WashingtonDie Betreiber der Ostseepipeline Nord Stream 2 versuchen das Interregnum in Washington zu nutzen, um die Pipeline in letzter Sekunde doch noch fertigzustellen. Im Fährhafen Mukran in Sassnitz liegt das russische Verlegeschiff Akademik Tschersky. Das Schiff ist erst kürzlich von Tests vor Kaliningrad zurückgekehrt. Die Tests sind nach Informationen der Berliner Zeitung erfolgreich verlaufen. In Mukran herrscht laut Augenzeugen „werftmäßiger Betrieb“. In den kommenden Wochen soll die Akademik Tschersky mit einer Verladerampe bestückt werden, um die fehlenden Rohre für die Pipeline auf das Meer zu transportieren.

Die Zeit drängt: Niemand erwartet vom designierten US-Präsidenten Joe Biden, dass es sich als Freund des Projekts erweist, im Gegenteil. Biden hat zahlreiche Verbindungen in die Ukraine oder war immer gegen Nord Stream 2.

Vor allem aber hat die US-Regierung die Sanktionsschraube noch einmal angezogen. Seit dem 20. Oktober ist eine neue Richtlinie in Kraft, die nicht nur den Betrieb von Verlegeschiffen für Nord Stream 2 unter Sanktionen stellt, sondern auch all jene Unternehmen bedroht, die ein Verlegeschiff ausrüsten. Diese neue Richtlinie soll die Zeit bis zur nächsten Verschärfung überbrücken. Mit dem neuen Gesetzesentwurf, PEESCA (Protecting Europe’s Energy Security Clarification Act), dessen Inkrafttreten zum Jahresende erwartet wird, wird es noch schwerer, Arbeiten für Nord Stream 2 zu verrichten, ohne ins Visier der US-Behörden zu geraten. Besonders kritisch ist, dass diese Sanktionen auch beteiligte Manager persönlich umfassen können – ein Risiko, dem sich in der internationalen Wirtschaft kaum jemand aussetzen will. Daher sei es „komplex“, eine Unternehmensstruktur zu finden, die den Sanktionen entgeht, sagen Insider. Entscheidend sei nun, wie widerstandsfähig die beteiligten Unternehmen sind. Und: Die große Frage ist, wie die zuständigen Abteilungsleiter in den US-Behörden die Zeit zwischen Trump und Biden nützen. Es wird allgemein nicht erwartet, dass sich die Behörden entspannt zurücklehnen. Denn das Geschehen in Mukran wird akribisch beobachtet: Für den Fall, dass seitens der US-Dienste verdächtige Aktivitäten beobachtet und gemeldet werden, haben die Beamten in Washington gar keine andere Wahl, als tätig zu werden.

Für die beteiligten Unternehmen ist die Arbeit an Nord Stream 2 daher ein Balanceakt. Denn die Betreiber des Verlegeschiffs müssen dafür sorgen, dass Transportschiffe in der Nähe sind und die Infrastruktur sichergestellt ist. Jede Dienstleistung steht allerdings unter dem Damoklesschwert bestehender oder zukünftiger Sanktionen. Wegen der Ungewissheit arbeiten die Unternehmen daher auf Hochdruck. Eigentlich sollte bereits Anfang November mit der Verlegung begonnen werden. Nun ist unklar, ob noch in diesem Jahr mit der Verlegung der letzten fehlenden Rohre begonnen werden kann.

Eine Ironie hat der Hafen Mukran auf jeden Fall zu bieten: Die rege Tätigkeit ist nicht nur auf die Aktivität der Russen zurückzuführen, sondern auch auf die direkte Konkurrenz. Das polnisch-dänische Projekt Baltic Pipe hat seinen Infrastrukturschwerpunkt ebenfalls in Sassnitz. Am vergangenen Freitag verließ ein polnisches Schiff den Hafen – nur wenige Meter von den Russen entfernt. Sollte der Hafen Mukran unter das US-Sanktionssystem fallen, geriete auch die Baltic Pipe unter Stress – also genau jenes Projekt, mit dem die russisch-deutsche Zusammenarbeit eigentlich ausgehebelt werden sollte.