Am fünften Tage ruhen: Funktioniert die Vier-Tage-Woche?

Belgien hat jetzt die Vier-Tage-Woche. Auch in Deutschland greifen flexiblere Arbeitszeitmodelle. Bei Start-ups wie Einhorn in Berlin und bei Mittelständlern. 

Malermeisterin Jessica Hansen hat in ihrem Betrieb die Vier-Tage-Woche eingeführt.
Malermeisterin Jessica Hansen hat in ihrem Betrieb die Vier-Tage-Woche eingeführt.Die Malerin

Belgiens Justizminister jubelte. „Ein Booster für die Ökonomie, für den wir schon lange kämpfen“, schwärmte Vincent Van Quickenborne. Das war im Frühjahr. Die belgische Regierung hatte sich gerade auf flexiblere Arbeitszeitmodelle verständigt. Seit November gilt im Nachbarland nun ein Rechtsanspruch auf die Vier-Tage-Woche.

Nicht nur in Belgien kommt Bewegung in die Arbeitswelt. In Deutschland begrüßen laut einer Forsa-Umfrage 71 Prozent der Beschäftigten eine Vier-Tage-Woche. Ein Blick auf flexible Arbeitszeitmodelle.

Das Start-up: Kein Zweifel. Markus Wörner, 41, Vollbart und Hoodie, arbeitet an diesem grauen Berliner Wintertag im Homeoffice, von der Wand grüßen zwei Gitarren. Wörner ist Head of Marketing beim Berliner Hygieneartikelhersteller Einhorn. Das Start-up machte 2021 rund sieben Millionen Euro Umsatz mit Produkten, die vom veganen Kondom bis zur Menstruationstasse reichen. Und die junge Firma baut auf die Vier-Tage-Woche. „Wir kommen aus der New-Work-Bewegung. Da lag es nahe, dass wir auch auf neue Arbeitszeitmodelle setzen.“

New Work – neue Arbeit – heißt die Idee, die der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann Ende des 20. Jahrhunderts vorantrieb. Bergmanns zentrale Begriffe Selbstbestimmung und Freiheit tauchen auch im Gespräch mit Wörner immer wieder auf. „Die Arbeit ist ein Teil des Lebens“, erklärt Wörner, „deshalb versuchen wir die Frage zu beantworten, wie sich Arbeit gut in den eigenen Alltag integrieren lässt und ein wertvoller Teil des eigenen Lebens wird.“

Junge Beschäftigte schauen längst auf mehr als nur ein gutes Gehalt. Daher hat Einhorn umgestellt. Seit Juni 2022 beträgt die Wochenarbeitszeit 32 Stunden – bei vollem Lohnausgleich. Bei Einhorn ist manches anders. Anfangs stufte sich jeder selbst in eine Gehaltsgruppe ein, auch Arbeits- und Urlaubszeit wurden von jedem selbst bestimmt.

Marketingchef Wörner: „Die Vier-Tage-Woche nimmt einfach den Druck“

Mittlerweile gibt es einen People-Rat, der Personal- und Arbeitsfragen regelt. Und einen Gehaltsrat, der Geldfragen klärt. Die drei bis vier Mitglieder werden von den Beschäftigten auf zwei Jahre gewählt. Wörner gehört beiden Gremien an. Er sagt: „Wir haben einen Grundsatz: Das höchste Gehalt darf maximal viermal so hoch sein wie das niedrigste.“ Das Grundgehalt liegt bei rund 2700 Euro brutto.

Wörner hat früher in Bands gespielt. An seinem freien Tag greift er gern mal wieder zur Gitarre. Oder er hat mehr Zeit für seine Tochter. Zudem hat er neben seinem Job eine Coaching-Ausbildung begonnen. Sein Fazit: „Die Vier-Tage-Woche nimmt einfach den Druck.“

Das belgische Modell: So weit wie Einhorn geht Belgien nicht. Beschäftigte haben dort seit November einen Rechtsanspruch, ihre Wochenarbeitszeit von 40 Stunden auch an Vier-Tagen zu bringen – bei gleichem Gehalt. Alternativ kann die Stundenzahl verringert werden – gegen Gehaltsabschlag. „Es geht darum, Arbeitnehmern mehr Flexibilität und Freiheit zu geben“, so der liberale Premier Alexander De Croo.

