Kriminalitätstrend in Deutschland: Wie sprengt man heute einen Geldautomaten?

Immer mehr Geldautomaten werden in die Luft gejagt, Täter nur selten erwischt. Die Berliner Polizei berichtet über neue Sprengstoffe: C4 statt Gasgemische.

Ein gesprengter Geldautomat ist in einem Bankgebäude zu sehen. Banken und Sparkassen in Deutschland wollen ihre Schutzmaßnahmen gegen die Sprengung von Geldautomaten wegen der gestiegenen Zahl von Attacken verstärken.
Ein gesprengter Geldautomat ist in einem Bankgebäude zu sehen. Banken und Sparkassen in Deutschland wollen ihre Schutzmaßnahmen gegen die Sprengung von Geldautomaten wegen der gestiegenen Zahl von Attacken verstärken.René Priebe

Eine heftige Detonation holte Mitte Oktober die Einwohner von Marzahn aus dem Bett. Ein Geldautomat in einer Bankfiliale an der Mehrower Allee war gesprengt worden. Die Berliner Polizei suchte eine Stunde lang mit dem Hubschrauber vergeblich nach Tatverdächtigen.

Kurz zuvor, im September, hatten Räuber einen Geldautomaten im Prenzlauer Berg in die Luft gejagt und „eine nicht unerhebliche Menge Bargeld erbeutet“, wie die Polizei berichtete. Der Schaden war so groß, dass die Postbank auf den Wiederaufbau der Filiale verzichtet hat. Die Täter waren ebenfalls flüchtig. Ende September wurde dann noch ein Geldautomat in einer Bankfiliale in Pankow attackiert. Die Detonation war so heftig, dass die Glastüren zum Teil zerstört und aus ihren Verankerungen gerissen wurden.

Berliner Polizei: Immer öfter mit Festsprengstoffen statt mit Gasgemischen

Die Statistik der Berliner Polizei bestätigt die wachsende Zahl der Angriffe. Im Jahr 2021 wurden 26 Geldautomaten gesprengt. Bis zum 10. November dieses Jahres wurden in Berlin bereits 25 Geldautomaten gesprengt – und das Jahr ist noch nicht zu Ende. Im Pandemiejahr 2020 gab es interessanterweise nur vier Fälle, alles erfolglose Versuche. Im Jahr 2019 waren es insgesamt elf Automaten.

Aber wie genau werden die Geldspeicher „entkorkt“? Es gibt einen neuen Trend bei den Sprengstoffen, teilt eine Polizeisprecherin der Berliner Zeitung mit. Noch 2020 hätten die Diebe die Geldautomaten ausschließlich durch die Zündung von Gasgemischen gesprengt. 2021 seien dann in vier Fällen erstmals auch Festsprengstoffe zum Einsatz gekommen. In diesem Jahr habe es schon neun derartige Fälle gegeben. Dass die Täter allmählich auf die stärkeren Festsprengstoffe umsteigen, verbindet die Polizei mit Präventionsmaßnahmen der Betreiber von Geldautomaten in Deutschland. Die Erfolgsquote bei der Sprengung ist entsprechend gestiegen: 44 Prozent 2022 gegenüber 27 Prozent 2019.

„Zwischen drei und fünf Minuten für die Tat“

Warum aber finden die Sprengungen immer öfter statt? Die Polizei erklärt die Fallzahlen mit den für die Täter günstigen Tatgelegenheitsstrukturen. „Je nach Tatbegehungsweise und Erfahrung der Täter benötigen diese zwischen drei und fünf Minuten für ihre Tat. Das Entdeckungsrisiko dabei ist gering.“ Damit die Zahlen sinken, müsste es den Tätern maßgeblich erschwert werden, ihre Tat zu vollziehen.

Und nicht nur Berlin hat ein Problem mit explodierenden Geldautomaten. Ob zuletzt in Salzgitter in Niedersachsen oder im bayerischen Weßling: In ganz Deutschland werden Bankautomaten immer öfter nachts oder am frühen Morgen Ziel von Sprengungen. Manchmal wird dabei das halbe Gebäude beschädigt. Laut dem Bundeskriminalamt wird dieses Jahr nach 414 Fällen 2020 und 392 Fällen 2021 ein neuer Jahreshöchststand seit Beginn der statistischen Erfassung erwartet. Es wird nicht ausgeschlossen, dass viele Täter aus den Niederlanden nach Deutschland kommen, weil Deutschlands Nachbar zuletzt stärkere Präventionsmaßnahmen umgesetzt hat.

Bankenfoyers sollten nachts geschlossen werden

Innenministerin Nancy Faeser (SPD) schlug bereits am Dienstag „eine Reihe effizienter und landesweiter Präventionsmaßnahmen“ in Deutschland vor, denn es wird bei den Anschlägen auf die Geldautomaten mit hochgefährlichen Sprengstoffen auch „das Leben unbeteiligter Dritter bedroht“. Der Bundesverband Deutscher Banken bündelt ebenfalls alle Kräfte gegen Geldautomatensprengungen. Geplant sind einzeln oder in Kombination Einbruchmeldetechnik, Nebel- und Einfärbesysteme, Videoüberwachung oder mechanische Systeme.

Sollte es im Fall einer Sprengung besonders hohes Gefährdungspotenzial für unbeteiligte Menschen geben, könnte der betreffende Standort während der Nacht geschlossen werden. Den Nachtverschluss der Selbstbedienungsfoyers sowie eine Verringerung des Bargeldbestandes empfiehlt seit Februar dieses Jahres auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft neben anderen Maßnahmen. Auf die kriminelle Statistik hatte dieser Leitfaden bisher allerdings keine positive Auswirkung.

Haben Sie Feedback oder eine eigene Geschichte? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de