Der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, ist überzeugt, Russland habe die Kapazität wesentlich mehr Gas nach Europa zu liefern. So könne die Energiekrise in Europa abgemildert werden, sagte Birol der Financial Times. Birol sagte, dass die Analyse der Agentur darauf hindeute, dass Russland seine Exporte um etwa 15 Prozent des Spitzenangebots im Winter auf den Kontinent steigern könnte. Einen Tag, nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin eine Steigerung der Lieferungen angedeutet hatte, forderte Birol Russland auf, zu beweisen, dass es ein „zuverlässiger Lieferant“ ist, indem es dazu beiträgt, die Angebotskrise zu lindern. Es müssten die Energiepreise gesenkt werden, und die globale Erholung nach den Pandemie-Lockdowns nicht zu gefährden.

Nach Putins Aussagen zur Steigerung der Lieferungen sanken die Gaspreise am Mittwoch deutlich, zeigten sich am Donnerstag allerdings wieder volatil. Birol sagte: „Wenn Russland tut, was es gestern angekündigt hat, und die Mengen nach Europa erhöht, hätte dies eine beruhigende Wirkung auf den Markt.“ Russland war vorgeworfen worden, die Liefermengen zu drosseln, um schneller eine Genehmigung für die Pipeline Nord Stream 2 zu erhalten. Putin erklärte dagegen, dass die Engpässe ihren Grund in der Tatsache hätten, dass europäische Staaten ihre langfristigen Verträge zugunsten von kurzfristigen Orders aufgegeben hätten. Ein Kreml-Sprecher bezeichnete ein solches Verhalten am Donnerstag als amateurhaft.

Der serbische Präsident Aleksandar Vucic kündigte am Mittwoch an, dass sein Land unmittelbar vor dem Abschluss eines langfristigen Liefervertrags mit dem russischen Staatskonzern Gazprom stehe. Das Gas soll über die Turkstream-Pipeline auf den Balkan kommen. Vucic sagte, sein Land wolle keine Risiken bei der Energieversorgung eingehen und sei daher an einer langfristigen Kooperation mit Russland interessiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel schloss sich der Argumentation Putins an und sagte in Slowenien: „Russland kann ja nur Gas liefern auf der Grundlage von vertraglichen Bindungen und nicht einfach so.“ Es stelle sich die Frage, ob genug Gas bestellt oder ob wegen des hohen Preises derzeit nicht so viel Gas geordert werde. „Das alles soll bis zum Oktober-Rat in Brüssel analysiert werden, und dann werden wir auf dieses Thema zurückkommen“, sagte die Kanzlerin. Merkel sagte, sie habe mit Putin auch über die Befüllung der Gasspeicher in Deutschland und in der EU gesprochen. Merkel verwies allerdings darauf, dass eine Genehmigung für Nord Stream 2 noch nicht vorliege. (mm)