Ein Arbeiter baut in einem Werk ein Getriebe zusammen.  
Foto: Felix Kästle/dpa

BerlinDie in den vergangenen Jahren wohl am Häufigsten getroffene Aussage über Konjunktur und Arbeitsmarkt lautet: die Entwicklung am Arbeitsmarkt zeigt sich gegenüber der Konjunktur „robust“. Und doch steigen und fallen die Zuwachsraten aller gängigen Kennzahlen für den Arbeitsmarkt mit der Zuwachsrate des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP), die den Verlauf der Konjunktur anzeigt. 

Zu nennen sind hier die Zahl der gemeldeten Stellen, die Zahl der Arbeitslosen, selbst die der Langzeitarbeitslosen, die geleisteten Arbeitsstunden, die Arbeitslosenquote, die Zahl der Erwerbstätigen und die Zahl der Kurzarbeiter. Für arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Entscheidungsträger, aber auch für die breite Öffentlichkeit ist die Klärung dieses Sachverhalts von grundlegender Bedeutung.

Es wurde zurecht bedauert, dass die Ende März von der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldeten Arbeitsmarktzahlen noch nicht dazu dienen konnten, Aussagen über die Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie für den Arbeitsmarkt zu treffen. Denn es lagen bis dahin nur die bis zum Stichtag 12. März 2020 gesammelten Daten vor. 

Immerhin aber zeigten die Zahlen ein weiteres Mal verlässlich, dass sich der Arbeitsmarkt auch schon vor dem „Shutdown“ in keiner guten Verfassung befand. Bereits seit März 2018 hat sich im Zuge einer sich abschwächenden Konjunktur der Abbau der Arbeitslosigkeit verlangsamt und zwar mit zunehmender Deutlichkeit, immer gemessen gegenüber dem Wert des Vorjahresmonats. Bis der Abbau der Arbeitslosigkeit schließlich im Oktober 2019 zum Stillstand kam.

Im November gelang noch einmal ein leichter Rückgang, dann aber stieg die Zahl der Arbeitslosen ununterbrochen und mit wachsender Dynamik. War die Zahl der Arbeitslosen im März 2018 noch um 204.000 gesunken, stieg sie im März 2020 um 34.000.

Privat
Thorsten Hild

Thorsten Hild, Jahrgang 1967, ist Diplom-Volkswirt und Referent für Arbeitsmarktpolitik der Linke-Fraktion im Bundestag

Eine vergleichbare Entwicklung, nur unter umgekehrten Vorzeichen, nahmen die gemeldeten Stellen: hatte ihre Zahl im März 2018 noch um 86.000 zugelegt, nahm sie im März 2020 um 106.000 ab. Die Zahl der Arbeitslosen gibt Auskunft über das Arbeitskräfteangebot, die der gemeldeten Stellen über die Arbeitskräftenachfrage. Verschlechtern sich beide Werte, verschlechtern sich auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Und doch berichtete das Forschungsinstitut der BA, das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), am 31. März: „Der Arbeitsmarkt befand sich im März noch in guter Verfassung“ (https://www.iab-forum.de/einschaetzung-des-iab-zur-wirtschaftlichen-lage-maerz-2020/). Am 9. März überschrieb das IAB seine Analyse sogar noch mit: „Corona-Virus: Konjunktur schwächer, Arbeitsmarkt voraussichtlich robust“ (https://www.iab-forum.de/corona-virus-konjunktur-schwaecher-arbeitsmarkt-voraussichtlich-robust/). Die Ursache laut IAB: „die Arbeitsmarktentwicklung erweist sich schon seit zehn Jahren als sehr robust gegenüber konjunkturellen Schwankungen.“

Die Originalwerte der BA, des Statistischen Bundesamts und auch des IAB vermitteln jedoch ein anderes Bild. Sie zeigen bis zuletzt einen unverändert engen parallelen Verlauf von Konjunktur und Arbeitsmarkt. Das ist auch gar nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das reale BIP das Produkt aus Erwerbstätigen und ihrer Arbeitsproduktivität ist. Ein steigendes BIP erfordert in der Regel mehr Erwerbstätige. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt, die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Dasselbe gilt unter umgekehrten Vorzeichen bei einem Rückgang des BIP.

Um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit bei einem schwachen Anstieg oder gar Rückgang des BIP zu verhindern bzw. zu minimieren, wird verstärkt auf Kurzarbeit gesetzt. In schweren Wirtschaftskrisen, wie der jetzigen oder der in 2009, wird der Weg dorthin sogar aktiv von der Wirtschaftspolitik gefördert, indem die Zugangsmöglichkeiten zur Kurzarbeit erleichtert werden. Um ein realistisches Bild über die Auswirkungen einer Konjunkturkrise auf den Arbeitsmarkt zu erhalten, muss eine Analyse also immer auch die Zahl der Kurzarbeiter berücksichtigen.

Das bestätigt die Graphik, die die Entwicklung von Konjunktur, Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit abbildet. Während sich im normalen Konjunkturverlauf die Entwicklung von Konjunktur, Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit decken, folgt die Arbeitslosigkeit in schweren Wirtschaftskrisen wie 2009 dem Konjunktureinbruch nicht vollständig; das ändert sich jedoch, sobald man zur Zahl der Arbeitslosen, die Zahl der Kurzarbeiter hinzurechnet, die ohne Kurzarbeit größtenteils, wenn nicht vollständig arbeitslos geworden wären.

Dieses Bild bestätigt sich bei allen anderen genannten Arbeitsmarktindikatoren, die wir hier aus Platzgründen nicht abbilden können: immer zeigt sich über den gewählten, langen Beobachtungszeitraum eine unverändert hohe Abhängigkeit des Arbeitsmarkts von der Konjunktur. Kurzum, der Arbeitsmarkt ist nicht „robust“ gegenüber der Konjunktur, weder in normalen Zeiten, noch in Krisenzeiten, sondern in höchstem Grad abhängig.

Wenn die Entwicklung des Arbeitsmarkts wesentlich von der Konjunktur getragen wird, dann heißt das für den Einzelnen, dass er nur bedingt Einfluss darauf nehmen kann, ob er beschäftigt oder arbeitslos ist. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung ist, dass das Wirtschaftswachstum angemessen ist, damit die Wirtschaft genügend Arbeitskräfte nachfragt und die Beschäftigung entsprechend hoch, die Arbeitslosigkeit niedrig ausfällt. Für eine erfolgreiche Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik bedeutet das, dass zuallererst für ein angemessenes Wirtschaftswachstum Sorge getragen werden muss.

Wie dies geschehen kann, darüber gehen die Meinungen in Politik, Wissenschaft und Medien weit auseinander. Hier sei daher nur auf die allseits anerkannten, milliardenschweren Investitionsrückstände in der Infrastruktur, im Bildungssektor und, wie die Corona-Krise gerade offenbart, im Gesundheitssektor hingewiesen, die nur mit sehr hohen Ausgaben in Material und Personal zu überwinden sind. Auch verstärkte Anstrengungen gegen den Klimawandel sind wohl zwingend mit höheren Ausgaben verbunden. Höhere Ausgaben, ob vom Staat, den Unternehmen oder – über höhere Löhne – von den Beschäftigten getragen, sind eine Grundvoraussetzung für mehr Wachstum und Beschäftigung.