Number26 und Co.: Berliner Finanz-Startups wollen den großen Banken die Kunden abjagen

Berlin - Nur weil er eine Bank gegründet hat, soll niemand auf die Idee kommen, ihn für einen Banker zu halten. Maximilian Tayenthal, 35 Jahre, trägt überm Hemd blauen Kapuzenpulli anstelle eines Anzugs. Der Mitgründer des Start-ups Number26 hat auch noch gleich den Besprechungsraum im Büro nahe des Alexanderplatzes mit Graffiti besprühen lassen. „Eat the Rich“ steht an die Wand neben dem Whiteboard. Es soll nach Umsturz aussehen. Tayenthal will schließlich die gesamte Bankenbranche umwälzen.

Number26 soll zur Bank des Smartphone-Zeitalters werden. Das Start-up bietet ein kostenfreies Girokonto an, das komplett über die Smartphone-App geführt wird. Per Push-Benachrichtigung bekommt der Nutzer in Echtzeit über Kontobewegungen Bescheid. Auch die Konto-Eröffnung geht komplett am Smartphone – innerhalb von nur acht Minuten. Zur Identifizierung hält man im Video-Chat mit dem Number26-Kundendienst seinen Personalausweis vor die Kamera. Drei Tage später liegt eine Mastercard-Krediktarte im Briefkasten, mit der die Kunden überall kostenfrei abheben können, wo das Mastercard-Symbol prägt.

Die Mastercard ist die Verbindung zum Offline-Abheben, denn sonst wird alles mit dem Smartphone erledigt. Überweisungen tätigt der Nutzer, indem er einfach eine Person aus seinem Smartphone-Adressbuch auswählt. IBAN- und BIC-Eingabe ist überflüssig. Hat die andere Person auch ein Number26-Konto, wird ihr das Geld in Echtzeit gut geschrieben.

Schon 80 000 Kunden

Obwohl Number26 erst Anfang diesen Jahres gestartet ist, nutzen bereits 80 000 Kunden den Dienst. 100 000 sollen es bis Ende Januar werden. Das Ziel des Start-ups: Die App zu werden, mit der die Smartphone-Generation ihre Bankgeschäfte erledigt.

Noch verdient Number26 zwar nur an Dispo-Zinsen und der Gebühr, die Händler bezahlen müssen, wenn Kunden mit Mastercard bezahlen. Doch das stört Tayenthal nicht. Seine Strategie: Kunden zu gewinnen, denen man später auch Versicherungen oder Kredite verkaufen kann. „Das Modell unterscheidet sich gar nicht so sehr von einer normalen Privatkundenbank,“ sagt er. „Die verdient auch fast nichts am Girokonto.“

Number26 steht für eine Entwicklung, die sich rasant beschleunigt. Technologieunternehmen in der Finanzbranche vermehren sich geradezu exponentiell. Gab es vor einem Jahr noch etwa vierzig deutsche Fintechs, wie diese Unternehmen genannt werden, sind es inzwischen schon rund 250.

Mit den Herausforderern der klassischen Banken wächst auch ein neuer Finanzstandort heran. Frankfurt am Main ist zwar Bankenhauptstadt. Doch es sind die Türme der etablierten Banken, die die Skyline prägen. Bei den Fintechs, den neuen digitalen Start-ups im Finanzbereich, dominiert dagegen Berlin. Rund 40 Prozent der Fintechs sitzen in der Hauptstadt. „Wenn ich in Frankfurt sitze, brauche ich einen Entwickler in Paris nicht anzurufen, um ihn abzuwerben“, erklärt Tayenthal die Entscheidung, 2013 Number26 in Berlin zu gründen. Er selbst kommt aus Wien.

Zwar ist der Marktanteil der Fintechs am Bankgeschäft noch vernachlässigbar. Doch nicht wenige sind überzeugt, dass sich das rasch ändert. Die Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass Fintechs wie Number26 bis zu 40 Prozent der Einnahmen und bis zu 60 Prozent der Gewinne der etablierten Banken im Privatkundengeschäft einverleiben werden.

Noch sind die neuen Fintechs aber auf die etablierten Banken angewiesen. Hinter Number26 steht etwa die Wirecardbank aus dem bayerischen Aschheim. Genau genommen eröffnet der Kunde nämlich bei der Wirecardbank sein Konto. Über eine Banklizenz verfügt Number26 nämlich noch nicht. Neben Number26 wickelt die Wirecardbank noch für eine Reihe anderer Berliner Start-ups den Zahlungsverkehr ab – unter anderem für Lendico, Zencap und Payleven.

Das Vorgehen ist typisch für Fintechs: Sie konzentrieren sich darauf, die Dienstleistung anzubieten – die Transaktionen werden von etablierten Banken im Hintergrund abgewickelt. Für die etablierten Banken ist das nur ein schwacher Trost: Sie werden zu austauschbaren Infrastrukturdienstleistern degradiert – die wertvollen Kundenbeziehungen reißen die Fintechs an sich.

„Wir haben die Angst verloren“

Theoretisch könnte die Deutsche Bank zwar Tayenthals App einfach kopieren. Aber der sagt: „Wir haben die Angst vor den Banken verloren.“ Der Grund: „Sie sind einfach extrem langsam. Das Online-Banking der Deutschen Bank wird in fünf Jahren natürlich anders aussehen. Aber da werden wir schon viel, viel weiter sein. Unser Tempo ist einfach viel höher.“ Der Vorteil von Number26, sagt Tayenthal: „Wir haben einen klaren Fokus, keine alten Kunden ohne Smartphone – die Banken dagegen haben an hundert Fronten zu kämpfen.“

Eigentlich hatte es Tayenthal zunächst gar nicht darauf angelegt, einen Frontalangriff auf die Banken zu starten. Mit seinem Schulfreund Valentin Stalf wollte er eigentlich nur eine Kreditkarte für Teenager auf dem Markt bringen. Das Besondere: Die Eltern sollten per App in Echtzeit die Ausgaben kontrollieren können. Als sie Karte und App von den ersten potenziellen Kunden testen ließen, stellten sie schnell fest, dass die Eltern die Karte lieber selber nutzen. „Da wurde uns klar, dass wir hier etwas gebaut hatten, mit dem wir an einem ganz anderen Game mitspielen konnten,“ sagt Tayenthal. Die beiden schwenkten um und brachten im Januar die Number26–App auf den Markt. Inzwischen arbeiten 80 Mitarbeiter für Number26, 70 weitere Stellen werden gerade besetzt.

Doch so rasant Number26 auch wächst – Tayenthal weiß, dass die meisten Fintechs scheitern werden. „Von 250 Fintechs werden in fünf Jahren vielleicht nur noch zehn übrig sein. Jeder der mit ganz wenige Ressourcen ein Unternehmen bauen will, von der die Deutsche Bank Angst hat, kann das nur machen, wenn er extrem ins Risiko geht.“

Mächtige Männer setzen darauf, dass Tayenthals Start-up bei denen sein wird, die übrig bleiben. Im April hat ein Fonds der US-amerikanische Investorenlegende Peter Thiel eine 10,6 Millionen US-Dollar-Finanzierungsrunde angeführt. Thiel ist ein Facebook-Investor früher Stunde, der schon ein Fintech aufgebaut hat, als es den Begriff noch gar nicht gab: Thiel gründete 1998 eine Firma, aus der die Online-Bezahlfirma Paypal hervorging . Inzwischen ist sie an der Börse knapp 40 Milliarden Euro wert – mehr als die Deutsche Bank.

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