Ein Xenonlampen-Modul für Autoscheinwerfer.
Foto: Paulus Ponizak

BerlinDie Meldung kam überraschend: Zur Wochenmitte hatte der Münchener Licht-Konzern Osram angekündigt, seine Kinoprojektionslampen-Produktion in Berlin zu bündeln. Die Fertigung soll demnach komplett aus dem bayerischen Eichstätt an die Nonnendammallee verlagert werden. Schon für Oktober ist der Umzug geplant. Etwa 120 neue Jobs würden damit in Berlin entstehen.

Für Matthias Engel, Industriemechaniker in der Berliner Spezialhochdrucklampenfertigung, war das eine Nachricht, wie er sie lange nicht mehr gehört hat. Seit 16 Jahren hält Engel die Maschinen in seiner Abteilung in Schuss und im längsten Teil dieser Zeit wurden im Osram-Werk in Siemensstadt immer nur Stellen gestrichen. Von mehreren Tausend Beschäftigten sind noch 650 übrig geblieben. Die weitere Reduzierung auf unter 600 ist bereits verhandelt. „Da freut man sich natürlich über neue Arbeit“, sagt Engel. Und: „Kinolampen würden perfekt zu uns passen.“

In Engels Arbeitsbereich werden Speziallampen hergestellt. Solche für Flutlichtanlagen zum Beispiel oder für Produktionslinien in der Handyherstellung. Lampen aus Berlin, die bei Filmsets Tageslicht simulieren, wurden sogar schon mit einem Oscar ausgezeichnet. Zum Teil hat die Fertigung mit ihren Kleinserien Manufaktur-Charakter. „Wir haben jahrzehntelange Erfahrung“, sagt der 47-Jährige.

Allerdings kennt der Industriemechaniker auch den Preis für die avisierte Aufwertung des Standorts Berlin. Alles deutet darauf hin, dass das Werk bei Ingolstadt geschlossen wird. Laut Auskunft eines Unternehmenssprechers in München solle allen Mitarbeitern in Eichstätt ein Arbeitsplatz in Berlin angeboten werden. Es seien noch Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern zu führen.

Von der IG Metall wurde das Vorhaben indes umgehend kritisiert. Betriebswirtschaftlich gesehen verursache die Verlagerung mehr Kosten, als sie einsparen könne. Es verstoße vor allem gegen eine Betriebsvereinbarung, die eine Standort- und Beschäftigungssicherung bis Ende 2023 enthalte. Dass dies ausgerechnet in Zeiten der Corona-Pandemie geschehe, wenn die Gewerkschaft nicht auf die Straße gehen könne, sei „ein Skandal“. Engel hält den Umzug für nicht aufhaltbar.

Grafik: BLZ/Galanty
Quelle: Osram, Onvista

Tatsächlich steht der ohnehin angeschlagene Osram-Konzern, für den derzeit auch noch die Übernahme durch den österreichischen Sensorhersteller AMS läuft, in der Corona-Krise zusätzlich unter Druck. Allein der Stillstand in der Automobilindustrie, von der bei Osram etwa die Hälfte des Umsatzes abhängt, sorgt für einen herben Einbruch. Die schon länger rückläufige Nachfrage nach Kinoprojektionslampen wurde durch nun weltweit geschlossene Kinos beschleunigt. Erst vor wenigen Wochen hatte die Münchener Konzernzentrale ein weiteres Sparprogramm angekündigt.

In Berlin wird die angedachte Aufstockung der Produktion vor diesem Hintergrund wohl vor allem als Signal verstanden, nicht völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Denn den Leuten hier, wo Osram vor über einem Jahrhundert gegründet wurde, ist schon viel versprochen worden. Im Konzern-Umbau vom Lampenhersteller zum Technologie-Unternehmen sollte Berlin eine wichtige Rolle spielen.

An der Nonnendammallee war ein neues Software- und Elektronik-Zentrum für Technologien zum autonomen Fahren geplant. Rund 200 neue Jobs wurden dafür in Aussicht gestellt. Ein Entwicklungsbereich, in dem Laserlicht-Module für Autoscheinwerfer entstanden, wird im Juni ersatzlos geschlossen. Damit hat auch die kleine Laser-Modul-Fabrik auf dem Osram-Gelände in Siemensstadt kein Nachfolgeprodukt. Ende der Veranstaltung.

Aktuell läuft in dem Werk nur die Speziallampenfertigung. Die Produktion von Xenonlampen für die Autoindustrie steht komplett still. Die etwa 200 Beschäftigten bekommen Kurzarbeitergeld, das laut Betriebsvereinbarungen immerhin bei durchschnittlich 80 Prozent liegt. Bis sie wieder am Band stehen, werden voraussichtlich noch Monate vergehen.

Zwar fahren die Automobilhersteller ihre Werke inzwischen langsam hoch, aber der Markt ist zusammengebrochen und wird sich nicht so schnell wieder erholen. Beim Betriebsrat rechnet man damit, dass noch bis Ende September kurzgearbeitet wird. Dann kommen vielleicht die Kinolampen. Aber auch an der Nonnendammallee weiß man, dass Kino nicht mehr das sein wird, was es vor Corona war.