Öko-Verpackungen aus Pflanzenresten: „Für Tüten Plastik zu benutzen, ist idiotisch“

Vor 20 Jahren kam Eduardo Gordillo der Liebe wegen nach Deutschland und entdeckte hier seine Begeisterung für den Umweltschutz. Mit seiner Firma hat der gebürtige Kolumbianer ein Verfahren entwickelt, aus Agrar-Abfällen Verpackungen herzustellen – nutzbar wie Plastik, aber kompostier- und recycelbar. Die Lösung für ein globales Müllproblem? Möglich ist alles, sagt Gordillo. Er weiß aber auch: Das nachhaltigste Material nützt nichts, wenn niemand es benutzen will.

Herr Gordillo, kaufen Sie sich hin und wieder einen Coffee to go im Plastikbecher?

Ich trinke keinen Kaffee – die Frage stellt sich also nicht. Aber wenn ich zum Beispiel an der Tankstelle ein Getränk kaufe, dann ist das in der Regel leider in einer Plastikflasche. Ich versuche, Kunststoff zu vermeiden. Wir haben jetzt so eine Maschine gekauft, mit der man Sprudelwasser selber machen kann. Alle anderen Getränke kaufen wir in Glasflaschen. Und als ich mit meiner Familie kürzlich in den USA war, wurden wir im Supermarkt jedes Mal mit großen Augen angeguckt, wenn wir an der Kasse unseren Stoffbeutel ausgepackt haben. Vollkommen auf Plastik zu verzichten, ist aber so gut wie unmöglich.

Eigentlich sind Sie Industriedesigner. Warum beschäftigen Sie sich jetzt mit nachhaltiger Verpackung?

Als ich vor 20 Jahren aus Kolumbien kam, habe ich erlebt, wie in Deutschland das Mülltrennungssystem funktioniert. Das hat mir ein ganz neues ökologisches Bewusstsein gegeben. Gerade Plastik ist ein riesiges Umweltproblem. Und winzige Plastikteile von den Massen an Verpackungen, die wir ins Meer geworfen haben, werden von Fischen gefressen. Damit gelangt das Material auch wieder in unsere Nahrungskette. Das ist natürlich sehr schädlich für die Gesundheit. Je mehr ich im Laufe der Jahre darüber gelesen und gehört habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, selbst etwas tun zu müssen. Da ich schon beruflich mit Verpackung zu tun hatte, habe ich in diesem Bereich angefangen zu recherchieren.

Biologisch abbaubare und kompostierbare Verpackungen gibt es bereits. Was ist das Besondere an Ihrer Methode?

Das Problem bei sogenanntem Bioplastik ist: Es ist in der Herstellung sehr teuer und kann deshalb nicht mit herkömmlichem Petroleum-Plastik konkurrieren. Die andere Möglichkeit ist der „Faserguss“, so werden zum Beispiel Eierkartons hergestellt. Allerdings wird dabei meist Cellulose oder recyceltes Papier verwendet. Um ein Kilo Cellulose herzustellen, brauchen Sie aber 150 Liter Wasser und viele Chemikalien, um recyceltes Papier verwenden zu können, muss es gewaschen werden – und als Reste bleiben Tinten und Metallteile, die auch nicht umweltfreundlich sind. Für ein Kilo von unserem Material brauchen wir nur vier Liter Wasser und keine Chemikalien. Unsere Herstellung ist nur mechanisch. Wir bieten also eine echte Alternative zu herkömmlichem Plastik, auch ökonomisch, weil unsere Rohstoffe sehr günstig sind.

Wie funktioniert das genau?

Wir verändern durch einen mechanischen Prozess die Struktur der Fasern. Wir bringen sie dafür in einen Mikro- oder sogar Nanobereich, dadurch haben die Fasern mehr Kontaktpunkte und werden selbstbindend. Um aus den Fasern eine stabile Verpackung herzustellen, braucht man allerdings normalerweise ein Bindemittel. Ich wollte aber keines benutzen, denn das sind immer Reste von etwas, was im Prinzip umweltschädlich ist. Mit der Firma Zelfo Technology haben wir ein Verfahren entwickelt, Fasern in zellbindende Fasern zu verwandeln – durch einen rein mechanischen Prozess, keinen chemischen.

