Als Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Herbst die Gründung eines Textilbündnisses für fair und nachhaltige hergestellte Textilien ankündigte, sprach er nicht nur von einem neuen Siegel namens „Grüner Knopf“, das er einführen wolle. Er kündigte auch eine neue Internetseite an, die übersichtlich darstellen soll, was die bereits existierenden Siegel überhaupt leisten.

Während das Textilbündnis nicht wirklich vorankommt, weil die Großen der Branche nicht mitziehen, ist der „Siegel-Tüv“ inzwischen als App für Smartphones oder unter www.textilklarheit.de online. Das für die Verbraucher interessante Portal zeigt allerdings eines: Wirklich vergleichen lassen sich die vielen Siegel nur schwer, weil sie ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Auch die Bewertung des Ministeriums ist mitunter fragwürdig. Und noch etwas kann der Verbraucher lernen: Müllers „Grüner Knopf“ ist letztlich überflüssig. Denn es gibt mindestens zwei Siegel, die alle für das Textilbündnis formulierten Mindeststandards einhalten oder sogar übererfüllen.

40 verschiedene Logos

„Wir wollen keine Kleidung auf unserer Haut tragen, für die andernorts Menschenrechte mit Füßen getreten, Menschen ausgebeutet oder vergiftet werden“, hatte Müller im vergangenen Herbst gesagt. „Mit Ihrem Einkauf können Sie einen Beitrag für nachhaltige Produktionsbedingungen weltweit leisten“, heißt es nun auf der neuen Internetseite, die die staatliche Entwicklungsorganisation GIZ für das Müller-Ministerium umgesetzt hat.

Zum Start sind zunächst 13 weit verbreitete Siegel aufgeführt – gegenwärtig werden in Deutschland etwa 40 Textilsiegel genutzt. Analysiert werden etwa „Oeko-Tex 100“, „Cotton made in Africa“, „Blauer Engel Textil“ oder „Global Organic Textile Standard“ (GOTS). Überprüft werden die Siegel jeweils in den Kategorien Glaubwürdigkeit, Umweltfreundlichkeit und Sozialverträglichkeit.

Beim Kriterium Glaubwürdigkeit geht es unter anderem um Transparenz bei den Verantwortlichen des Siegels, um öffentlich zugängliche Nutzungsanforderungen oder klare Verfahren bei Nichterfüllung der Standards. Ein Häkchen für die Sozialverträglichkeit bekommt ein Siegel dann, wenn es zum Beispiel Standards für den Arbeitsschutz vorsieht, Kinder- und Zwangsarbeit verbietet oder gleiche Löhne vorschreibt. Beim Umweltschutz stehen das Verbot bestimmter schädlicher Chemikalien oder Grenzwerte für Abwasser im Mittelpunkt.

Drei der 13 aufgeführten Siegel fallen bei der Bewertung durch. So wird dem weit verbreiteten „Oeko-Tex 100“-Siegel bescheinigt, die Mindestanforderungen insbesondere beim Thema Sozialverträglichkeit komplett zu verfehlen. Das dürfte zwar richtig sein, führt aber dennoch in die Irre: Denn Branchenvertreter machen darauf aufmerksam, dass dieses Siegel die Einhaltung von Sozialstandards überhaupt nicht verspricht, dafür aber für gesundheitlich besser verträgliche Textilien steht.

Sozialstandards nicht überall bewertet

Insgesamt zehn Siegel bekommen eine gute oder sehr gute Bewertung, obwohl auch hier die Einteilung hinterfragt werden muss. So wird etwa dem „Blauen Engel Textil“ bescheinigt, eine sehr gute Wahl zu sein. Das staatliche Umweltsiegel, dessen Vergabekriterien unter anderem vom Umweltbundesamt entwickelt wurden, verfehlt jedoch eine Reihe von Sozialstandards, die Müller erklärtermaßen wichtig sind. Die Begrenzung der Arbeitszeit oder der Arbeitsschutz sind hier kein Thema. Die gute Bewertung scheint daher gar nicht gerechtfertigt zu sein.

Anders sieht es bei den Siegeln „Global Organic Texile Standard“ (GOTS) und beim „Fairtrade Baumwolle“ aus: Sie gewährleisten als einzige laut der Internetseite in allen Bereichen die Mindeststandards oder erfüllen sogar noch höhere Ansprüche. Lediglich Produkte mit diesen Siegeln kann der Verbraucher also bedenkenlos kaufen, wenn er sich nach den Kriterien des Entwicklungsministeriums richtet. GOTS wird unter anderem vom deutschen Hersteller Trigema oder dem Versandhändler Waschbär genutzt.

Die Grüne Renate Künast, Vorsitzende des Bundestags-Ausschuss für Justiz und Verbraucherschutz, hält das gesamte Portal für überflüssig. Sie verweist auf die bereits seit längerem existierende Seite www.label-online.de, die ebenfalls von der Bundesregierung gefördert wurde, und zwar vom Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium. Auch auf dieser Seite werden Textilsiegel bewertet. „Wir brauchen nicht ein Siegelportal für jedes Ministerium, sondern eines, dass die behaupteten Kriterien auch kontrolliert“, kritisierte Künast. Soziale und ökologische Kriterien müssen wissenschaftlich definiert und belegbar sein. Und Siegel, die angeblich die Mindestkriterien nicht erfüllten, müssten auch sanktioniert werden. „Sonst ist ein weiteres Siegel-Portal nur heiße Luft.“