Die Mitteilung, dass Alexej Miller auf eine US-Sanktionsliste gesetzt wurde, erfüllte den Gazprom-Chef im Jahr 2018 mit Stolz: „Alles richtig gemacht!“, ließ er mitteilen. Nun kann sich der langjährige Weggefährte des russischen Präsidenten Wladimir Putin und frühere Energieminister wieder auf „viel Feind“ freuen: Internationale Energiebehörden und die US-Regierung beschuldigen Russland, absichtlich die Erdgas-Preise in die Höhe zu treiben. Deutschland solle unter Druck gesetzt werden, um die Genehmigung für die Pipeline Nord Stream 2 rasch zu erteilen. Die US-Energieministerin Jennifer Grandholm sagte am Mittwoch, Europa müsse sich gegen die „Manipulation der Preise“ durch die Russen wehren. Die Internationale Energieagentur (IEA) rief Russland auf, mehr Gas nach Europa zu senden.

Aus Sorge vor einem kalten Winter bereiten erste EU-Staaten Notfallpläne vor, um Haushalte und Unternehmen zu unterstützen. Gazprom bestreitet, dass es sich um eine Daumenschraube handle oder gar um Erpressung: Es gebe langfristige Lieferverträge, die halte man ein. Momentan gebe es eine gewisse Knappheit bei den unterirdischen Lagern – und ja, das wäre mit der raschen Inbetriebnahme von Nord Stream 2 kein Problem mehr.

Miller, der die taktischen Schachzüge der russischen Energiepolitik im Verbund mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder bestimmt, hatte die EU zuvor überrascht: Man könnte darüber nachdenken, schweren Herzens die EU-Vorgaben zu erfüllen und Nord Stream 2 für den Wettbewerb öffnen. Erster Nutznießer wäre der russische Energiekonzern Rosneft. Aufsichtsratschef von Rosneft: Gerhard Schröder.

Der Altkanzler beaufsichtigt auch Nord Stream 2. Gazprom und Rosneft sind beides russische Staatsunternehmen. Die russischen Gasreserven reichen hundert Jahre, sagte Miller vergangene Woche. Man nehme zur Kenntnis, dass die Nachfrage steige – vor allem aus China.