Und das ist stabil?

So stabil wie Pappe – denken Sie zum Beispiel an den Eierkarton.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dafür Agrar-Abfälle zu verwenden?

Unsere philosophische Basis ist die Dezentralisierung der Produktion. Denn das bedeutet: Weniger Transportwege und damit weniger CO2 . Ich möchte am liebsten in jedem Land eine Produktionsstätte für die Verpackungen aufbauen. Das brachte mich zu der Frage: Welches Rohmaterial gibt es in fast allen Ländern der Erde? Das sind die Agrar-Abfälle. Es war also einfach die logische Konsequenz.

Und man kann jede organische Faser verwenden?

Bis jetzt hat alles, was wir getestet haben, funktioniert: Bananenstämme, Ananaspflanzen, Zuckerrohrblätter, Tomatenpflanzen, Wasser-Hyazinthen – die gelten zum Beispiel in Indien als regelrechte Plage –, Stroh, Hanf, Brombeerzweige. Auberginen- und Gurkenpflanzen funktionieren auch.

Ist es denn realistisch, dass Sie mit Ihrer Technologie tatsächlich eine Alternative zu Plastik bieten? Allein hier auf meinem Schreibtisch ist fast alles, was ich sehe, aus Plastik...

Wir wollen nicht das gesamte Plastik der Welt abschaffen. Unser Fokus liegt zunächst auf Einweggeschirr und Verpackungen für Obst, Gemüse, Fleisch. Für die Zukunft planen wir auch Verpackungen für Flüssigkeiten, aber noch sind wir nicht so weit. Plastik ist ja an sich kein schlechtes Material – wenn es für langlebige Produkte verwendet wird, wie das Gehäuse eines Computerbildschirms. Problematisch ist Plastik bei Einwegprodukten, wie Tüten, Lebensmittelverpackungen, Strohhalmen und Einweggeschirr. Dafür Plastik zu benutzen, ist total idiotisch.

Wenn ich eine Bio-Lutions-Verpackung wegwerfe, was passiert dann?

Unsere Verpackungen sind im Prinzip nichts anderes als Laub. Nur in der Struktur etwas verändert, damit das Ganze hält. Das heißt: Die Verpackung ist biologisch abbaubar, man kann sie nahezu CO2 -neutral verbrennen oder auch recyceln.

Wenn ich eine Tüte bedenkenlos auf die Straße werfen kann, muss ich mir über Müllvermeidung ja keine Sorgen mehr machen. Sollte man nicht eher versuchen, das Wegwerf-Verhalten der Menschen zu verändern?

Ich fürchte, das wird nirgendwo auf der Welt funktionieren. Nicht in den nächsten 20 Jahren. Wir leben in einer Gesellschaft mit einer ganz anderen logistischen Anforderung als noch vor 30 oder 40 Jahren. Für die Lebensmittelhersteller bedeutet das: Sie brauchen Verpackungen, die ihre Produkte auch über längere Zeit schützen, etwa für den Transport. Das wiederum hängt mit den veränderten Essgewohnheiten in der Gesellschaft zusammen. Früher haben wir einen ganzen Salatkopf gekauft und ihn für die ganze Familie zubereitet. Jetzt gehen Sie in den Supermarkt und finden viel weniger Salat, klein geschnitten und gewaschen in einer Plastiktüte – für den Ein-Personen-Haushalt. Natürlich gibt es diese Bewegung, die Läden, in denen man seine eigenen Behälter mitbringt und die Lebensmittel abfüllt. Aber die Zielgruppe ist viel zu klein. Überlegen Sie mal, wie lange es in Deutschland gedauert hat, bis Bio sich durchgesetzt hat, zu Massenware wurde. Jahrzehnte.

