Karotten mit drei Wurzeln, rissige Äpfel, schlangenförmige Kartoffeln – sie haben keine Chance. Auch im Supermarktregal galt bislang: Erfolg hat nur, wer in Top-Form ist. „Wir haben ein Luxusproblem“, sagt Manfred Edelhäuser, zuständig für Lebensmittelüberwachung beim Verbraucherschutzministerium in Baden-Württemberg. „Der Handel schafft es nicht, schlecht aussehende Ware zu verkaufen.“

Als Ursache des Schönheitswahns bei Obst und Gemüse gelten die sogenannten Vermarktungsnormen der EU, in denen auch die Handelsklassen geregelt sind. Sie hatten eigentlich zwei Ziele, erklärt Edelhäuser: Zum einen wurde die Qualität der Sorten in Klassen eingeteilt und sollte so einfacher verglichen werden können, zum anderen vereinfachte die einheitliche Form von Gemüse Transport und Lagerung. Doch inzwischen sind die Regeln in die Kritik geraten.

Handel startet Testverkäufe

Denn überwiegend wird das makellose Obst der Klasse I angeboten. Ware aus Klasse II, die auch mal Fehler in der Schale oder Druckstellen aufweisen darf, kommt dagegen kaum noch vor. Dabei müssen streng genommen nur ungenießbare – also zum Beispiel von Fäulnis befallene – Lebensmittel aus dem Verkehr gezogen werden.

Einige Supermarktketten versuchen es nun und bieten auch Früchte an, die von der Bestform abweichen – zu günstigeren Preisen. Der Edeka-Verbund hat vergangene Woche in verschiedenen Bundesländern ein Pilotprojekt gestartet, an dem sich auch der Discounter Netto beteiligt. Rewe hat einen ähnlichen Versuch in Österreich laufen.

Reinhardt sieht vor allem die Verbraucher in der Pflicht. „Der Handel stellt sich auf das ein, was nachgefragt wird, also liegt es am Kunden“, sagt die Lebensmittel-Expertin. „Das Bewusstsein bei den Verbrauchern muss sich entwickeln.“ Äpfel der Klasse II schmeckten genau so gut wie ebenmäßiges Obst der Klasse I.

Bei der Ernährungsorganisation Slow Food begrüßt man die Initiativen des Handels. Dort schätzt man, dass teilweise bis zu 40 Prozent des produzierten Obstes und Gemüses am Ende nicht in den Regalen landen. Was nicht den Schönheitsansprüchen entspricht, wird aber nicht immer automatisch weggeworfen. Aus vernarbten Äpfeln wird Saft gepresst, Kartoffeln oder Rüben können zu Tierfutter verarbeitet werden, verwachsener Kohl oder Salat wird auf dem Feld untergepflügt. Allerdings bekämen die Landwirte bekämen weniger Geld für verarbeitetes Gemüse, und eigentlich nahrhafte Lebensmittel würden aussortiert. „Der Appell geht sowohl an die Händler als auch an die Verbraucher.“ (dpa)