Herr Schäfer-Klug, wie gefällt Ihnen der Stand von Opel auf der IAA?

Ich finde, das ist ein überzeugender Auftritt von Opel. Vor allem die Vorstellung des Monza Concepts. Er zeigt, was Opel kann und wo Opel hin will. Der Wagen ist gleichzeitig Symbol für die Veränderungen im Unternehmen.

Was hat sich denn geändert?

Es hat sich die Qualität des Managements dramatisch geändert, und zwar zum Positiven. IG Metall und Gesamtbetriebsrat haben immer die Auffassung vertreten, „ohne ein hervorragendes Management wird Opel es nicht schaffen“. Nun haben wir dieses Management mit Karl-Thomas Neumann an der Spitze, und die Veränderungen sind innerhalb und außerhalb des Unternehmens deutlich spürbar.

Lag es in der Vergangenheit nicht auch daran, dass Opel-Manager von der General-Motors-Zentrale in Detroit gebremst wurden?

Sicher war das auch der Fall. Aus der Rückschau würde ich aber heute ergänzend auch sagen: Wenn Sie kein Top-Team an der Unternehmensspitze haben, dann können Sie auch bei der neuen Führung von General Motors nicht das nötige Vertrauen gewinnen. Das bedingt sich gegenseitig. Wie würden Sie ein Management beurteilen, bei dem von Monat zu Monat die Planzahlen sich dramatisch verändern? So etwas schafft kein Vertrauen – weder bei GM noch in der Belegschaft. Wir hatten leider zu lange zu viele Manager, die haben das getan, von dem sie glaubten, dass GM es hören will. Das musste schief gehen. Das ist jetzt zum Glück vorbei.

Jetzt wird schonungslos die Wahrheit gesagt?

Jetzt stimmen die Finanzzahlen, die in die USA gemeldet werden. Und Dinge, die noch nicht gut laufen, werden angesprochen und angegangen. Das ist Voraussetzung, um sachlich miteinander daran arbeiten zu können, Opel wieder dahin zu entwickeln, wo Opel einmal war. Es ist auch eine Voraussetzung dafür, von GM die notwendige Unterstützung für Opel zu erhalten. Auf dieser Basis kann das neue Management die Dinge durchzusetzen, die wichtig für Opel sind.

Doch Frieden herrscht noch nicht im Unternehmen. Im Bochumer Werk, das geschlossen werden soll, gab es Anfang der Woche wilde Streiks. Was ist da los?

Was erwarten Sie, was passiert, wenn ein Werk geschlossen werden soll? Die Situation für die Kolleginnen und Kollegen ist seit der Ablehnung des Tarifvertrags dort sehr dramatisch. Alle hoffen nun darauf, dass es so schnell wie möglich zu Verhandlungen mit der IG Metall in Nordrhein-Westfalen kommt. Wir unterstützen dies ausdrücklich. Die Menschen am Standort Bochum und ihre Familien brauchen eine Perspektive für ihre Zukunft. Einfach das Werk Ende 2014 zu schließen, ist sicherlich keine akzeptable Lösung.

Zurück zum Vorstand. Spielt Tina Müller als Marketingchefin neben Herrn Neumann die wichtigste Rolle im Vorstand? Es ist unbestritten, eine wichtige Rolle, aber genauso wichtig sind auch die anderen Funktionen wie Finanzen, Vertrieb und so weiter. Ich spreche bezogen auf Frau Müller lieber von Markenvorstand. Die Marke Opel hat durch die jahrelange Krise und Auseinandersetzungen sehr gelitten. Da müssen jetzt sehr viel Energie und Ideen entwickelt werden, da die Produkte hervorragend sind, aber bei vielen Kunden noch Zweifel an der Marke bestehen. Die Markenchefin hat auch die wichtige Aufgabe, die Wünsche der Kunden und Markttrends in das Unternehmen hinein zu tragen, das heißt über das Produktmarketing beispielsweise dafür zu sorgen, dass das entwickelt wird, was im Markt erfolgreich ist. Die Markenchefin muss sich anderseits auch hier und da gegen den Vertrieb durchsetzen, der in der Vergangenheit allzu schnell dazu tendiert hat, Rabatte zu geben, wenn der Absatz lahmt. Das kratzt aber am Markenimage.

Was bedeutet es, dass Frau Müller zugleich auch Marketingchefin von Buick ist?

Das ist das eigentlich Spannende an ihrem Job. Jetzt besteht die Möglichkeit, Opel und Buick gemeinsam strategisch von Rüsselsheim aus global zu führen.

