Ohne Geld auf Einkaufstour: Nazim Salur will Getir zu Europas Nummer eins machen

Der Berliner Zehn-Minuten-Lieferdienst Gorillas ist in Geldnot. Der ehrgeizige Konkurrent aus Istanbul steht angeblich zur Übernahme bereit.

Will Glück bringen: Nazim Salur, Chef und Gründer des Lieferdienstes Getir.
Will Glück bringen: Nazim Salur, Chef und Gründer des Lieferdienstes Getir.Getir

Als der türkische Schnell-Lieferdienst Getir vor gut einem Jahr nach Deutschland kam, ließ dessen Chef und Gründer Nazim Salur keinen Zweifel daran, dass er auf dem hiesigen Markt nicht nur mitspielen will. „Wir streben definitiv die Marktführerschaft an“, sagte der seinerzeit 59-Jährige. Dass die Zehn-Minuten-Boten von Gorillas und Flink da schon längst durch deutsche Kieze wuselten und deren Kundenkarteien exponentiell wuchsen, beeindruckte Salur wenig. Er vertraute auf seine Erfahrung. „Uns unterscheidet von den anderen, dass wir nicht mehr im Level eins sind, sondern im Level sechs.“

Tatsächlich gilt Salur in Europa als der Pionier des ultraschnellen Lebensmittel-Onlinehandels. 2015 hatte er das Unternehmen Getir an den Start gebracht. Es war seine zweite Gründung. Zuvor hatte der studierte Betriebswirt in Istanbul eine App entwickelt, mit der man binnen drei Minuten ein Taxi bekommen konnte. Damals war er Anfang fünfzig.

Der Schnell-Lieferdienst Getir, dessen Name „bring“ auf Türkisch bedeutet, wurde sehr bald zum wertvollsten Start-up in der Türkei und expandierte dank hoffnungsvoller Investoren nach ganz Westeuropa. Erst im Frühjahr hatte Salur für sein Unternehmen noch einmal knapp 800 Millionen US-Dollar eingetrieben, wobei Getir auf 11,8 Milliarden Dollar taxiert wurde. Salurs Ziel: Getir soll die Nummer eins in Europa werden.

Nun steht der Getir-Gründer offenbar kurz davor, einen seiner Hauptkonkurrenten zu schlucken. Laut Bloomberg will der Lieferdienst aus Istanbul das 2020 gegründete Berliner Unternehmen Gorillas übernehmen. Glückt die Operation, wäre Getir nach dem ebenfalls in Berlin ansässigen Food-Kurier Flink immerhin schon mal die Nummer zwei in Deutschland.

Mit Gorillas hatte der 34-jährige Kagan Sümer das Schnell-Liefergeschäft vor mehr als zwei Jahren nach Deutschland geholt. Im Windschatten der Pandemie wurde Gorillas zum Shootingstar des Onlinehandels und erreichte schon wenige Monate nach Gründung milliardenschweren Einhorn-Status. Nachdem das Risikokapital reichlich floss, verloren Investoren zuletzt jedoch den Glauben an das Start-up, das allerdings nach wie vor monatlich zweistellige Millionenbeträge zum Überleben braucht.

Während dort also das Geld knapp wird, steht nun Getir bereit, Firma und vor allem deren Kundenkartei zu übernehmen – auch ohne eigenes Geld. Tatsächlich ist Getir selbst hochgradig defizitär und auf Gedeih und Verderb von Investoren abhängig. In diesem Jahr wird Salur voraussichtlich 100 Millionen Euro verbrennen – in jedem Monat.