuordnung der Aufsicht. 

Laut Financial Times hätten die Geschäfte unter dem direkten Einfluss Wirecards im Jahr 2018, als das Unternehmen in den Dax aufstieg und die Commerzbank im Leitindex ersetzte, einen operativen Verlust von 74 Millionen Euro gemacht. Auch im Jahr davor habe Wirecard in den Bereichen Geld verloren, während die offiziellen Geschäftszahlen für den Gesamtkonzern stetig steigende Gewinne auswiesen, berichtet die FT. 

Wirecard hatte nach mehrfachen Verzögerungen des Geschäftsberichts für das vergangene Jahr Mitte Juni einräumen müssen, dass rund 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen mit großer Wahrscheinlichkeit nie existiert haben. Das Geld war offiziell für das sogenannte Drittpartnergeschäft in Asien vorgesehen, über das Wirecard nach eigener Darstellung Geschäfte in Ländern ohne eigene Lizenz abwickelte.

Inzwischen hat Wirecard Insolvenz angemeldet, Milliarden an Börsenwert wurden vernichtet.