Markus Wörner ist Head of Marketing beim Berliner Start-up Einhorn. Er sagt: „Die Vier-Tage-Woche nimmt einfach den Druck.“
Markus Wörner ist Head of Marketing beim Berliner Start-up Einhorn. Er sagt: „Die Vier-Tage-Woche nimmt einfach den Druck.“Richard Kraning

Doch hat das Ganze auch einen anderen Hintergrund. Die Erwerbstätigenquote beträgt in Belgien nur 66 Prozent, das liegt unter dem EU-Schnitt von 69 Prozent und weit hinter Deutschland mit 77 Prozent. Flexiblere Arbeitszeitmodelle sollen auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken und Belgiens Wirtschaft stärken. Und so gilt im Land künftig: Schon am fünften Tage kannst du ruhen.

Zurückhaltende Wirtschaft: Wirtschaftsverbände hierzulande geben sich zurückhaltend. Das Ganze sei Sache der einzelnen Unternehmen. Holger Schäfer, 53, fasst seinen eigenen Arbeitsstatus so zusammen: „Ich arbeite fünf Tage die Woche, bei einer Wochenarbeitszeit von 39 Stunden. Ich könnte kürzer arbeiten, mein Arbeitgeber ist da sehr flexibel.“ Schäfer arbeitet beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das als arbeitgebernah gilt. Mit Blick auf die belgische Regelung zur Vier-Tage-Woche sagt der Ökonom Schäfer: „Rein gesetzlich ist das auch in Deutschland möglich. Die gesetzliche Höchstarbeitszeit beträgt zehn Stunden. Es ist nur fraglich, ob die Arbeitsverdichtung die Kreativität fördert.“

Vier-Tage-Woche in Island: Die Produktivität blieb gleich oder stieg sogar an

Island wagte einen Versuch. Dort testeten Beschäftigte in öffentlichen Einrichtungen die Vier-Tage-Woche. Sie arbeiteten 35 statt 40 Stunden. Das Ergebnis laut Begleitstudie: „Die Produktivität und die erbrachte Leistung blieben gleich oder verbesserten sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen.“ Schäfer reagiert zurückhaltend: „Ich würde den Versuch nicht überbewerten. Ich bin mir nicht sicher, ob Produktivitätsgewinne in öffentlichen Einrichtungen in Island so einfach auf die private Wirtschaft in anderen Ländern übertragen werden können.“

Hinzu kommt: Von welcher Vier-Tage-Woche wird überhaupt gesprochen? Bei vollem Lohnausgleich wie in Island? Schäfer ist da skeptisch: „Das wäre eine Lohnerhöhung um zwanzig Prozent“, sagt er. Oder aber das Modell „weniger Stunden gegen weniger Lohn“. „Das kann jeder Arbeitnehmer mit seinem Arbeitgeber schon jetzt vereinbaren“, sagt Schäfer und betont: „Ob Island oder Belgien – auch in diesen Ländern werden Arbeitszeit und Lohn nicht vom Staat vorgegeben, sondern von Arbeitnehmern und Betrieben verhandelt. Wenn die Tarifparteien andere Modelle wünschen, können sie diese vereinbaren. Freiwillig.“ Die Botschaft: Die Tarifautonomie ist zu respektieren.

Mutiger Mittelstand: „Moin, hier spricht die Malerin“, sagt Jessica Hansen, 40, nordisch knapp und äußerst selbstbewusst. Seit zehn Jahren ist die Malermeisterin aus dem schleswig-holsteinischen Osterby selbstständig.

Und erfolgreich. Doch gab es ein kleines Problem: „Fachkräftemangel und Personalgewinnung“, erzählt Hansen. Um junge Mitarbeiter zu gewinnen, entschied sie sich im vergangenen April für einen neuen Weg: die Vier-Tage-Woche. Auf einen Post auf Facebook und Instagram kamen innerhalb kürzester Zeit fünfzig Bewerbungen. Und so legte Hansen mit ihrem Team los. Wo früher vier Gesellen malerten und weißelten, sind jetzt zehn Gesellen bei der Arbeit. „Zusammen mit Auszubildenden und Teilzeitkräften kommen wir auf zwanzig Beschäftigte“, sagt Hansen nicht ohne Stolz. Teamarbeit ist ihr wichtig. Und auch ihren Beschäftigten.

