New York Times spekuliert über Nord-Stream-Attentat: Ist Russland der Saboteur?

Die New York Times hat eine Analyse veröffentlicht, die die Hintergründe der vermeintlichen Nord-Stream-Sabotage beleuchtet. Auch ein Schuldiger wird angesprochen.

27.09.2022, Bornholm, Dänemark: Das vom dänischen Verteidigungskommando zur Verfügung gestellte Foto zeigt das Nord-Stream-2-Gasleck in der Nähe von Bornholm aus der Luft.
27.09.2022, Bornholm, Dänemark: Das vom dänischen Verteidigungskommando zur Verfügung gestellte Foto zeigt das Nord-Stream-2-Gasleck in der Nähe von Bornholm aus der Luft.Danish Defence Command/dpa

Lesen Sie auch das Interview mit Julian Nida-Rümelin „Dass Russland Nord Stream zerstört hat, ist ein Verschwörungsmythos“.


Die New York Times hat am 26. Dezember 2022 eine große Analyse über die Ursachen der vermeintlichen Nord-Stream-Sabotage veröffentlicht. In dem Stück von Rebecca R. Ruiz and Justin Scheck wird auf die Untersuchungen schwedischer Behörden und über mögliche Verursacher detailliert eingegangen. In dem Stück heißt es gleich am Anfang: „Die schwedischen Behörden, die eine strafrechtliche Untersuchung leiten, sind zu dem Schluss gekommen, dass höchstwahrscheinlich ein staatlicher Akteur für die Explosion im September verantwortlich war, die die Gasleitungen zerstört hat. Beamte und Experten gehen davon aus, dass der Sprengstoff wahrscheinlich von Schiffen abgeworfen oder (...) mithilfe von U-Booten oder Tauchern auf dem Meeresboden platziert wurde.“

In dem Text wird der vermeintliche Sabotageakt als größtes Krimi-Mysterium der Moderne bezeichnet. Wie war es möglich, fragen die Autoren, dass ein staatlicher Akteur oder ein Geheimdienst eine Bombe legen und eine der wichtigsten Infrastrukturprojekte Europas lahmlegen konnte, ohne dass die Urheber des vermeintlichen Attentats durch Satelliten oder Institutionen registriert wurden?

Wer hat ein Interesse an der Zerstörung von Nord Stream?

„Die Ostsee“, so heißt es in der New York Times, „war ein nahezu idealer Tatort. Ihr Boden ist mit Telekommunikationskabeln und -rohren durchzogen, die (...) nicht genau überwacht werden. Ständig kommen und gehen Schiffe aus den neun Anrainerstaaten. Und die Schiffe können sich leicht verstecken, indem sie ihre Ortungstransponder ausschalten.“

Dann heißt es weiter: „Die Ostsee ist auch ein riesiger Friedhof für nicht explodierte Munition und chemische Waffen, die nach den Weltkriegen versenkt wurden. Expeditionen zur Beseitigung dieser Bomben und Waffen sind üblich, was bedeutet, dass das Fachwissen zur Durchführung von Unterwassersprengungen allgegenwärtig ist.“ Mehrere Ostseeanrainerstaaten, darunter auch Russland, würden über Taucherteams verfügen, die auf Operationen auf dem Meeresboden spezialisiert seien. So haben es Beamte gegenüber der New York Times gesagt. Russland, das einen Hafen an der Ostsee hat, würde über kleine, leise U-Boote verfügen, die sich unbemerkt bewegen könnten. Das legen laut New York Times ehemalige Militär- und Geheimdienstmitarbeiter nahe.

Der Text thematisiert, welche Staaten ein Interesse an der Zerstörung von Nord Stream haben könnten. Interessanterweise lenkt der Text den Verdacht auch auf Russland selbst, das sich stark engagieren würde, damit sich die Energiekrise in Europa weiter ausweitet. In dem Text heißt es: „Nach den Explosionen gaben Polen und die Ukraine offen Russland die Schuld, legten aber keine Beweise vor. In einem Interview lehnte es Daniel Stenling, Schwedens oberster Spionageabwehrbeamter, ab, über einen Täter zu spekulieren. Er ordnete den Nord-Stream-Anschlag jedoch in den Kontext der immer dreisteren russischen Spionage ein.“ Russland habe wiederum Großbritannien beschuldigt, ebenfalls ohne Beweise vorzulegen.