Sie glauben also nicht, dass sich die Gesellschaft irgendwann besinnt?

Ich habe keine Glaskugel mit der ich in die Zukunft sehen kann. Aber ich glaube nicht, dass ich noch erleben werde, dass die Menschheit weniger Verpackung braucht, eher im Gegenteil.

Angenommen, die Produktion Ihrer Verpackung geht durch die Decke: Heißt es dann in der Zukunft: Wir haben nicht genügend Abfälle, um die Nachfrage zu bedienen, also lasst uns die Wälder abholzen?

Das würde uns nichts nützen – mit Holz funktioniert das Verfahren nämlich nicht. Aber abgesehen davon: Es existieren zig Mal mehr Agrar-Abfälle als wir für die Verpackungsproduktion für die gesamte Menschheit brauchen würden. Allein in Indien fallen 180 Millionen Tonnen Agrar-Abfälle an – im Jahr. Gleichzeitig verbraucht das Land jährlich fünf Millionen Tonnen Plastik für Verpackung. Ich mache mir gar keine Sorgen, dass uns eines Tages das Material ausgeht. Selbst wenn wir 100 Prozent des Marktes beherrschen würden – es wäre noch genug Agrar-Abfall da für andere Menschen, die damit etwas anstellen wollen.

Ihre Pilot-Fabrik steht in Indien. Warum dort?

Indien hat ein massives Problem mit Plastikmüll – inzwischen gibt es in mehreren indischen Großstädten ein Verbot von Plastikverpackungen. Und das bewegt die Firmen, nach Alternativen zu suchen. In der Pilot-Fabrik produzieren wir 600 Kilogramm pro Monat. In Zukunft wollen wir bis zu 2 000 Tonnen pro Jahr produzieren.

Ein Verpackungsmaterial, das nahezu keinen Müll verursacht. Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Es ist nicht zu schön, um wahr zu sein. Es ist wahr. So lange es Agrar-Abfälle gibt, werden wir unsere Verpackungen produzieren können. Am Ende ist nur der Preis entscheidend.

Wie ist bei den Firmen die Resonanz auf Ihre Vorschläge?

Egal, wo ich war, egal, mit wem wir gesprochen haben – nach der Präsentation unseres Projektes kam immer die gleiche Frage: „Was kostet das?“ Das Umweltbewusstsein der Firmen ist im Prinzip vorhanden – aber nur, solange ein umweltfreundliches Produkt nicht mehr kostet, als das, was sie bisher bezahlen. Für Firmen gilt: Die einzige Wahrheit in der Ökologie ist die Ökonomie. Wir erschaffen ein Produkt, das Firmen notgedrungen kaufen müssen, um ihre eigenen Produkte zu verpacken. Diesen Kostenfaktor wollen Unternehmen natürlich nicht erhöhen. Und sie haben Angst, dass die Kunden ihre Produkte nicht mehr kaufen, wenn sie den Endpreis wegen der Verpackung erhöhen. Unser Motto wurde daher: Ecology follows economy – die Ökologie richtet sich nach der Wirtschaft. Nur wenn wir konkurrenzfähig sind, können wir auch erfolgreich sein.

Was ist Ihre Traumvorstellung von der Zukunft der Firma? Und was ist ein realistisches Zukunftsszenario?

Die Realität ist: In Indien haben wir eine Produktion aufgebaut. Das bedeutet: In jedem anderen Land, in dem wir die entsprechenden Rohstoffe finden, in dem wir Strom und Wasser haben und in dem es einen Markt für unsere Produkte gibt – dort werden wir so schnell wachsen können, wie wir das Geld dafür zusammenbekommen können. Und natürlich ist auch die Produktion in Deutschland ein Ziel. In den letzten fünf Jahren habe ich eines gelernt: Traum und Realität müssen eins sein. Ich möchte nicht von etwas träumen, das ich nicht realisieren kann.