Die Notenbanken in westlichen Industriestaaten versuchen, die starke Inflation zu bekämpfen. Sie müssen in diesem Prozess ihre Strategie des billigen Geldes aus den vergangenen Jahren beenden und dabei hoffen, dass die Wirtschaft nicht abgewürgt wird. Die Notenbanken der USA, Großbritanniens und der Schweiz haben, anders als zuletzt die EZB, Zinserhöhungen vorgenommen.

Die EZB hatte eine solche lediglich angekündigt und deren Wirkung am Mittwoch in einer Krisensitzung teilweise wieder einkassiert, weil Investoren signalisiert hatten, dass sie vor allem die Staatsschulden von Italien für nicht tragfähig halten. Die Inflation ist jedoch offenbar eine große Sorge für die meisten anderen Notenbanken, weshalb sie eine klare Priorisierung vorgenommen haben.

Powell nimmt eine Rezession in Kauf

In den USA  hat die Federal Reserve (Fed) ihren Leitzins um 0,75 Prozentpunkte erhöht, wie sie am Mittwoch bekannt gab. Fed-Chef Jerome Powell sagte, dass ein so hoher Zinsschritt „natürlich ungewöhnlich“ und nicht üblich sei. Gleichzeitig stellte er für Ende Juli eine erneute Anhebung um 0,5 oder 0,75 Prozentpunkte in Aussicht.

Außerdem kündigte die Fed an, dass sie nun entschlossen ihr Anleiheankaufprogramm zurückführen werde. Die Bilanz der Fed ist wegen des Programms, das nach der Finanzkrise 2007 erfunden und in den vergangenen Jahren sukzessive erweitert wurde, auf neun Billionen US-Dollar aufgebläht worden.

Die Fed gab nun bekannt, dass sie die Summe monatlich um etwa 100 Milliarden Dollar reduzieren will – ein deutlich aggressiveres Programm als noch 2019, wo die Fed erstmals den Versuch startete, aus der Ankaufspirale auszusteigen, und nach heftigen Marktturbulenzen zurückrudern musste. Powell nimmt damit, wie der legendäre Fed-Chef Paul Volcker, eine Rezession in Kauf, um den Wert des Dollars nicht aufs Spiel zu setzen.

Ohne Preisstabilität kein Arbeitsmarkt

Volcker hatte den Leitzins in den 1970er- und 80er-Jahren drastisch angehoben – er stieg zeitweise auf mehr als 20 Prozent. Auch damals hatte die größte Volkswirtschaft der Welt mit enormer Inflation zu kämpfen. Volcker wird zugute gehalten, die Inflation als Zentralbankchef erfolgreich bekämpft zu haben. Seine Maßnahmen waren so radikal, dass die USA dadurch in eine Rezession rutschten.

Fed-Chef Powell versuchte nun, eine klare Botschaft zu vermitteln: Die Fed ist entschlossen, die Inflation zu senken. „Natürlich sind wir nie der Meinung, dass zu viele Menschen arbeiten und weniger Menschen Arbeit haben müssen“, betonte der Fed-Chef auf die Frage, ob nun Menschen im Kampf gegen die Inflation ihren Arbeitsplatz verlieren sollten. „Aber wir sind auch der Meinung, dass man ohne Preisstabilität keinen Arbeitsmarkt haben kann, wie wir ihn uns wünschen.“

Weitere Zinserhöhungen seien nicht ausgeschlossen

Die Aktienmärkte in Europa reagierten negativ auf die Fed-Entscheidung: Der Dax büßte am Donnerstag zwischenzeitlich 1,84 Prozent ein. Der MDax verlor 2,18 Prozent. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 fiel um 1,7 Prozent. In New York hatten die Börsen zunächst positiv reagiert. In Asien meldeten am Donnerstag die Handelsplätze überwiegend Verluste.

Auch die britische Notenbank hat ihre Geldpolitik wie erwartet weiter gestrafft. Der Leitzins steige um 0,25 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent, teilte die Bank of England am Donnerstag nach der Sitzung des geldpolitischen Ausschusses MPC in London mit. Die Inflation war in Großbritannien zuletzt auf 9,0 Prozent gestiegen. Das ist die höchste Rate seit Einführung des aktuellen Verbraucherpreisindex im Jahr 1997.

Obwohl die Inflation in der Schweiz mit 2,9 Prozent im Mai vergleichsweise niedrig liegt, hat auch die Schweizer Zentralbank erstmals seit 2015 eine Zinserhöhung angekündigt. Wie die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstag mitteilte, steigt der Leitzins um einen halben Prozentpunkt. Er bleibt damit aber weiter im negativen Bereich und liegt nun bei minus 0,25 Prozent. Weitere Zinserhöhungen seien nicht ausgeschlossen, um die Inflation mittelfristig zu stabilisieren, erklärte die Schweizer Zentralbank weiter. Für das Gesamtjahr 2022 erwartet die SNB eine Teuerung der Verbraucherpreise um 2,8 Prozent. Ohne die Leitzinserhöhung würde die Prognose „deutlich höher“ ausfallen, erklärte die Zentralbank. (mit dpa und AFP)