Die Lufthansa streicht wegen des Coronavirus 23.000 Flüge bis zum 24. April. 
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BerlinWhatever it takes. Es war vor allem dieser Halbsatz, den Deutschlands führende Ökonomen im Angesicht der Corona-Krise als Motto für die nötige Handlungsweise verstanden wissen wollen. Wirtschaftsforscher und -wissenschaftler, unter ihnen Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel, und der ehemalige Wirtschaftsweise Peter Bofinger, hatten am Mittwoch zur Pressekonferenz geladen, um ihre Empfehlungen für einen Umgang mit den wirtschaftlichen Folgen der Virus-Pandemie vorzustellen. 

Der auserkorene Leitsatz allerdings stammt von jemand anderem, ausgesprochen in einem anderen Zusammenhang: Whatever it takes, was immer nötig sei, werde man tun, um die Krise zu bewältigen, hatte Mario Draghi 2012 gesagt. Damals ging es darum, den Euro zu retten, und der Satz des damaligen Chefs der Europäischen Zentralbank, sollte eine Wirkung entfalten, die später als Draghi-Effekt in die Geschichte einging. Die Aufregung flachte ab, die verunsicherten Finanzmärkte beruhigten sich.

Peter Bofinger sieht Unsicherheit bei Verbrauchern

Es ist jener Effekt, auf den die Wirtschaftsexperten nun auch in der Corona-Krise hoffen. „Auch bei dieser Krise kommt es auf die Psychologie an“, sagte Peter Bofinger am Mittwoch in Berlin. Denn je länger die Krise anhalte, desto größer sei auch die Unsicherheit bei den Verbrauchern. Das wiederum wirke sich auf die Nachfrage aus, führe dazu, dass die Bevölkerung zurückhaltender konsumiere. Umso wichtiger sei es, dass die Bundesregierung ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stelle.

Da es die Psychologie allein nicht richten wird, gaben die Wirtschaftsexperten auch konkrete Empfehlungen, um die ökonomischen Folgen des „Corona-Schocks“ abzumildern.

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Man brauche zielgenaue Instrumente, die auf die Situation zugeschnitten seien, sagte Jens Südekum von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Es habe „absolute Priorität“, die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrechtzuerhalten, auch aus wirtschaftlicher Perspektive.

Obwohl sich die Absagen von Großereignissen, wie Fußballspielen oder Konzerten, kurzfristig in wirtschaftlichen Verlusten niederschlagen, befürworten Südekum und seine Kollegen daher die vergleichsweise rigiden Maßnahmen. Denn nur so könne die Ausbreitung der Infektion verlangsamt werden – was letztlich auch der Wirtschaft nütze. Es sei besser, heute restriktiv zu reagieren, sagte Südekum, „sonst werden die langfristigen ökonomischen Kosten deutlich höher sein“.

Auch bei dieser Krise kommt es auf die Psychologie an.

Peter Bofinger, Wirtschaftswissenschaftler, hofft auf eine schnelles Abflachen der Aufregung in der gegenwärtigen Coronakrise

Einen Schwerpunkt legen die Wissenschaftler in ihren Empfehlungen auf kleine und mittlere Unternehmen, speziell im Tourismus- und Gastronomiesektor. Restaurants, Hotels und andere Tourismusdienstleister leiden besonders unter den Folgen der Corona-Verbreitung.

In Anbetracht der Krise könne die „schwarze Null“, also ein Bundeshaushalt ohne Neuverschuldung, keine Handlungsmaxime sein, sagte Peter Bofinger. Im Grundgesetz sei für Ausnahmefälle wie diese eine Lockerung der Schuldenbremse vorgesehen. Ausdrücklich befürworteten die Ökonomen die von der Bundesregierung bereits im Eilverfahren beschlossene Erleichterung beim Kurzarbeitergeld, bei dem der Staat einen Teil der entstehenden Lohnkosten übernehmen kann.

Als weiteres Mittel schlagen die Forscher die „zinslose Stundung aller Voraus- und Nachzahlungen bei der Einkommens-, Körperschafts- und Umsatzsteuer“ vor, und zwar so lange, bis die Virusinfektion in Deutschland abgeklungen sei. Auch eine vorgezogene Teilabschaffung des Solidaritätszuschlags bereits zum 1. Juli können sich die Ökonomen vorstellen.

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Die Virus-Verbreitung werde sich auch auf das Wirtschaftswachstum auswirken, sagte Gabriel Felbermayr. Nachdem die Wachstumsschätzung für Deutschland mit 1,1 Prozent ohnehin gering ausgefallen war, rechne man nun in der ersten Jahreshälfte mit leichter Rezession. Das gelte auch für die gesamte   Eurozone.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, gab zu bedenken, dass man sich erst am Anfang befinde. Der Höhepunkt der Belastungen stehe noch aus, die Folgen von unterbrochenen Lieferketten aus China seien etwa noch nicht gänzlich zu spüren.

Europäischer Stabilitätsmechanismus könnte abhelfen

Für Italien, das vom Virus bislang am härtesten betroffene EU-Land, rechnen die Forscher mit deutlich schwerwiegenderen wirtschaftlichen Folgen. Mit 13 Prozent hat der Tourismussektor einen hohen Anteil am italienischen Bruttoinlandsprodukt – gerade diese Branche ist von den Auswirkungen der Krise besonders betroffen. Im Zweifelsfall muss man nach Ansicht der Ökonomen auch über europäische Maßnahmen nachdenken, etwa mithilfe des Europäischen Stabilitätsmechanismus, mit dem Mitgliedstaaten der Eurozone durch Kredite und Bürgschaften unterstützt werden. „Diese Krise hat europäische Dimensionen“, sagte Peter Bofinger. Stärker betroffenen Staaten müsse man deshalb zur Seite stehen.

Hüther gab zu bedenken: „Die Corona-Krise ist nicht überall gleichzeitig. Die Folgen, die das Virus auf die US-Wirtschaft haben wird, können wir zum Beispiel noch gar nicht abschätzen.“ Es komme darauf an, zur rechten Zeit handlungsfähig zu sein.