Renovierte Bauten vom Dokumentationszentrum Prora aus der NS-Zeit.
Foto: Matthias Koch/imago images

BerlinOb Urlaub in einer gigantomanischen, von den Nazis errichteten Feriensiedlung entspannend sein kann? Wenn man sich die Internetseite des Projektbetreuers anschaut, der die restaurierten Ferienwohnungen in den Blöcken anbietet, stößt man auf einige Superlative und Schwärmereien. „Schönste“, „weitläufige“, „feine“, „exklusive“ und „moderne“ sind nur einige der gewählten Adjektive. Die Lage dieser Mega-Hotelanlage am Proraer Wiek auf Rügen ist zweifellos schön. Zwölf Kilometer lang ist der Sandstrand an Rügens Ostküste, das klare Meerwasser scheint türkis. Doch Heimeligkeit wird sich mit Blick auf ein 4,5 Kilometer langes Gebäude kaum einstellen.

Gebaut wurde das Kraft-durch-Freude-Seebad für 20.000 Bewohner, die dann gleichzeitig Urlaub machen sollten. Drei Jahre brauchte man für den Bau, von 1936 bis 1939. Bei Kriegsbeginn wurde der Bau abrupt gestoppt, man benötigte Menschen und Material für militärische Zwecke. Nicht ein einziger Nazi machte je Urlaub in Prora. Im Krieg mussten in Prora polnische Kriegsgefangene arbeiten, sie wohnten in Baracken.

Sperrgebiet und NVA

Acht Blöcke waren es einst, davon wurden 1945 drei Blöcke zerstört. Ein Block ist 550 Meter lang und besteht aus zehn Häusern. Jedes Haus hatte einen eigenen Namen: Granitz, Arkona, Jasmund, Hiddensee, Zudar, Wittow, Mönchgut und Dänholm.

Zu DDR-Zeiten hatte sich hier die Nationale Volksarmee angesiedelt, Prora war Sperrgebiet. Hier wurden Bausoldaten eingesetzt, die in der DDR als Staatsfeinde angesehen wurden, weil sie den Dienst an der Waffe verweigerten. Sie wurden vor allem zum Bau des Hafens in Mukran eingesetzt.

Noch heute kommen hin und wieder ehemalige Soldaten vorbei, um sich an jene Zeit zu erinnern. Mittlerweile ist die Ferienanlage weitgehend saniert. Umgebaut wurde sie zu exklusiven Ferienwohnungen, Hotels und Jugendherbergen. Auch Gewerbemieter wie Ärzte oder Läden haben sich angesiedelt.

Es gibt verschiedene Komfortklassen der Ferienwohnungen, die man mieten oder kaufen kann. „Sealion“ beispielsweise hat eine Fläche von 91 Quadratmetern und ist maritim ausgestattet, mit „Mobiliar im Vintage-Design und Ostküsten-Flair im Stil der Hamptons“, wie es die Agentur verspricht. WLAN, Flachbildschirm, Netflix, Glasbalkon, eigene Dachterrasse mit drei Strandkörben und zwei Bäder sind hier mit inbegriffen. Für guten Schlaf (und hoffentlich keine Träume über Nazi-Urlauber) sollen Boxspringbetten sorgen.

Andere Apartments verfügen über Fußbodenheizung, Kamin mit Holzfeuer, Ledercouch, Handtuchheizkörper, Regenschauerdusche und mehr. Es wird aber darauf hingewiesen, dass die Sanierung der Häuser noch nicht gänzlich abgeschlossen ist und es somit zu Baulärm kommen kann.

Hotel, Privatbesitz, Disko

Das Hotel Prora Solitaire bietet Apartments, Lofts und Suiten, außerdem ein Spa und zwei Restaurants. Am günstigsten ist die Übernachtung in der Jugendherberge Prora mit 424 Betten, hier geht es ab 27 Euro für die Übernachtung mit Frühstück los.

