Berlin - Ökostrom ist hierzulande enorm beliebt. Viele Haushalte würden dafür auch etwas mehr zahlen. Das birgt Chancen für Versorgungsunternehmen. Es ist aber gar nicht so einfach, an die echte regenerative Energie zu kommen. Ein Bündnis aus zwei Dutzend Verbänden und Unternehmen will nun erreichen, dass das durch ein neues Grünstrom-Marktmodell (GMM) besser wird.

Anbieter, die mit der ökologischen Energie werben, müssen sich derzeit eines Tricks bedienen. Das hat mit den Regelungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zu tun: Wer mit modernen Windmühlen oder Solaranlagen Strom erzeugt, erhält dafür eine gesetzlich garantierte Vergütung. Verkauft wird der Strom von Netzbetreibern an der Börse. Die Erlöse daraus liegen aber in der Regel deutlich unter den Vergütungssätzen.

Aus grüner wird schnell graue Energie

Um die Differenz auszugleichen, erhalten die Netzbetreiber Geld aus einem Fördertopf. Dieser wird über die EEG-Umlage gefüllt, die alle Haushalte und viele Firmen zahlen müssen – derzeit sind es 6,17 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde. Die Börse ist aber eine Art Sammelbecken auch für Kohle- und Atomstrom. Alles, was im Angebot ist, wird zwecks Vermarktung in einem großen Topf miteinander vermengt. Aus grüner Energie wird so „Graustrom“. Das heißt, jeder Versorger wird automatisch mit einem Gemisch versorgt, in dem ohnehin ein gehöriger Anteil grüner Energie steckt.

Der Trick der Öko-Anbieter besteht derzeit darin, dass sie zusätzlich zum EEG-Mechanismus mit Erzeugern im Ausland Verträge abschließen: Betreiber von Wasserkraftwerken in Österreich etwa verpflichten sich, bestimmte Mengen ins deutsche Netz einzuspeisen. Dadurch erhöhen die Versorger ihren Anteil an regenerativer Energie. Doch in der Branche herrscht seit geraumer Zeit Unzufriedenheit über die Konstruktion mit den Exporten, weil sie nicht so recht zur Energiewende passt.

Neues Modell soll reinen Ökostrom liefern

Deshalb das Grünstrom-Marktmodell (GMM). Zu den Initiatoren zählen Greenpeace-Energy und Naturstrom. Eine Reihe von Organisationen wie der Bundesverband Erneuerbare Energie unterstützt das Konzept. Aber auch der börsennotierte Konzern MVV Energie, der mehrheitlich der Stadt Mannheim gehört, macht mit.

„Viele unserer Endkunden wollen die Gewissheit, dass sie Ökostrom direkt aus deutschen Anlagen erhalten“, sagt MVV-Vertriebsvorstand Ralf Klöpfer. Dies sei über das GMM machbar. Das Grundprinzip: Der Versorger schließt direkt zum Beispiel mit dem Betreiber einer Windkraftanlage in seiner Region einen Liefervertrag ab. Das wird per Zertifikat bescheinigt, was wichtig fürs Marketing ist. Der Windmüller bekommt dann seine Vergütung nicht mehr aus dem EEG-Topf, sondern direkt vom Versorger. Die Graustrom-Börse wird damit umgangen. Klöpfer und die GMM-Aktivisten sind davon überzeugt, dass ihr Modell keine zusätzlichen Belastungen für die Strompreise bringt.

Die Bundesregierung hat sich bislang nicht zu dem Konzept geäußert. In Berlin ist aber zu hören, dass die Sache eher mit spitzen Fingern angepackt werde. Diese Woche wird das GMM auf der Energiemesse E-World in Essen auf mehreren Veranstaltungen diskutiert. Eine wichtige Rolle werden dabei die Argumente des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) spielen. Der unterstützt zwar die Idee, Grünstrom besser zu vermarkten. Die Lobby, der vor allem Stadtwerke angehören, sieht allerdings in den Details eine ganze Reihe von Komplikationen.

„Das Grünstrom-Marktmodell schließt aufgrund seiner Komplexität viele Marktakteure aus“, sagt ein VKU-Sprecher. Der Hintergrund: Es muss gewährleistet sein, dass das GMM nicht zu einer Rosinenpickerei wird. Theoretisch wäre möglich, dass Versorger Verträge lediglich mit Betreibern moderner Windkraftanlagen abschließen, die billigen Strom für sieben oder acht Cent erzeugen. Wenn das im großen Stil passiert, könnte der gesamte EEG-Mechanismus, der noch immer parallel zum GMM existieren soll, in Schieflage geraten. Denn über das Umlagesystem würden dann vor allem teure Anlagen finanziert, was die Abgabe in die Höhe treiben könnte.