Die schwedischen Ermittler wollen keine Einzelheiten kommunizieren

Es gebe aber einige Theorien, so die New York Times, die gegen Russland als Schuldigen sprechen würden. „In den letzten Wochen hat die Nord Stream AG, die sich mehrheitlich im Besitz eines vom Kreml kontrollierten Unternehmens befindet, damit begonnen, die Kosten für die Reparatur der Leitung und die Wiederherstellung des Gasflusses zu kalkulieren, so eine mit den Arbeiten vertraute Person, die anonym bleiben wollte, weil sie nicht befugt war, öffentlich darüber zu sprechen. Ein Kostenvoranschlag für die Reparatur beginnt bei etwa 500 Millionen Dollar, sagte die Person. Berater für Russland untersuchen auch, wie lange die beschädigten Rohre dem Salzwasser standhalten könnten. Die Untersuchungen werfen die Frage auf, warum Russland, wenn es seine eigenen Pipelines bombardiert hat, mit der teuren Reparatur beginnen möchte.“

Wie bei jedem guten Krimi, so die New York Times, gebe es auch bei der vermeintlichen Nord-Stream-Sabotage eine Reihe von Intrigen und mehrere Akteure mit unterschiedlichen Motiven, die als Schuldige infrage kommen könnten. Auch die Entscheidung der schwedischen Regierung, Einzelheiten ihrer Ermittlungen vor westlichen Verbündeten geheim zu halten, habe zu Spekulationen geführt, dass die Ermittler den Fall vielleicht geknackt hätten und aus strategischen Gründen schweigen wollten, so die New-York-Times-Autoren. Auch die Ukraine habe ein Interesse, dass Nord Stream nicht in Betrieb bleibt. Immerhin würde das Land Transitgebühren verlangen für Gaslieferungen von Russland in den Westen über eine eigene Pipeline. Die Ukraine verfügt aber über keine U-Boote, komme also als Schuldiger für die Ostsee-Sabotage nicht infrage.

Die Schäden von Nord Stream 1 und Nord Stream 2

„Viele europäische Regierungen und Experten halten Moskau für den wahrscheinlichsten Saboteur. Der russische Präsident Wladimir W. Putin hat in der Vergangenheit Gas als politisches Druckmittel eingesetzt. Und es gibt Anzeichen dafür, dass er Europa an dieser Stelle als besonders verwundbar ansieht,“ heißt es in der New York Times. „In einer Sitzung von Gazprom wies ein leitender Angestellter die Vorstellung zurück, dass Europa Nord Stream II geschlossen lassen könnte. ‚Warten Sie einen kalten Winter ab. Die Westler werden um unser Gas betteln‘, sagte ein Beamter laut einem Teilnehmer eines Treffens mit russischen Politikern und Geschäftsführern im vergangenen Jahr. Der Teilnehmer sprach unter der Bedingung der Anonymität, da er nicht befugt war, über das Treffen zu sprechen.“

Deutschland habe die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 blockiert. Russland wiederum nahm Nord Stream 1 Ende August vom Netz und begründete dies mit technischen Problemen. Anfang September erklärte der Kreml, die Pipeline werde auf unbestimmte Zeit stillgelegt. Die Explosionen ereigneten sich einige Wochen später, am 26. September. Sie durchtrennten beide Stränge von Nord Stream 1 und eines der Rohre von Nord Stream 2, so die New York Times.

Die Sabotage könnte als Zeichen an den Westen gewertet werden

„Die Explosion ist für Russland nicht gerade von Vorteil. Es muss weiterhin Transitgebühren an die Ukraine zahlen, kann das Versprechen billigen Gases nicht ohne weiteres nutzen, um Deutschland von seinen europäischen Verbündeten abzuspalten. Und es muss mit hohen Reparaturkosten rechnen.“ Doch die Sabotage würde garantieren, dass die Gaspreise für die Europäer bis zum Frühjahr unangenehm hoch blieben. Und sie schaffe einen Anreiz für die EU-Länder, die Ukraine zu drängen, ein schnelles Ende des Krieges auszuhandeln, da der Krieg die Gasleitungen auf dem Landweg nach Westen in Gefahr bringt. Die Tatsache, dass eine der Nord-Stream-2-Leitungen intakt bleibe, bedeute auch, dass Deutschland im Falle einer Energiekrise seinen Kurs ändern und erlauben könnte, durch diese Leitung Gas zu pumpen.

Die Sabotage von Nord Stream schafft Unsicherheit darüber, welche anderen Infrastrukturen durch Russland angegriffen werden könnten, so die New York Times. Die Explosion habe nicht nur die Pipeline beschädigt, sondern gefährdete auch ein Stromkabel von Schweden nach Polen. „Die Russen senden so ein Signal“, sagte Martin Kragh, stellvertretender Direktor des Stockholmer Zentrums für Osteuropastudien am gemeinnützigen Schwedischen Institut für internationale Angelegenheiten, laut New York Times. „Das Land signalisiert: ‚Wir können so etwas tun. Und wir können es auch anderswo tun.‘“

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