Kiew - Wer ist Sergej Kurtschenko?“, fragte die ukrainische Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes in ihrer Ausgabe vom Dezember letzten Jahres. Ein gutes halbes Jahr später gehört Sergej Kurtschenko die Kiewer Lizenzausgabe von Forbes – und obendrein die ganze Verlagsgruppe Ukrainian Media Holding (UMH), in der das Nachrichtenmagazin erscheint. Rund 400 Millionen Dollar soll er angeblich gezahlt haben, weit über Marktpreis. Kurtschenko selbst spricht von 170 Millionen Kaufpreis.

Konzentration auf Gasgeschäft

Viele hatten geglaubt, in der Liga der ukrainischen Oligarchien sei kein Platz mehr, gut 20 Jahre nach der Unabhängigkeit wären die lukrativen Betriebe des Landes längst aufgeteilt. Da machte plötzlich ein 27-Jähriger mit spektakulären Geschäften von sich reden, von dem zuvor kaum jemand etwas gehört hatte: Sergej Kurtschenko. Innerhalb kürzester Zeit stieg er zu einem der wichtigsten Unternehmer des Landes auf, wenn es um Öl und Gas geht. Allein im ersten Halbjahr 2013 soll Kurtschenko rund eine Milliarde Dollar in verschiedenen Bereichen investiert haben, mutmaßen ukrainische Medien.

Das mag ein wenig zu hoch gegriffen sein, aber: „Die Sache mit Kurtschenko ist schon sehr seltsam“, meint der Politologe Wadim Karasjow. „Das Land befindet sich mitten in einer Rezession. Niemand hat Geld für Investitionen – die Regierung nicht und auch nicht die Oligarchen alten Schlages. Und dann kommt ein 27-Jähriger daher und kauft und kauft und kauft.“

Wer sind die Ziehväter dieses jungen Mannes? Die Namen von Ministern tauchen in der Presse auf, über eine Freundschaft mit Alexander Janukowitsch, dem Sohn des Präsidenten, wird gemutmaßt. Kurtschenko weist jeglichen Verdacht der Klüngelei mit den politische Mächtigen weit von sich. Aber die Gerüchte halten sich hartnäckig, dass er nicht nur seine eigenen Geschäfte, sondern auch die Anderer – als Strohmann – betreiben könnte.

Nach seinem Vermögen befragt, erzählt Kurtschenko selbst eine Geschichte, die an die Rockefeller-Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär erinnert. Er war 15 Jahre alt, als er in seiner Heimatstadt Charkow bei der Firma Ekspogas als Kurier anfing. Ein Jahr später war er schon Verkaufsmanager bei Ekspogas. Alle, die damals seine Chefs waren, arbeiten heute übrigens für ihn. Dann stieg Kurtschenko 2004, kaum volljährig, mit einem Eigenkapital von 200 000 Dollar ins Immobiliengeschäft ein. Vier Jahre später machte seine Firma einen Umsatz von 300 Millionen Dollar. Nebenher besuchte der junge Mann die Fachschule, danach studiert er Jura. Und: „Nebenbei entstanden zusätzliche Geschäftsfelder: Aktienhandel, Logistik, Tankstellen“, schrieb Forbes.

Die wichtigste Säule von Kurtschenkos Imperium ist jedoch Erdgas. Er war der erste in der Ukraine, der in großem Maßstab in den Handel mit Flüssiggas einstieg. Das war 2008. Heute kontrolliert er mit der Firma GasUkraina 80 Prozent des nationalen Marktes für Flüssiggas, schätzen ukrainische Experten. Auf der Internetseite von GasUkraina sind die Ziele Kurtschenkos unmissverständlich formuliert: „Wir wollen Marktführer beim Verkauf von Flüssiggas, Erdgas und Erdölprodukten in der Ukraine werden“, heißt es da.

Was der Milliardär Roman Abramowitsch für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, das sei Kurtschenko für dessen ukrainischen Amtskollegen Viktor Janukowitsch, schrieb die Kiewer Zeitung Ukrainskaja Prawda kürzlich. Eine deutliche Anspielung auf die problematische Nähe von Oligarchengeld und politischer Klasse in beiden Ländern. In den Biografien Abramowitschs und Kurtschenkos gibt es viele Ähnlichkeiten, jedoch Unterschiede. Während der russische Milliardär es vorzieht, seine Geschäfte von London aus zu steuern, ist der ukrainische zu Hause geblieben. Und während Abramowitsch den europäischen Spitzenklub Chelsea sein eigen nennt, begnügt sich Kurtschenko derzeit noch mit dem Besitz von Metalist Charkow. Die Mannschaft ist allerdings auch nicht ohne Ambitionen: Sie will sich in Kürze für die Gruppenphase der Champions League qualifizieren.

In Kiew heißt es inzwischen, Kurtschenko werde seinen Medienkonzern für Janukowitsch einsetzen, wenn 2015 wieder Präsidentschaftswahlen anstehen. Mit den Erzeugnisse des UMH-Verlagshauses lässt sich rund ein Drittel der ukrainischen Wählerschaft erreichen. Der Unternehmer bestreitet politische Ziele. Er werde keinen publizistischen Einfluss nehmen, versprach er in einem Interview für nunmehr sein Magazin Forbes. Er erwarte lediglich eine ordentliche Rendite, so zwischen 20 und 30 Prozent. Chefredakteur Wladimir Fedorin, der das Blatt nach dem britischen Vorbild aufgebaut hatte, teilte dem neuen Besitzer inzwischen seine Kündigung mit.