Auf dem Dachgeschoss des Hauses „Arkona“ installierte man eine „Sky-Sauna“ mit Dachterrasse, die mit einem gläsernen Fahrstuhl erreichbar ist. Von dort oben kann man die Rügener Kreidefelsen sehen.

In dem vor 20 Jahren gegründeten Dokumentationszentrum Prora kann man derzeit auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern etwas über die Geschichte des Ortes erfahren. Doch nicht mehr lange: „Da auch wir in einem Gebäudeteil sind, der in Privatbesitz ist, wird in den nächsten Jahren ein Umzug in Block 5 stattfinden“, sagt die wissenschaftliche Leiterin des Zentrums, Katja Lucke (52). Geld für die entsprechende Sanierung wurde von Bund und Land schon bereitgestellt. Lucke bemängelt, dass es für die verschiedenen Nutzungen der historischen Gebäude kein Konzept gäbe, jeder Investor mache „sein Ding“, wie es ihm beliebt.

Nebenan rottet Rügens größte Diskothek, das „Miami“, vor sich hin. Sie wurde von 1990 bis 2016 von Peter Weitkamp („Miami-Peter“) aus Bremerhaven betrieben. Das Gebäude war im KdF-Seebad einst als Kleinkunstbühne geplant, zu DDR-Zeiten war es Haus der Armee und Offizierskasino.

Conny Möller ist seit fünf Jahren Mieterin einer Erdgeschosswohnung im Block 4. „Ich wohne schon seit Kindertagen auf Rügen, und als diese Mietwohnung auf den Markt kam, habe ich zugegriffen“, sagt die 56-Jährige. Es war zum Zeitpunkt einer Trennung vom Partner, und für sie ein Neubeginn. „Vorne der Sandstrand, hinter dem Haus Wald, diese Lage ist einfach ideal“, ist sie auch jetzt noch überzeugt. Die Nazi-Vergangenheit der Anlage spielt für die Malerin, die auf Rügen-Motive spezialisiert ist, keine Rolle.

Immobilienentwickler setzen in Prora auch auf das gehobene Segment. Für 950.000 Euro stehen hochwertig eingerichtete Wohnungen mit einer Fläche von 171 Quadratmetern am Südstrand, nahe des Dokumentationszentrums, zum Verkauf. Diese Wohnungen umfassen jeweils eine ganze Etage des Hochhauses. Im Kleingedruckten findet sich ein interessanter Vermerk für die potenziellen Käufer: „Einen wesentlichen Teil des Kaufpreises können Sie über die Denkmalabschreibung steuerlich geltend machen.“

Lesen Sie auch: Ex-Geheimdienstlerin Marthe Cohn:„Ich bin doch auch nicht schuld am Tod von Jesus“ >>

Eine gute Mischung?

Karsten Schneider, seit 2011 Bürgermeister in Binz, beurteilt die Entwicklung in Prora positiv: „Wir sind mit dem Tempo der Entwicklung zufrieden, auch mit der Mischung der verschiedenen Formen.“ Schneider schätzt, dass in fünf bis acht Jahren in Prora „alles durchsaniert“ ist. „Es sieht sogar besser aus, als wir es erwartet haben“, sagt Schneider im Hinblick auf die Hotelfassaden und gewerblichen Einrichtungen. Zusammen mit dem traditionellen Seebad Binz könne das Angebot für Touristen in Prora eine gute Mischung werden. Wer es ruhig mag, sollte in Binz bleiben, Nachtschwärmer würden eher in Prora versorgt. Allerdings teilt Schneider die Einschätzung vieler Rügener, dass es mit der Zahl der Gästebetten auf der Insel langsam etwas zu viel würde, und sich die Betten nicht gleichmäßig verteilten.

Von „Overtourism“ ist bei Einheimischen mittlerweile die Rede, 6,4 Millionen Übernachtungen bei 77.000 Einwohnern seien schon hart am Limit, Rügen solle auf keinen Fall ein zweites Sylt werden. Allerdings muss man auch sehen, dass Rügen wesentlich größer ist als Sylt und 65 Prozent der Inselfläche Nationalparks oder Naturschutzgebiete sind.