Die angekündigten Schritte der EZB hin zu einer Zinswende sind aus Sicht des Ökonomen Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) „überfällig und immer noch zu zögerlich“. Ein Zinsschritt von 50 Basispunkten wäre von der Wirtschaft im Euro-Raum „ohne weiteres zu verkraften“.

Kooths sagte der Berliner Zeitung: „Die EZB müsste sich jetzt ausschließlich um ihre Kernaufgabe kümmern, nämlich die Preisstabilität. Das sehe ich mit den Zins-Ankündigungen nicht, sondern es drängt sich der Verdacht auf, dass die EZB vor allem die Staatsschulden im Blick hat und daher die Zinsen nicht entschlossen erhöhen will.“

BLZ/Galanty; Quelle: Fed, EZB, afp

Kooths sagte, das Problem der Staatsschulden müsste fiskalisch gelöst werden. Die Euro-Staaten hätten dies zehn Jahre lang der EZB überlassen und nichts übernommen, obwohl ausreichend Vorschläge auf dem Tisch gelegen hätten: „Das wird nun zu einem Glaubwürdigkeitsproblem für die EZB. Denn wenn die Märkte zu der Auffassung gelangen, dass die EZB nicht ausschließlich die Preisstabilität und damit den Kampf gegen die Inflation im Blick hat, dann werden die Inflationserwartungen steigen und wir haben wirklich eine kritische Entwicklung.“

Kooths sagte: „Sobald sich die Auffassung durchsetzt, dass die EZB nicht mit allen Mitteln die Inflation bekämpft, dann verselbständigt sich die Inflation.“ Käme es dazu, sieht es zwar oberflächlich aus wie eine Lohn-Preis-Spirale, tatsächlich wäre es aber das Ergebnis einer anderen „Preiserwartungshaltung“. Die Inflation werde dann befeuert, „weil keiner mehr damit rechnet, dass die Notenbank gegensteuert“. Die Arbeitgeber würden in diesem Fall die Preise erhöhen, die Arbeitnehmer würden höhere Löhne fordern. Kooths: „An einer Inflation sind jedoch nicht die Tarifparteien schuld, die Verantwortung trägt immer die Geldpolitik.“ Kooths sieht die EZB in der Pflicht, mehr zu unternehmen: „Die zögerliche Haltung ist nicht geeignet, die Inflation zu dämpfen. Es ist Zeit zu handeln, denn jetzt wird die Lage kritisch.“