Ost-West: Die deutsche Lohn-Kluft

Sie ist ein hehres Ziel – und scheint unerreichbar wie der Goldschatz am Ende des Regenbogens: die Angleichung der Einkommen in Ost und Westdeutschland. 23 Jahre nach der Wiedervereinigung klafft noch immer eine große Lücke bei den Löhnen – und sie wird nicht kleiner. Das wird wohl so bleiben: „Seien wir realistisch: Eine volle Angleichung ist in nächster Zukunft nicht zu erwarten“, sagt Ökonom Joachim Ragnitz vom Wirtschaftsforschungsinstitut IFO in Dresden.

Vor 23 Jahren flogen die Hoffnungen hoch: Befreit von den Zwängen der Planwirtschaft und unterstützt von West-Milliarden würden im Osten die Landschaften aufblühen und die Einkommen der Menschen bald an das West-Niveau anschließen, so die gängige Vorstellung nach der Wende.

Ökonomen waren schon damals vorsichtiger. So prophezeite der renommierte US-Wirtschaftswissenschaftler Robert Barro im Wall Street Journal 1991: Innerhalb von 15 Jahren würde der Osten die Hälfte des Einkommensrückstandes zum Westen aufholen, nach etwa 70 Jahren würde die Lücke zu drei Vierteln geschlossen sein.

Niedrigeres Preisniveau

Zunächst ging es viel schneller. Denn die Politik drängte auf eine rasche Erhöhung der Ost-Gehälter, um die Neu-Bundesbürger von den Vorzügen des neuen Systems zu überzeugen. Unterstützt wurden sie von den Gewerkschaften, die die Entstehung einer Lohndrücker-Zone in Deutschland verhindern wollten.

Auch die Unternehmer im Westen zogen mit. Denn „sie wollten den Wert ihrer Fertigungsstätten nicht durch Billigkonkurrenz aus dem Osten senken“, erklärt Heiko Peters von der Deutschen Bank. Im Ergebnis stiegen die Löhne rasch an, was viele Ost-Unternehmen an den Rand des Ruins brachte und die Arbeitslosigkeit in immer neue Höhen katapultierte.

Zwar hat sich die Wirtschaft der nicht mehr ganz neuen Länder inzwischen wieder erholt. Doch die Lohn-Lücke ist geblieben. Seit Anfang der 2000er Jahre ist der Abstand zwischen Ost und West nicht mehr geringer geworden. „Alle Indikatoren zeigen im Durchschnitt keine echte Angleichung mehr“, so Ökonom Ragnitz, „weder bei den Einkommen noch bei der Wirtschaftsleistung.“

Und die Niedriglohn-Zone ist trotz Widerstand entstanden: Im Jahr 2011 verdiente jeder vierte Beschäftigte in Ostdeutschland weniger als 8,50 Euro pro Stunde, errechnete das Wirtschaftsforschungsinstitut in Halle. Im Westen waren es nur elf Prozent der Beschäftigten, die so wenig verdienten.

Laut Statistischem Bundesamt lag im vergangenen Jahr der durchschnittliche Stunden-Bruttoverdienst im Osten 28 Prozent unter dem West-Niveau. Während ein Vollzeit-Beschäftigter im Westen 3 900 Euro pro Monat nach Hause brachte, waren es für die Beschäftigten im Osten im Schnitt nur 2 820 Euro.

Doch das sind nur Durchschnitte. Angeglichen haben sich die Einkommen in der Öffentlichen Verwaltung. Denn hier wird Tarif gezahlt – und die Tarife Ost und West haben sich stark angenähert. Ganz anders sieht es in der Privatwirtschaft aus. Hier verdient ein Ostdeutscher im Durchschnitt nur 65 Prozent des West-Niveaus.

In der Investitionsgüter-Produktion sind es nur 60 Prozent. „Allerdings werden die Unterschiede zum Teil ausgeglichen durch die Tatsache, dass das Preisniveau – insbesondere die Miete – im Osten niedriger ist“, erläutert Ragnitz. So sei das Leben im Osten zehn Prozent billiger als im Westen. Allerdings nur im Durchschnitt. „In Dresden dürfte es kaum Unterschiede zum Westen geben, in der Lausitz dagegen große“, so der Ifo-Ökonom.

Die Gründe für die Lohn-Lücke sind zahlreich. Im Osten ist die Arbeitslosigkeit höher, die Tarifbindung und der gewerkschaftliche Organisationsgrad aber geringer als im Westen. Beides schwächt die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften. Vor allem aber sind die Arbeitnehmer im Osten im Durchschnitt weniger produktiv (siehe unten).

Eine Lösung für dieses Problem wäre zwar der vermehrte Export – der ist aber nur etwas für große Unternehmen mit großer Reichweite. „Man muss sich daher wohl an dauerhaft niedrigere Einkommen im Osten gewöhnen“, sagt Ragnitz. Dabei gebe es allerdings große regionale Unterschiede. So könnten die Einkommen in Jena, Potsdam, Dresden oder Leipzig auf Dauer zum Westen aufschließen.

Große regionale Unterschiede

Die Produktivität sei bei VW in Dresden mindestens so hoch wie in Wolfsburg und bei BASF in Schwarzheide sogar höher als im Stammwerk Ludwigshafen. Andere Regionen würden dagegen weiter zurückfallen. „Solche Unterschiede gibt es zwischen den einzelnen West-Regionen allerdings auch“, so Ragnitz, „der Ost-West-Vergleich macht eigentlich keinen Sinn mehr.“

Die Lohn-Lücke zum Westen bleibt also. Damit wird sich das Versprechen von Christoph Bergner (CDU) wohl nicht erfüllen. „Die ostdeutschen Länder“, hatte der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer vor zwei Jahren behauptet, „werden bis 2019 wirtschaftlich zu den westdeutschen Ländern aufschließen.“ Das dürfte allerdings vorerst ein Traum bleiben. Und Träume, so ein alter Schlager von Judy Garland, erfüllen sich nur in einem „Land irgendwo über dem Regenbogen“.