Ein DHL-Paketbote bei der Arbeit.
Foto: Imago Images/Winfried Rothermel

BerlinDer ohnehin schon boomende Paketversand steigt auch in diesem Jahr in der Vorweihnachtszeit noch einmal sprunghaft an. „Im Vergleich zum Vorjahr erwarten wir einen Anstieg der Paketsendungsmengen im Dezember um sechs bis acht Prozent, sodass wir an den Tagen direkt vor Heiligabend mit neuen Rekordmengen von über elf Millionen Paketsendungen täglich rechnen“, sagt Tina Birke, Sprecherin der Deutschen Post DHL Group in Berlin. Andere Paketdienstleister wie Hermes oder DPD geben ähnliche Prognosen ab. Zu Hochzeiten tragen Zusteller mehr als 200 Pakete am Tag aus. Das zulässige Höchstgewicht beträgt 31,5 Kilogramm.

Die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit von maximal zehn Stunden am Tag werde aber auch in der Adventszeit nicht überschritten, sagt Birke. Man verkleinere deshalb jetzt die Brief- als auch die Paketzustellbezirke und setzt mehr Mitarbeiter und Fahrzeuge ein. Auch die anderen Unternehmen rüsten auf: mit mehr Fahrzeugen, Übergangsfilialen, aber auch Zehntausenden zusätzlichen Aushilfen bundesweit – allerdings zu jeweils unterschiedlichen Anstellungsverhältnissen und Arbeitsbedingungen.

Hermes und DPD arbeiten fast nur mit Subunternehmern

Während DHL fast ausschließlich mit eigenen Zustellern arbeitet, kooperieren Hermes, DPD oder UPS mit Subunternehmen und haben nur wenige eigene Zusteller. Das ist historisch bedingt. So gründete sich DPD beispielsweise aus einem Zusammenschluss von Transportunternehmen und mittelständischen Speditionen. Einige Partnerschaften mit Subunternehmen bestehen so beispielsweise seit 30 Jahren. Der große Unterschied dabei: Die bei den Paketdienstleistern direkt angestellten Mitarbeiter werden nach Tarif bezahlt, die anderen nicht.

So bekommen Paketzusteller der Deutschen Post einen Stundenlohn von mindestens 13,65 Euro plus Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Tariflich Beschäftigte von Hermes, DPD und UPS erhalten in Berlin derzeit zwar auch 13,08 Euro, allerdings ist jeweils nur eine Mitarbeiterzahl im einstelligen Prozentbereich tariflich beschäftigt. Der Mindestlohn für nicht-tariflich Beschäftigte liegt bei 9,19 Euro. „In den meisten Regionen Deutschlands liegt der Zustellerverdienst deutlich über dem Mindestlohnniveau“, betont Peter Ray, Sprecher von DPD. Nur wer ordentliche Konditionen biete, finde schließlich auch die händeringend gesuchten Zusteller. Der Fachkräftemangel in der Branche ist groß.

Der Mindestlohn werde vielfach umgangen

Benita Unger von Verdi Berlin-Brandenburg berichtet dennoch auch von vielen schwarzen Schafen. So werde der Mindestlohn vielfach noch umgangen, und der Anteil der illegalen Beschäftigung in der Branche sei hoch. Genaue Zahlen, wie groß das Problem wirklich ist, hat der Zoll: Bei einer bundesweiten Razzia im Februar dieses Jahres sind rund 12 000 Paketzusteller überprüft worden. Daraufhin sind 92 Strafverfahren wegen Vorenthaltung von Sozialversicherungsbeiträgen und illegaler Beschäftigung von Ausländern eingeleitet worden sowie 168 Bußgeldverfahren wegen Verstößen gegen sozialversicherungsrechtliche Meldepflichten und ausländerrechtliche Bestimmungen.

„Die Zahl der Strafverfahren sind vergleichsweise gering, eine pauschale Verurteilung der Branche halte ich deshalb für nicht angemessen“, sagt Marten Bosselmann, Vorstand des Bundesverband Paket und Expresslogistik (Biek). Lägen Verstöße wie etwa gegen das Mindestlohngesetz vor, müsse dem nachgegangen werden, solche Fälle seien aber eher eine Ausnahme.

Das Paketboten-Schutz-Gesetz soll Besserung schaffen

Dennoch hat sich auch die Bundesregierung dem Thema angenommen und erst im November das Paketboten-Schutz-Gesetz verabschiedet. „Bei Subunternehmern kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Schwarzgeldzahlung, Sozialleistungs- und Sozialversicherungsbetrug zulasten der Beschäftigten“, heißt es aus dem Bundesarbeitsministerium. Das Gesetz legt nun fest, dass die Paketdienstleister haften, wenn Beiträge von den Subunternehmern nicht abgeführt werden.

Andere Themen wie die Einhaltung des Mindestlohns oder Erleichterungen bei der Zustellung im Joballtag behandelt die Neuregelung hingegen nicht, beklagt etwa auch die Fachgewerkschaft DPVKOM. Gerade in einer Stadt wie Berlin hätten Arbeitnehmer in der Branche aber auch mit einer hohen Verkehrsdichte, vielen mehrgeschossigen Wohnanlagen und mangelndem Parkraum mehr Stressfaktoren als Kollegen in ländlichen Regionen. Laut einem aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse Barmer waren Paket- und Postzusteller vergangenes Jahr mit durchschnittlich 34,6 Krankheitstagen weit häufiger krankgeschrieben als Beschäftigte anderer Berufsgruppen. Über alle Berufsgruppen hinweg liegt der Schnitt laut Barmer bei 19,8 Tagen.

Um die Arbeitsbelastung weiter zu verringern – darin sind sich alle Seiten einig – bräuchte es noch mehr Mitarbeiter. Doch Bewerber gibt es zu wenig. Arbeitnehmervertreter sehen eine attraktivere Arbeitsplatzgestaltung außerdem nur mit einer Einführung eines branchenspezifischen Mindestlohns realisiert.