Branchenkenner werten dies eher als Indiz dafür, dass Opel als Sub-Marke Buick untergeordnet wird und jegliche Eigenständigkeit verliert. Was ist da dran?Es ist genau anders herum. Es ist eine Art Globalisierung von Opel, aber eben gemeinsam mit Buick. Sie dürfen nicht vergessen, dass das Produktportfolio von Buick heute schon zu einem großen Teil aus Opel-Modellen wie Astra und Insignia besteht.

Hat deshalb Opel die Expansion auf wichtige Märke in Schwellenländern wie China aufgegeben?

Die Entscheidung ist längst gefallen, dass wir in China über Buick expandieren werden. Ein verspäteter Einstieg von Opel in China wäre leider wirklich unsinnig. Im großen chinesischen Markt können sie nicht ein kleines Händlernetz teuer neu aufbauen und dann erwarten, erfolgreich zu sein. Buick ist dort schon eine sehr erfolgreiche Marke mit einem hervorragenden Händlernetz und hat bereits Opel-Modelle im Angebot, die dort unter der Marke Buick erfolgreich verkauft werden. Wenn wir jetzt über den Umweg Buick, wie von Herrn Neumann vorgeschlagen, alle unsere Modelle nach China bringen können, ist dies auch eine gute Lösung unter den gerade von mir beschriebenen Umständen.

Hoffen Sie, dass Opel künftig auch Buick-Autos in Deutschland für den Weltmarkt baut?

Ich halte das für denkbar, sowohl für den chinesischen als auch für den nordamerikanischen Markt. Der Vorteil der Buick-Opel-Allianz ist, dass wir nun hier in Deutschland nicht mehr nur Autos für Europa, sondern für den globalen Markt entwickeln. Durch die Zusammenarbeit wird es auch leichter, die Modellvielfalt zu erhöhen.

Das brauchen Sie auch ziemlich dringend. Richtig. Wir brauchen ganz dringend einen neuen Kompakt-Geländewagen auf Basis des Astra, denn das ist ein enorm wichtiger Markt. Da wurde bislang viel verpasst. Wie erfolgreich wir in dem SUV-Segment sein können, zeigt gerade der Opel Mokka. Die spannende Frage ist außerdem: Können wir in der oberen Mittelklasse etwas machen, also mit einem Auto, das größer als der Insignia ist. So ein Auto gibt es im Konzern schon, nämlich den Buick Lacrosse. Ich sehe mit so einem, in Zukunft für beide Marken entwickelten Modell auch Chancen auf dem deutschen Markt.

Muss Opel langfristig ein Premiumanbieter werden?

Der eigentliche Wettbewerber für uns ist VW. Da müssen wir wieder hin. Viele Kunden wünschen sich auch, dass VW von einer deutschen Marke herausgefordert wird. Zur Zeit kommt Opel schneller zurück, als manche unserer Wettbewerber gedacht haben. Die Zeiten, da wir von unseren Wettbewerbern abgeschrieben wurden, sind vorbei. Aber wir wissen auch, dass noch viel Arbeit in eine nachhaltige Zukunft investiert werden muss.

Aber Opel muss noch immer höhere Rabatte als andere gewähren. Das stimmt. Derzeit tobt auf dem gesamten Markt eine Rabattschlacht. Und wir haben intern noch einige Baustellen, der Vertrieb ist eine davon. Da wurden oft schon zu früh die „verkaufsfördernden Maßnahmen“ für unsere Fahrzeuge gestartet. Das wird sich auch ändern. Ganz ohne Rabatte geht es aber für keinen Hersteller mehr. Die Kunden wollen auch einen Verhandlungsspielraum beim Händler haben, wenn sie ein Auto kaufen.

Sehen Sie sich eigentlich als eine Art Co-Manager?

Das Etikett hefte ich mir nicht an. Betriebsräte sind keine Co-Manager. Wir können keine Unternehmensentscheidungen treffen, wir können sie aber sehr wohl beeinflussen. Ein Problem von Opel war, dass der Betriebsrat in der Vergangenheit in der öffentlichen Kommunikation und gegenüber GM Aufgaben übernehmen musste, die das Management eigentlich hätte wahrnehmen müssen. Das ist jetzt anders und das ist gut so. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht um strategische Fragen kümmere. Dies ist ja auch unsere Aufgabe im Rahmen der Unternehmensmitbestimmung im Aufsichtsrat. Da müssen wir am Ball bleiben, sonst bearbeiten wir immer nur die Auswirkungen von Entscheidungen, die andere getroffen haben.

Das Gespräch führte Frank-Thomas Wenzel.