Malermeisterin: „Work-Life-Balance ist ein großes Thema“

Die arbeiten an vier Tagen rund 36 Stunden „und verdienen so viel wie in anderen Firmen bei einer 40-Stunden-Woche“, sagt Hansen. Die Umsetzung des flexibleren Arbeitszeitmodells verläuft bei größeren Aufträgen recht pragmatisch. Eine Schicht arbeitet von Montag bis Donnerstag, die andere geht von Dienstag bis Freitag ran. Zwei Beschäftigte blieben auch bei der Fünf-Tage-Woche. Nur kein Dogmatismus.

„Work-Life-Balance ist ein großes Thema – gerade nach Corona“, erzählt die Malerin. Mittelständlern in einer ähnlichen Lage rät Hansen zum „Mut zur Veränderung“. Und nicht nur zu einem Blick nach Belgien, sondern auch in Richtung Norden. Hansen: „Dänemark praktiziert die Vier-Tage-Woche schon seit Jahren. Und das läuft.“

Innovative Gewerkschaften: „Samstags gehört Vati mir“, fordern die Gewerkschaften ab 1956. In den 60er-Jahren kommt schließlich die 40-Stunden-Woche, in den 80ern treibt die IG Metall die 35-Stunden-Woche voran. „Seit Gründung der Gewerkschaften sind kürzere Arbeitszeiten unser Ziel. Nach der Durchsetzung etwa der 35-Stunden-Woche ist die Zeit reif für eine Debatte zur Vier-Tage-Woche“, sagt Thorben Albrecht, Leiter des Bereichs Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik beim Vorstand der IG Metall. Er stellt aber auch klar: „Im Gegensatz zu Modellen wie in Belgien darf eine Vier-Tage-Woche aber keine bloße Verschiebung von Arbeitsstunden sein. Entscheidend für Beschäftigte ist neben einem gewonnenen Tag, dass die Belastung durch Arbeitszeiten sinkt und das Modell keine große Entgeltkürzung bedeutet.“

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hatte während der Pandemie einen Vorstoß zur Vier-Tage-Woche unternommen. Auch um Firmen in Kurzarbeitsphasen zu entlasten. In der Tarifrunde 2021 vereinbarte die IG Metall für Unternehmen, die wie Autobauer im Umbruch stecken, zur Beschäftigungssicherung die Möglichkeit der Vier-Tage-Woche – „bei stabilem Monatsentgelt“, wie Albrecht das nennt. Sprich: Drastische Gehaltseinbußen lehnt die Gewerkschaft ab. Denkbar sei, dass der Staat eine verkürzte Arbeitszeit mit einem Teillohnausgleich unterstützt und aufgestocktes Entgelt steuerfrei stellt. Albrechts Fazit nach ersten Erfahrungen in der Metallbranche: „Mit ein bisschen Kreativität ist eine Arbeitszeitverkürzung überall vorstellbar: in Wissensberufen sowie Produktionsberufen.“

Bilanz: Die Henley Business School in Großbritannien hat die arbeitszeitliche Stimmung im Vereinigten Königreich vor und nach der Pandemie erfasst. Tendenz: 65 Prozent der befragten Unternehmen sprachen sich in diesem Jahr für eine Vier-Tage-Woche aus, 15 Punkte mehr als in einer Vergleichsstudie vor Corona im Jahr 2019. Von den Beschäftigten gaben zwei Drittel an, sich besser zu fühlen und weniger Stress zu verspüren. Zwei Drittel der Unternehmen wiederum berichteten zudem von Kostenersparnissen beziehungsweise einer erhöhten Produktivität.

Homeoffice: Vertrauen ist gut, Kontrolle war gestern

Flexiblere Arbeitszeitmodelle sind spätestens seit der Pandemie etabliert. Auch Homeoffice ist akzeptiert. Vergessen sind die Zeiten, in denen Vorgesetzte meinten, gut gearbeitet würde nur unter Aufsicht.

Vertrauen ist gut. Kontrolle war gestern. Und Office-Programme, mit denen Firmen Inaktivität ihrer Beschäftigten am heimischen Schreibtisch nachspüren, lassen sich mit einem Programm aus dem Internet austricksen. Mauswackler heißen die Unterstützer im Arbeitsjargon: Softwareprogramme, die ein Bewegen der Computermaus simulieren. Das Tröstliche: Die Arbeit wird dennoch erledigt. Es geht um Selbstbestimmung – auch im Job.